Das Wort "Privatinsolvenz" steht auf einem Trennblatt, während davor ein Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens liegt. | picture alliance/dpa

Creditreform-Studie Viel mehr Privatinsolvenzen

Stand: 08.12.2021 11:06 Uhr

Wegen der Corona-Pandemie haben viele Experten mit einem sprunghaften Anstieg der Insolvenzen in Deutschland gerechnet. In der Realität zeigt sich: Pleite gehen derzeit vor allem Verbraucher, seltener Firmen.

Von Gerrit Rudolph, hr

Die deutsche Wirtschaft kämpft mit Lieferengpässen und Corona-Beschränkungen inmitten der vierten Welle. Das macht das Überleben für viele Unternehmen noch schwieriger. Trotzdem halten sich die Insolvenzen bei den Unternehmen in Grenzen. Allerdings ist die Gesamtzahl in Deutschland auf dem höchsten Stand seit fünf Jahren. Das liegt vor allem an der Rekordzahl von Verbraucherinsolvenzen, also der Zahlungsunfähigkeit von Privatpersonen und Kleinstunternehmen. Die Unternehmensinsolvenzen dagegen steuern dank zahlreicher staatlicher Hilfsmaßnahmen in der Coronakrise auf einen Tiefstand zu. Das zeigt eine neue Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Gerrit Rudolph

Starke Nacholeffekte nach Gesetzesänderung

Danach hat die Zahl aller Insolvenzen in Deutschland um fast 60 Prozent zugenommen. Im Jahr 2021 wurden insgesamt 122.100 Insolvenzfälle registriert. Im Vorjahr waren es 76.730 Fälle. Dieser steile Anstieg war ausschließlich auf ein deutliches Plus der Verbraucherinsolvenzen von 80,9 Prozent sowie der "sonstigen" Insolvenzen von 70,2 Prozent zurückzuführen.

Das hat wesentlich mit einer Gesetzesreform zu tun: Seit diesem Jahr ist es möglich, sich binnen drei Jahren zu entschulden statt wie zuvor in sechs. "Mit dem Blick auf die Gesetzesänderung hatten im Vorjahr viele betroffene Verbraucher mit ihrem Insolvenzantrag noch gewartet", erklärt der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. "Nun ist es 2021 zu massiven Nachholeffekten gekommen."

Ähnlich sieht das Frank Schlein, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif-Bürgel. Allerdings seien wegen der Corona-Lockdowns auch viele Menschen unverschuldet in die Privatinsolvenz gerutscht. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sahen sich plötzlich mit Kurzarbeit konfrontiert, und Selbstständigen brachen Aufträge weg. "Ab Mai sehen wir nun einen Anstieg auch der unmittelbar von der Corona-Pandemie verursachten Insolvenzen," so Schlein.

Unternehmensinsolvenzen gehen weiter zurück

Anders als bei den Verbrauchern setzte sich bei den Unternehmen der Rückgang der Insolvenzen fort. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 10,8 Prozent auf noch 14.300 Fälle im Jahr 2021 ab. In der Corona-Pandemie stützten staatliche Eingriffe mit massiven Finanzhilfen die Wirtschaft. Trotz erheblicher Einschränkungen in vielen Wirtschaftsbereichen wurde eine Insolvenzwelle so unterdrückt.

Das Gros des Insolvenzgeschehens in Deutschland entfällt weiterhin auf den Dienstleistungssektor, der insgesamt 8280 Insolvenzen umfasste. Gegenüber dem Vorjahr (9320 Fälle) war aber ein deutlicher Rückgang (minus 11,2 Prozent) zu beobachten. 3000 Insolvenzen gab es im Handel (2020: 3240) und 2090 im Baugewerbe (2020: 2210).

Kleine Unternehmen häufiger betroffen

Gegen den Trend kam es bei Kleinstunternehmen mit Umsätzen unter 250.000 Euro im Jahr zu mehr Fällen von Zahlungsunfähigkeit. Mit 7340 Fällen beziehungsweise einem Anteil von 51,4 Prozent an allen Unternehmensinsolvenzen war mehr als jede zweite Insolvenz in diesem Jahr eine von Kleinstunternehmen (2020: 7290 Fälle; 45,4 Prozent). Mit Andauern der Corona-Krise hatten diese Firmen immer weniger Reserven.

Größere und bekanntere Unternehmen finden sich in der diesjährigen Insolvenzstatistik wesentlich seltener als im Vorjahr. Von einer Insolvenz betroffen waren in diesem Jahr rund 143.000 Arbeitnehmer - eine deutlich geringere Zahl als im Vorjahr (2020: 332.000). Der Großteil der Insolvenzfälle (84,7 Prozent) betraf kleine Unternehmen mit weniger als fünf Mitarbeitern.

Fortgesetzt hat sich der Trend, wonach weniger die jungen, sondern vorrangig schon ältere Unternehmen in die Insolvenz gehen. Gerade einmal jedes zweite zahlungsunfähige Unternehmen in Deutschland (49,5 Prozent) war jünger als zehn Jahre. Noch im Jahr 2015 lag dieser Anteil bei 59,5 Prozent. Knapp ein Viertel der insolventen Unternehmen war älter als 20 Jahre. Dazu erklärt Creditreform-Experte Hantzsch: "Mit der rückläufigen Gründungstätigkeit in den letzten Jahren sind auch der Unternehmensbestand in Deutschland und damit die Insolvenzkandidaten älter geworden."

Wie geht es in den kommenden Monaten weiter?

Die Zahl der Unternehmenspleiten wird nach den Erwartungen des weltgrößten Kreditversicherers Euler Hermes im kommenden Jahr in Deutschland und weltweit wieder anziehen. Dabei werde die Zahl der Insolvenzen aber auch 2022 noch unter dem Niveau aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 liegen, glaubt man dort.

Grund dafür seien die massiven Stützungsmaßnahmen, mit denen die Staaten Firmen über die Coronakrise hinweghelfen wollten, heißt es in einer im Oktober veröffentlichten Studie von Euler Hermes. "2022 dürften auch in Deutschland die Pleiten wieder um rund neun Prozent auf etwa 16.300 Fälle zunehmen", sagte der Leiter der Branchen- und Insolvenzanalyse des Versicherers, Maxime Lemerle. Das werde sich vor allem im zweiten Halbjahr 2022 zeigen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 08. Dezember 2021 um 13:15 Uhr.