Eine Arbeiterin stapelt Bretter, die für den Export vorgesehen sind. | picture alliance/dpa

Weihnachtsgeschäft in Gefahr? Wehe, wenn China schwächelt

Stand: 01.09.2021 14:58 Uhr

Die rigiden Corona-Maßnahmen in China haben ihren Preis: Die negativen Konjunktursignale aus der Volksrepublik häufen sich. Das verheißt auch für deutsche Unternehmen und Verbraucher nichts Gutes.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

China war die erste große Volkswirtschaft, die sich kraftvoll aus der Corona-Pandemie mit all ihren Lockdowns und Einschränkungen zurückgemeldet hatte. Umso besorgniserregender sind die jüngsten Konjunktursignale aus dem Reich der Mitte - nicht zuletzt für Deutschland, ist China doch der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik.

Schrumpfen statt Wachsen

Zur Wochenmitte ist der vom Wirtschaftsmagazin "Caixin" erfasste Stimmungsindikator überraschend schwach hereingekommen. Mit enttäuschenden 49,2 Punkten hat er zudem eine Schallmauer durchbrochen: Werte unterhalb der sogenannten Expansionsschwelle von 50 Punkten deuten auf ein Schrumpfen der wirtschaftlichen Aktivität hin.

Tags zuvor war bereits der staatliche Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor unter die 50er-Schwelle gerauscht - zum ersten Mal seit Februar 2020, als sich das Land in einem nationalen Lockdown befand.

Hohe Kosten der "Zero Covid"-Strategie

Auf der Suche nach Ursachen für den plötzlichen Schwächeanfall der chinesischen Wirtschaft rücken die rigiden Anti-Corona-Maßnahmen in der Volksrepublik in den Fokus. China fährt gegenüber dem Virus eine Null-Toleranz-Politik - mit Massentests, Lockdowns, Reisebeschränkungen und einem strikten Quarantänesystem. Mit jedem weiterem Ausbruch steigen die wirtschaftlichen Kosten dieser "Zero Covid"-Strategie.

"Sie treffen vor allem den Dienstleistungssektor hart, etwa die Bereiche Transport und Logistik sowie Tourismus und Gastronomie", unterstreicht Wan-Hsin Liu, China-Expertin des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), gegenüber tagesschau.de.

Dr. Wan-Hsin Liu IfW Kiel | Michael Stefan

Dr. Wan-Hsin Liu ist China-Expertin am Kieler Institut für Weltwirtschaft und Koordinatorin des Kieler Zentrums für Globalisierung. Bild: Michael Stefan

Für Furore sorgte in diesem Zusammenhang zuletzt die zeitweilige Schließung des zweitgrößten chinesischen Containerhafens Ningbo - nach nur einem Corona-Fall in der Belegschaft.

Stärkerer konjunktureller Gegenwind

"Es bestehen kaum Zweifel, dass der chinesischen Wirtschaft infolge des Virus und der Regulierung durch die Politik eine weitere Abkühlung bevorsteht", ist denn auch Commerzbank-Analyst Hao Zhou überzeugt. Die Nulltoleranz gegenüber Virusinfektionen werde die Konjunktur weiter dämpfen. Die chinesische Wirtschaft sei stärkerem Gegenwind ausgesetzt.

Vor allem der Inlandskonsum steht unter Druck, wie die schwachen Einkaufsmanager-Daten zum Dienstleistungssektor belegen. Die Auto-Verkäufe brachen in den ersten drei Augustwochen im Jahresvergleich um 15 Prozent ein. Unterm Strich müsse sich der Markt auf ein klares Minus bei den Einzelhandelsumsätzen im August einstellen, betont Ökonom Hao Zhou.

Ein Risiko für die deutsche Wirtschaft

Für die deutsche Wirtschaft sind das schlechte Nachrichten, ist China doch seit 2015 der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik. Neue Engpässe im Seeverkehr, etwa durch Terminalschließungen in China, würden auch viele deutschen Unternehmen hart treffen, erklärt IfW-Expertin Liu.

"Unternehmen, die Elektrogeräte, Konsumgüter und Spielzeuge aus China kaufen und in Deutschland etwa zur Weihnachtszeit verkaufen möchten, dürften als erstes die Verkehrsengpässe zu spüren bekommen." Im zweiten Schritte würden auch Unternehmen aus anderen Branchen, die auf (Vor-)Produkte aus China angewiesen sind, unter den Lieferengpässen leiden.

Nur ein vorübergehendes Phänomen?

Doch es gibt auch Hoffnung: "Wenn die Corona-Maßnahmen in China gut wirken, dann dürften auch die Auswirkung auf die deutsche Wirtschaft eher begrenzt sein", betont Ökonomin Liu. Dann handele es sich bei der jüngsten konjunkturellen Verlangsamung Chinas "eher um ein temporäres Phänomen, wie es auch im Frühjahr 2020 zu beobachten war".

Auch andere Beobachter gehen davon aus, dass sich die konjunkturelle Lage schon bald wieder bessern dürfte, haben Chinas Behörden doch offiziellen Daten zufolge den jüngsten Corona-Ausbruch in vielen Provinzen mittlerweile unter Kontrolle gebracht.

"Da China die Virusbeschränkungen seit Ende August weitgehend aufgehoben hat, dürfte sich die Wirtschaft ab September etwas erholen", meint Commerzbank-Ökonom Hao Zhou. "Wenn es also nicht zu einem weiteren großen Virusausbruch kommt, dürfte die Wirtschaft im dritten Quartal nur einen vorübergehenden Rückschlag erlitten haben und sich im vierten Quartal wieder erholen."

Regulatorische Großoffensive

Auf stimulierende Konjunkturmaßnahmen im großen Stil sollten allerdings weder chinesische noch deutsche Unternehmen hoffen. Der Fokus der chinesischen Wirtschaftspolitik liegt derzeit nämlich ganz woanders: Seit Monaten schon zieht Peking die regulatorischen Daumenschrauben an.

In seinem Kampf gegen die Verschuldung und Exzesse im Immobiliensektor sowie gegen die Macht der Tech-Großkonzerne dürfte Peking auch künftig eher auf konjunkturdämpfende Maßnahmen setzen. Im Juli war die Stahlproduktion auf den niedrigsten Stand seit 15 Monaten gefallen, nachdem Chinas Regierung angekündigt hatte, aus Klimaschutzgründen weniger Stahl zu produzieren.

Die neue Regulierungswut Pekings stellt damit - jenseits der Delta-Variante des Coronavirus - das derzeit wohl größte Risiko für Chinas Wirtschaft und ihre Handelspartner dar.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2021 um 13:43 Uhr.