Die Meyerwerft in Papenburg | dpa
Hintergrund

Kritik an Erhebung Was das BIP nicht messen kann

Stand: 14.01.2022 10:46 Uhr

Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen. Allerdings lässt der Blick auf Euro und Cent andere Faktoren außer acht, die für den Wohlstand wichtig sind.

Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio

Mag sein, dass die Zahlen hinter dem Komma nur die Experten interessieren. Aber ob es mit der Wirtschaft um fast fünf Prozent nach unten geht - wie 2020 wegen Corona -, oder ob sich die Wirtschaft um 2,7 Prozent erholen kann - wie im vergangenen Jahr -, das hat Folgen für viele.

Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio

Bedeutungszuwachs seit den 1940er-Jahren

"Es gibt ja kaum eine Zahl, die so einschlägt wie das Bruttoinlandsprodukt, und damit auch das Wachstum", sagt Philipp Lepenies von der FU Berlin. Der Wissenschaftler hat über "Die Macht der einen Zahl" geschrieben. Macht vor allem wegen der hohen Bedeutung für die Politik. Das zeigt der Blick in die Geschichte: Volkswirtschaftliche Statistiken kamen aus der Nische von Spezialisten erst heraus, als sich die US-Regierung in der Zeit des Zweiten Weltkriegs dafür interessierte, wie die Kriegswirtschaft finanziert werden könne. Man wollte wissen, wie sich die Wirtschaft entwickelte, und brauchte dafür Zahlen.

Die Erfahrungen aus Amerika wurden nach 1945 nach Deutschland übertragen, erklärt Lepenies. "Das prägte aber die Generation meiner Großeltern, wo man ganz klar sagen und zeigen konnte, wie hat sich denn das Leben in den 1950er-Jahren verbessert, von einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Radio hin zu Einfamilienhaus mit Auto und Italien-Reisen." 

Wachstum kann auch negative Folgen haben

Der Gedanke "mehr Wachstum gleich mehr Wohlstand" passte zur damaligen Zeit, so Lepenies. Er könne aber nicht so einfach in die heutige Zeit übertragen werden; schließlich könne Wachstum auch negative Folgen haben. Eine Einschätzung, die auch Eingang in die Politik gefunden hat. So auch in den Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung: SPD, Grüne und FDP wollen die Wohlfahrtsmessung erweitern - ohne die Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts zu schmälern.

"Eine Ökonomie ohne Bruttoinlandsprodukt hätte riesige Analyseprobleme", betont der grüne Staatssekretär Sven Giegold aus dem Bundeswirtschafts- und Klimaministerium. "Aber das BIP ist eben nicht sinnvoll, um zu messen, ob Menschen in Wohlstand leben können, ob es der Natur gut geht, ob die Gesellschaft zusammenhält." Für all das sei das Bruttoinlandsprodukt nicht die alleinig seligmachende Größe, so Giegold.

Neue Faktoren für die Berechnung

Das Standardbeispiel der Ökonomen ist der Autounfall: Für den Einzelnen ein großer Schaden, doch statistisch ein Gewinn. Denn sowohl Reparaturkosten als auch Arztrechnungen gehen in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein. Umgekehrt werden positive Effekte zum Beispiel durch unbezahlte Arbeit oder den Erhalt von Natur nicht in den Zahlen erfasst. In den Jahreswirtschaftsbericht sollen daher künftig weitere Faktoren einfließen, um etwas über die Entwicklung des Wohlstands auszusagen.

"Natürlich wird auch diese Bundesregierung die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts als wichtige Größe nehmen, auch uns geht es darum, dass Menschen ein gutes Leben - und dazu gehört auch materieller Wohlstand - haben", stellt Staatssekretär Giegold klar. "Aber wir nehmen gleichzeitig andere Größen in den Blick. Wir werden genauso schauen, wie wir das Klima schützen, ob die soziale Ungleichheit steigt oder sinkt."

Eine solche Ausweitung von Faktoren zur Messung des Wohlstands hält auch der Politikwissenschaftler Lepenies für sinnvoll. Leichter wird es dadurch aber nicht: "In vielen Bereichen, die für eine Wohlstandsmessung wichtig wären, zeigen sich Veränderungen vielleicht erst in Dekaden, oder vielleicht noch später", so Lepenies. Das freilich ist wieder ein Grund für die große Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts, das sich eben nicht nur einfach berechnen lässt, sondern auch noch schnell verfügbar ist - für Politik und Wirtschaft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 14. Januar 2022 um 06:50 Uhr.