In der Montagehalle des Windenergieanlagenbauers eno energy arbeitet ein Mitarbeiter am Getriebe einer Windkraftanlage. | picture alliance/dpa

Konjunkturflaute Deutsche Wirtschaft stagniert

Stand: 29.07.2022 11:10 Uhr

Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr nicht mehr gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte zwischen April und Juni, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Droht nun eine Rezession?

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft ist in den Frühjahrsmonaten komplett zum Erliegen gekommen. Im zweiten Quartal bliebt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu den ersten drei Monaten dieses Jahres unverändert. Das teilte das Statistische Bundesamt heute in einer ersten Schätzung mit.

Die Wirtschaft gestützt haben vor allem private und staatliche Konsumausgaben. Die externen Faktoren bremsten das Wirtschaftswachstum jedoch aus. "Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich deutlich in der konjunkturellen Entwicklung nieder", erklärten die Wiesbadener Statistiker. Ökonomen hatten mit einem minimalen Plus von 0,1 Prozent gerechnet.

Erstes Quartal besser gelaufen

Anfang des Jahres ist die Wirtschaft allerdings besser gelaufen als gedacht: Die Statistiker korrigierten das BIP-Plus für das erste Quartal auf 0,8 Prozent von zunächst genannten 0,2 Prozent nach oben.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent gewachsen. Vergangenes Jahr spürte die heimische Wirtschaft die Auswirkungen der dritten Corona-Welle noch sehr viel deutlicher.

Bundesbank pessimistisch

Der internationale Währungsfonds IWF hatte zuletzt seine Prognose zum deutschen Wirtschaftswachstum im Gesamtjahr 2022 gesenkt. Für Deutschland rechnet der Fonds mit einem Plus von 1,2 Prozent. Damit hat der IWF seine Prognose aus dem Mai um 0,8 Prozentpunkte deutlich nach unten revidiert.

Die Bundesbank äußerte sich ähnlich pessimistisch für das laufende Jahr. "Im laufenden Quartal dürfte der BIP-Zuwachs aus heutiger Sicht wohl etwas schwächer ausfallen als im Basisszenario der Bundesbank-Projektion vom Juni 2022 erwartet", hieß es im Monatsbericht der Notenbank für den Juli.

Der Krieg in der Ukraine verschärft Probleme, die der deutschen Wirtschaft schon zuvor zu schaffen machten. Steigende Energiepreise und anhaltende Lieferengpässe belasten die Industrie. Zugleich bremst die höchste Inflation seit Jahrzehnten den privaten Konsum, der eine wichtige Stütze der deutschen Konjunktur ist.

Hohe Energiepreise belasten

Auch das ifo-Geschäftsklima, für das etwa 9000 Unternehmen ihre gegenwärtige Geschäftslage und die Erwartungen für die nächsten sechs Monate beurteilen, sank im Juli auf den niedrigsten Stand seit gut zwei Jahren. "Deutschland steht an der Schwelle zur Rezession", sagte ifo-Präsident Clemens Fuest. "Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit belasten die Konjunktur."

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer geht davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft bereits in einem Abschwung befinden dürfte. Wie schlimm es am Ende komme, liege vor allem in den Händen von Kreml-Herrscher Wladimir Putin. "Käme es zu einem kompletten Stopp der Gaslieferungen, wäre eine tiefe Rezession unvermeidlich." Das bedeutet, dass die deutsche Wirtschaft über einen längeren Zeitraum schrumpfen würde.

Euro-Staaten insgesamt wachsen

Die Wirtschaft in der Euro-Zone ist im Frühjahr trotz Rekordinflation und Ukraine-Krieg deutlicher gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt legte in den Ländern mit der Gemeinschaftswährung zwischen April und Juni zum Vorjahresquartal um 0,7 Prozent zu, wie das Europäische Statistikamt Eurostat bekanntgab.

Auf der Wirtschaft im Euroraum lastet die hohe Inflation, die durch den Ukraine-Krieg weiter befeuert wird und das Geschäftsklima trübt. Die Inflation im Euroraum stieg im Juli auf den Höchstwert von 8,9 Prozent. Die EU-Kommission erwartet für das gesamte Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent. Falls Russland der EU den Gashahn komplett zudrehe, drohe in der zweiten Jahreshälfte 2022 eine Rezession, warnte EU-Kommissar Paolo Gentiloni unlängst.

Spanische Wirtschaft robust

Im Gegensatz zur deutschen Konjunktur zeigt sich Spaniens Wirtschaft robust. Dort stieg das Bruttoinlandsprodukt um 1,1 Prozent, wie das Statistikamt INE heute mitteilte.

In Spanien sorgten eine hohes Investitionsaufkommen und ein starker Anstieg des Konsums trotz der hohen Inflation für den Aufschwung. Das Wachstum übertrifft die Erwartungen der spanischen Nationalbank deutlich, die mit einem Plus von 0,4 Prozent gerechnet hatte.

Starker Außenhandel in Frankreich

Frankreich verzeichnete im gleichen Zeitraum ebenfalls ein leichtes Wachstum, das höher ausfiel als erwartet. Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 0,5 Prozent. In den ersten drei Monaten des Jahres hatte Frankreich noch einen leichten Abschwung um 0,2 Prozent verzeichnet. Sowohl die französische Zentralbank als auch das Statistikamt waren für das zweite Quartal dann von einem Wachstum zwischen 0,2 und 0,25 Prozent ausgegangen.

Die bessere Entwicklung geht nun den französischen Statistikern zufolge maßgeblich auf gute Zahlen im Außenhandel zurück. Außerdem fiel der Rückgang der Konsumausgaben mit 0,2 Prozent deutlich weniger stark aus als befürchtet. Insee prognostiziert für das gesamte Jahr 2022 nun ein Wachstum von 2,5 Prozent.

US-Wirtschaft schrumpft

Die USA sind dagegen bereits in eine "technische Rezession" gerutscht. Die Wirtschaftsleistung ging das zweite Quartal in Folge zurück. Im Zeitraum von April bis Ende Juni schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt hochgerechnet aufs Jahr um 0,9 Prozent. Bereits im ersten Jahresviertel war die Wirtschaft um 1,6 Prozent gesunken.