Der Hamburger Hafen | dpa

Angst vor der dritten Welle Wirtschaftsweise senken Konjunkturprognose

Stand: 17.03.2021 12:12 Uhr

Angesichts der anhaltenden Corona-Krise haben die "Wirtschaftsweisen" ihre Konjunkturprognose für 2021 nach unten korrigiert. Eine dritte Infektionswelle könnte die wirtschaftliche Erholung verzögern.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, umgangssprachlich die "Wirtschaftsweisen" genannt, erwartet eine langsamere Erholung der deutschen Wirtschaft als noch vor einigen Monaten. Er rechnet für 2021 nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,1 Prozent. Im Herbst waren die Wirtschaftsweisen noch von 3,7 Prozent ausgegangen.

Für das erste Quartal dieses Jahres erwarten die Wirtschaftsweisen angesichts der andauernden Einschränkungen und weiterhin hohen Infektionszahlen sogar einen Rückgang um 2,0 Prozent.

Dritte Infektionswelle als Risikofaktor

"Das größte Risiko für die Konjunktur in Deutschland stellt eine mögliche dritte Infektionswelle dar, und zwar dann, wenn sie zu Einschränkungen oder gar Betriebsschließungen in der Industrie führen würde", erklärte Volker Wieland, Mitglied des Sachverständigenrates.

Sollte sich der Lockdown um ein Quartal verlängern, dürfte das für Deutschland 2021 erwartete Wirtschaftswachstum von 3,1 Prozent um rund einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, betonte die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer. Sollte sich der Lockdown nur um einen Monat verlängern, dürfte der dämpfende Effekt entsprechend geringer sein.

Die konjunkturellen Folgen des Astra-Stopps

Die Verzögerung der Impfkampagne durch die Aussetzung des Vakzins von AstraZeneca hat "ganz klar wirtschaftliche Auswirkungen", unterstrich die Wirtschaftsweise Veronika Grimm. Dann müssten wohl die Hilfsmaßnahmen verlängert werden und es könnte zu mehr Insolvenzen kommen.

Aber die Nichtverfügbarkeit von AstraZeneca könnte mittelfristig durch andere Impfstoffe kompensiert werden, wenn Vakzine etwa von Johnson & Johnson im Jahresverlauf zur Verfügung stünden. Ein "zügiger Impffortschritt" sei die "größte Chance für die Konjunktur", so Grimm.

Ökonomen fordern bessere Ausnutzung der Impfkapazitäten

Zu Beginn der Kampagne sei die Verfügbarkeit von Impfstoff der "limitierende Faktor" gewesen, sagte Grimm, künftig werde es die optimale Ausnutzung der Kapazitäten in den Impfzentren und der Einbezug von Arztpraxen sein.

"Damit Deutschland das EU-Ziel, 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu impfen, bis Ende September 2021 erreicht, muss die aktuelle Anzahl der täglichen Impfungen in den Impfzentren um 50 Prozent gesteigert werden", betonte die Wirtschaftsweise. Zudem sei es wichtig, auch die Arztpraxen frühzeitig ins Impfen einzubinden.

Inflationsrate bei über zwei Prozent erwartet

Es gebe aber Chancen für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung, wenn die Bevölkerung schneller als erwartet geimpft und Einschränkungen aufgehoben werden, so die Wirtschaftsweisen. Zum Jahreswechsel 2021/22 dürfte die deutsche Wirtschaft wieder Vorkrisenniveau erreichen. Für das Jahr 2022 prognostiziert das Gremium ein Wachstum von 4,0 Prozent.

Die Inflationsrate wird im laufenden Jahr nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen im Schnitt 2,1 Prozent betragen. Nachdem die monatlichen Inflationsraten 2020 über Monate hinweg im negativen Bereich lagen, waren die Verbraucherpreise zu Jahresbeginn nach oben gesprungen: Auf ein Plus von 1,0 Prozent im Januar folgte ein Plus von 1,3 Prozent im Februar.

Nach dem Ausscheiden von Lars Feld gehören zum Sachverständigenrat, der die Politik berät, nur noch Grimm, Schnitzer, Wieland und Achim Truger. Die vier müssen noch einen Chef oder eine Chefin aus ihren Reihen wählen. Gespräche dazu führten noch nicht zu einer Einigung. Vorsitzender des Gremiums war zuletzt Feld, der Ende Februar nach zehn Jahren und zwei Amtszeiten ausschied. CDU/CSU wollten ihm eine dritte Amtszeit gewähren, was die SPD aber blockierte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. März 2021 um 12:00 Uhr.