Eine Krankenschwester steht am Bett eines Intensivpatienten | picture alliance/dpa

Tarifrunde für Pflegekräfte Wenn der Applaus nicht reicht

Stand: 10.05.2021 17:04 Uhr

In der Pandemie wird die Bedeutung der Pflegekräfte oft betont. Den Alltag bestimmen aber meist schlechte Bezahlung und Personalmangel, wie die aktuellen Tarifverhandlungen in Brandenburg zeigen.

Von André Kartschall, RBB

Ralf Franke ist ein vielbeschäftigter Mann. Als ver.di-Verhandlungsführer versucht er gerade, überall in Brandenburg bessere Tarifverträge für die Pflegekräfte in Krankenhäusern zu erreichen. Wenn es nach ihm ginge, sollten alle Krankenhäuser den deutlich höher dotierten Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) übernehmen. "Das Lohnniveau liegt meist nur bei 85 bis 90 Prozent des TVöD", sagt er. Die Folge: Viele Brandenburger Fachkräfte wechseln einfach ins nahe Berlin, wo die Löhne häufig höher sind - teils auf Niveau des TVöD.

Andre Kartschall

Personal wandert ab

Der viel beschriebene Pflegenotstand zeigt sich rund um Berlin in verschärfter Form. Martin Janke, Pflegefachkraft aus Bernau, ist ebenfalls Mitglied des Verhandlungsteams von ver.di. "Wir sitzen 15 Kilometer vor Berlin. Natürlich verlassen uns Kollegen dahin", bestätigt er.

Die verbliebenen Kollegen würden immer weniger und müssten immer mehr Arbeit verrichten. "Es werden zunehmend Pflegeassistenten eingesetzt, weil die Fachkräfte knapp werden. Die Qualität wird tendenziell nach unten korrigiert." Mitarbeiter seien immer häufiger überlastet, offene Stellen könnten monatelang nicht besetzt werden.

Als Hauptursachen dafür nennt die Gewerkschaft zwei Gründe: eine strukturelle Unterfinanzierung des "Systems Pflege" und den demografischen Wandel. Es sei ja seit Jahren bekannt, dass die Gesellschaft im Schnitt immer älter werde. Hinzu komme, "dass wir den demografischen Wandel nicht nur bei den Bewohnern sehen, sondern auch schon bei den eigenen Mitarbeitern. Da sind viele über 55. Und viele davon gehen bald in Rente. Dann wird es richtig knapp", so Janke.

Arbeitgeber sehen keinen finanziellen Spielraum

Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzen die jeweiligen Krankenhausbetreiber. Für das große Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus ist das der Geschäftsführer Götz Brodermann. Seine Analyse der Lage in der Pflege unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der der Gewerkschaft. Auch er beklagt den Fachkräftemangel, den demografischen Wandel und sagt, er würde gern mehr zahlen. Nur wie?

Sein Haus müsse das Geld zusammenhalten, da das Land Brandenburg nicht genug Zuschüsse für Investitionen zahle. Die Mittel müssten anderswo eingespart werden. Dabei habe man die Gehaltsschere zum TVöD in den vergangenen Jahren schon weiter geschlossen, viel mehr sei momentan nicht drin: "Wir haben insgesamt ein strukturelles Problem bei der Finanzierung."

Ver.di und die Arbeitgeber ziehen im Grunde an einem Tischtuch, das einfach nicht groß genug erscheint. Um das Gehaltsniveau deutlich zu heben, müsste mehr Geld in der Pflege ankommen. Das hieße entweder mehr öffentliche Zuschüsse oder mehr Geld von den Pflegekassen - und damit womöglich auch deutlich höhere Beiträge von den Versicherten.

Ein Beruf mit Imageproblem

Einig sind sich die Tarifparteien auch darin, dass die Pflege ein Imageproblem hat. Zu Unrecht, sagt Janke. "Das ist ein sehr schöner Job, der mir viel Freude macht. Wo sonst hat man den ganzen Tag soziale Kontakte?", fragt er.

Der Beruf erscheint vielen jungen Menschen offenbar sowohl finanziell wie auch vom Prestige her als wenig reizvoll. Dabei müssen dringend mehr junge Leute ausgebildet werden, um die vor der Rente stehenden Kollegen zu ersetzen. "Die Frage ist: woher nehmen, wenn nicht stehlen?", beschreibt Geschäftsführer Brodermann sein Dilemma. Und: "Der Pflegemangel wird nicht mit einheimischen Kräften beseitigt werden können." In Cottbus werden gerade 24 vietnamesische Azubis ausgebildet, die extra angeworben wurden. Sie sollen mithelfen, den Bedarf wenigstens etwas abzudecken.

Zähe Tarifverhandlungen

Die Tarifverhandlungen stocken derweil. Momentan verhandelt ver.di mit acht Krankenhäusern. "Wir stehen noch nirgends vor einer Einigung", sagt Franke. In Cottbus hat eine große Berliner Klinik neulich Werbeplakate aufhängen lassen, die Mitarbeiter nach Berlin locken sollten. Das ist vielen hier bitter aufgestoßen.

Brodermann hat die Sache auf dem kurzen Dienstweg mit den Kollegen in Berlin geklärt. "Die Plakate kommen in den nächsten zwei Wochen wieder weg", sagt er. Die strukturellen Probleme aber dürften erst einmal bleiben.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Mai 2021 um 06:38 Uhr.