Neubauten in einem Wohnviertel in Frankfurt | dpa

Materialmangel der Branche Der deutsche Wohnungsbau stockt

Stand: 18.05.2022 15:57 Uhr

In Deutschland sollen 400.000 Wohnungen pro Jahr entstehen, um die Not am Immobilienmarkt zu lindern. Doch das Ziel rückt wegen der Probleme durch den Ukraine-Krieg in immer weitere Ferne, warnt die Bauindustrie.

Die Bauindustrie befürchtet wegen der Probleme als Folge des Ukraine-Kriegs schrumpfende Geschäfte in diesem Jahr. Der anhaltende Materialmangel, steigende Baupreise, zunehmende Stornierungen von Bauprojekten und drohende Kurzarbeit belasten die Branche. Man erwarte für die realen Umsätze nur noch "eine Entwicklung zwischen Null und minus zwei Prozent", sagte Peter Hübner, Präsident des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB), heute in Berlin.

"Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können oft nicht bauen", sagte Hübner. Grund seien Lieferengpässe bei Baumaterialien und höhere Rohstoffpreise. Dies sorge dafür, dass immer mehr Auftraggeber Projekte verschöben oder gleich stornierten. Preise für Betonstahlmatten seien binnen Jahresfrist um 70 Prozent und für Bitumen um 45 Prozent gestiegen.

Die Umsatzprognose steht laut Hübner unter dem Vorbehalt, "dass sich im weiteren Jahresverlauf keine weiteren Verschärfungen bei Energiepreisen und dem Bezug von Baumaterial ergeben". Denn die teure Energie treffe die Betriebe enorm. "Für uns ist Diesel das Mega-Thema." Einen Anstieg der Energiepreise um 30 Prozent könne die Branche nicht ausgleichen.

Russland und Ukraine fehlen als Lieferanten

Zum Jahreswechsel seien die Aussichten für den Bau noch positiv gewesen, so Hübner. Die Branche habe damals nominal für dieses Jahr noch ein Wachstum von 5,5 Prozent angepeilt. Nach Abzug steigender Baupreise wäre dies real ein Plus von 1,5 Prozent gewesen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine verändere die Lage aber völlig. Denn allein ein Drittel der vom Verband befragten Firmen beziehe Material aus den beiden Ländern. Neun von zehn Betrieben beklagten direkte oder indirekte Auswirkungen des Krieges auf ihr Unternehmen.

"Der Krieg legt die engen Lieferketten und Abhängigkeiten brutal und schonungslos offen", sagte Hübner. Dies zeige sich bei einem der größten Stahlwerke in Europa, dem Asowstal-Komplex im ukrainischen Mariupol. Dort, wo sich Soldaten unter Beschuss russischer Truppen verschanzt hatten, dürfte wohl vorerst nicht produziert werden. "Deshalb gibt es bei Stahl eine echte Angebotsverknappung", warnte der Verbandspräsident. Er plädierte dafür, den Produktionsstandort Deutschland weniger abhängig vom Ausland zu machen. Deshalb müsse man mehr heimische Rohstoffe nutzen können. Dies sei vor allem aus Umweltschutzgründen derzeit kaum möglich.

Zehntausende weniger Wohnungen als geplant

Für 2023 rechnet der Industrieverband mit einem ähnlichen Umsatzrückgang wie im laufenden Jahr. "Wir hoffen, dass wir das Ganze 2024 wieder ins Positive drehen können", sagte Hübner.

Das Ziel der Bundesregierung von jährlich 400.000 neuen Wohnungen aus Sicht des Verbands in diesem und auch im kommenden Jahr nicht zu erreichen. "Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr um die 320.000 Wohnungen schaffen werden", sagte der HDB-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 18. April 2022 um 12:00 Uhr.