Arbeiter bei der Montage | picture alliance/dpa/Mercedes-Be

Lage der Unternehmen Es fehlt an Personal und Rohstoffen

Stand: 14.07.2021 15:24 Uhr

Nach dem konjunkturellen Einbruch in der Corona-Krise nimmt die deutsche Wirtschaft wieder Fahrt auf. Jetzt mangelt es nicht mehr an Aufträgen - dafür aber an Personal und Rohstoffen.

Von Steffen Clement, HR

Es klingt nach einer anderen Zeit: Kurzarbeit und die erste Entlassung waren am Jahresende die Sorgenthemen unter den Beschäftigten im Therapiezentrum von Thomas Emler im hessischen Wetzlar. Denn in der ersten und zweiten Coronawelle kam nur noch jeder fünfte Patient zu den Ergo- und Physiotherapeuten. Inzwischen sorgt Corona für mehr Patienten - besonders unter Kindern. "Noch am Jahreswechsel wusste ich nicht, wie ich meine Leute beschäftigen soll", erinnert sich Praxisgründer Emler. "Jetzt weiß ich nicht, wie wir alle Aufträge erledigen können. Wir haben erstmals Wartelisten."

Die gleiche Erfahrung macht Glasbau Hahn. Das Frankfurter Traditionsunternehmen baut mit 100 Beschäftigten Vitrinen für Museen in aller Welt. Als in der Coronakrise Aufträge ausblieben, stieg Mitinhaberin Isabel Hahn auf die Kostenbremse. "Im Dezember haben wir uns von einer Handvoll Mitarbeitern trennen müssen", erinnert sie sich. "Jetzt suchen wir wieder Personal und hoffen, zumindest einen Teil der damals Gekündigten wieder einstellen zu können."

Auf Entlassungen folgt Fachkräftemangel

So unterschiedlich die beiden Firmen und ihre Branchen sind, so beispielhaft stehen sie für die deutsche Wirtschaft. Der Arbeitsmarkt hat eine wahre Achterbahnfahrt hinter sich. Das ifo-Beschäftigungsbarometer stürzte zu Beginn des vergangenen Jahres ab und erholte sich nur langsam. Seit Mai zeigt es an: Es wollen wieder mehr Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen statt abbauen. "Das Instrument Kurzarbeit hat zwar das schlimmste verhindert", erklärt Wirtschaftswissenschaftler Timo Wollmershäuser vom Münchner ifo-Institut, "aber der Fachkräftemangel ist wieder da und wird sich weiter verschärfen."

Ein anderer Corona-Effekt aus Lockdown und Grenzschließungen verstärkt den Personalmangel: In den zwölf Monaten vor Corona - also von Februar 2019 bis Februar 2020 - kamen 255.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland dazu. In den folgenden zwölf Monaten war es nur noch 23.000 - also weniger als ein Zehntel.

Material- und Rohstoffmangel und überhöhte Preise

Personalmangel ist das eine Hemmnis. Der Mangel an Vorprodukten und Rohstoffen ist das andere. "Entweder bekommen wir nichts. Oder aber zu völlig überteuerten Preisen", klagt Unternehmerin Hahn. In den vergangenen Jahrzehnten hat immer nur eine kleine Minderheit in ifo-Unternehmensumfragen angegeben, dass Rohstoffmangel die Produktion behindere. Jetzt sagt das mit 45 Prozent fast die Hälfte.

Einer von ihnen ist Andreas Widl, Konzernchef von Samson. Genügend Aufträge für Industrieventile liegen inzwischen wieder vor. 4500 Mitarbeiter weltweit könnten wieder unter Volllast arbeiten. "Es muss aber nur ein Bauteil nicht verfügbar sein, dann kann das Ventil auch nicht montiert werden", so Widl. Jedem Unternehmer treibt es die Tränen in die Augen, wenn Rohstoffmangel die Produktion ausbremst. Denn normalerweise gilt: Gibt es mehr Aufträge, steigt kurz darauf die Produktion - und umgekehrt. Sinkt der Auftragseingang wie in der Finanzkrise 2008, bricht auch die Produktion ein. So wie noch zu Beginn der Pandemie. Doch jetzt: Die Unternehmen haben viel mehr Aufträge, als sie abarbeiten können.

Gesamte Gesellschaft spürt die Folgen

Das hat, so Wollmershäuser, ganz handfeste Folgen für uns alle: "Die deutsche Industrie kann nicht so viele Beschäftigte einstellen, wie sie das eigentlich tun würde, wenn sie alle Aufträge abarbeiten würde. Und das bedeutet natürlich für unseren Wohlstand: Es gibt Einkommensverluste, die wir nicht hätten, wenn die Produktion hochfahren könnte."

Wie lange der Mangel bestehen und ob sich der Trend sogar verstärken wird, das kann wohl niemand seriös prognostizieren. Nur eines ist klar: Ob Mangel an Rohstoffen oder Fachkräften - beides bremst den Aufschwung am erhofften Ende der Corona-Pandemie.

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen Journal am 20. Mai 2021 um 19:00 Uhr sowie tagesschau24 am 14. Juli 2021 um 12:00 Uhr.