Eine gelbe Ampel neben dem "A" der Arbeitsagentur | dpa

Umschulung wegen Corona Vom Kreuzfahrtschiff ins Krisenteam

Stand: 31.03.2021 11:49 Uhr

Die Pandemie bringt Menschen dazu, sich einen neuen Job zu suchen - teils in einer völlig anderen Branche. In der Krise sehen einige sogar eine Chance für einen Neuanfang.

Von Philipp Wundersee, WDR

Das hektische Treiben in der Küche vermisst sie manchmal: die Gerüche, das eingespielte Team, die frischen Zutaten. Ihr neuer Alltag ist für Köchin Britta Lange anders. Sie arbeitet mit Kindern im Bethanien-Kinderdorf in Schwalmtal am Niederrhein. Die 40-Jährige ist jetzt Kinderdorfmutter.

Philipp Wundersee

"Ich hatte schon lange den Wunsch, einen anderen Weg einzuschlagen", sagt sie. Die gelernte Bäckerin und Köchin lebt und arbeitet mittlerweile mit vier Kindern zusammen in einer Wohngruppe. "Hier ist jetzt große Familie angesagt mit viel Jubel und Trubel", sagt Lange.

Neustart in der Krise

Vorher habe sie ein Produkt hergestellt in der Küche, jetzt sei die Arbeit ein Prozess. Man müsse genau hinhorchen und jeden Tag aufmerksam sein. "Die neue Arbeit erfüllt mich sehr, weil es Sinn stiftet und ich Kinder unterstützen kann, die nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können."

Ein Neustart in der Krise, den sie allen anderen Menschen nur empfehlen kann: "Wenn man nicht ganz zufrieden ist mit dem, was man hat, dann sollte jeder jetzt prüfen, was man anderes machen kann und über den Tellerrand blicken." Dann solle man eine Umschulung wagen, egal wie alt man sei. Sie habe den Schritt bislang keinen Tag bereut und sieht es nicht als Arbeitsplatzverlust.

Gastronomie, Handel, Zeitarbeit besonders betroffen

Gerade bei Minijobs und Selbstständigen komme es inzwischen zu vermehrten Arbeitsplatzverlusten, sagt Holger Schäfer, Arbeitsmarktforscher am Institut der Deutschen Wirtschaft. "Die Schließungen in der Gastronomie und im Einzelhandel dürften erneut viele Minijobs gekostet haben." Die Krise mache sich auch bemerkbar in den wieder schlechter werdenden Chancen von Arbeitslosen auf eine neue reguläre Beschäftigung.

Welche Branchen sind besonders betroffen, wo bemühen sich Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen um einen Wechsel? "Die Beschäftigung ist vor allem in der Metall- und Elektroindustrie, in der Zeitarbeit, im Gastgewerbe und im Handel gesunken", sagt Schäfer. Hier komme es folglich auch zu einer Neuorientierung. Aktuelle Zahlen dazu gebe es nicht, ein Trend lasse sich aber in diesen Branchen feststellen.

Rein in die Behörde, runter vom Kreuzfahrtschiff

Auch Katharina Huss hat einen Neuanfang gewagt. Sie ist quasi über Bord gegangen und hat das große Kreuzfahrtschiff eingetauscht gegen die Behörde. Denn ihren Job gibt es seit gut einem Jahr nicht mehr. Sie leitete auf See die Rezeption. Seit November arbeitet sie im Gesundheitsamt im Kreis Viersen in der Krisenorganisation.

Das sei eine große Veränderung. "Ich vermisse die Seeluft und das Meeresrauschen sehr. Es ist jetzt ein anderes Leben. Es war mir klar, dass es erst einmal hart wird, wieder an Land zu sein in der alten Heimat", sagt Huss.

Auch wenn die Begrüßung im Gesundheitsamt durch das Team sehr herzlich war und der neue Job viel Freude bringt, denkt sie sich immer wieder zurück an die Tage auf See mit ihrer alten Schiffscrew. "Man hat an Bord in einer WG gewohnt mit Hunderten anderen Kollegen. Ich hänge sehr am Tourismus, habe aber die Krise für mich als Chance gesehen." Die Umschulung während Corona sei für sie eine Rettung gewesen, sagt Huss.

Kurzarbeit als Herausforderung

Eine Herausforderung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist auch die Kurzarbeit, erklärt Arbeitsmarktforscher Schäfer. Die nehme vielen Menschen natürlich einen Teil ihres Einkommens. Neben der Verkürzung der Arbeitszeit sei die zweite unmittelbare Reaktion der Betriebe auf Corona der Verzicht auf Neu- oder Wiedereinstellungen. So wurden im 2. Quartal 2020 nur 1,8 Millionen neue Beschäftigungsverhältnisse begründet. Im Vorjahresquartal waren es noch 2,5 Millionen.

Es ist für viele ein Abenteuer, einen neuen Job zu finden oder sich sogar neu zu orientieren. Ob Katharina Huss jemals in ihren alten Job auf dem Kreuzfahrtschiff zurückkehren wird? "Solange die Pandemie noch nicht im Griff ist, bleibe ich weiter in der Heimat und freue mich jeden Tag über meine neue Arbeit", sagt sie. Auch wenn es sie tief im Herzen immer wieder in die weite Welt hinaus zieht.

Über dieses Thema berichtete WDR5 im "Morgenecho" am 31. März 2021 um 09:19 Uhr.