Ein Integrationsmanager spricht mit zwei Geflüchteten | picture alliance / dpa

Geflüchtete auf dem Jobmarkt "Corona hat alle Pläne vernichtet"

Stand: 01.06.2021 12:26 Uhr

Eine aktuelle Studie zeigt: Geflüchtete sind durch die Pandemie auf dem Arbeitsmarkt deutlich stärker zurückgeworfen worden als der Rest der Bevölkerung. Experten zufolge hat Corona die Integration unterbrochen.

Von Gisela Staiger, BR

Die Corona-Pandemie hat es vielen Geflüchteten erschwert, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Eine aktuelle Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt die Gründe auf und offenbart die Dimension des Problems: Ein Vergleich der Monate Dezember 2019 und 2020 zeigt, dass die Arbeitslosigkeit in der Gesamtbevölkerung innerhalb eines Jahres um lediglich einen Prozentpunkt gestiegen ist. Die Arbeitslosigkeit unter den Geflüchteten nahm dagegen um 2,7 Prozentpunkte zu.

Lockdown erschwert Berufseinstieg

Zu den Leidtragenden gehört auch Mariam Alashkar. Die Syrerin ist alleinerziehend und auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz im medizinischen Bereich. Im Februar 2020 hatte die Mutter einer vierjährigen Tochter ihren Sprachkurs auf B2-Niveau erfolgreich abgeschlossen. Doch der Zeitpunkt kurz vor dem ersten Lockdown war denkbar schlecht für den Berufseinstieg. Pro Woche schreibe sie zwei Bewerbungen, sagt Alashkar. Die Ausbeute sei ernüchternd: Bisher habe noch niemand auf ihre Anschreiben reagiert.

In ihrer Heimat hatte die 33-Jährige zunächst im Tourismus gearbeitet, danach als Journalistin bei einem syrischen Fernsehsender. Jetzt vertieft sie weiter ihre Sprachkenntnisse, um für den deutschen Arbeitsmarkt fit zu sein. Doch noch ist ihr Weg steinig. "Ich bin ehrgeizig, ich hatte viele Träume in Deutschland", sagt sie. "Ich dachte: Wenn ich B2 abschließe, dann finde ich sofort eine Arbeit, aber dann kam Corona und hat alles vernichtet, was ich geplant hatte."

IAB-Studie: Stopp von Sprachkursen mitverantwortlich

Der IAB-Studie zufolge führte vor allem der pandemiebedingte Stopp von Sprachkursen und Qualifizierungen zu einem überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei geflüchteten Menschen. Laut dem IAB-Migrationsexperten Herbert Brücker hatte das Institut erwartet, dass ohne die Pandemie die Beschäftigungsquote der Geflüchteten im Jahr 2020 um fünf bis acht Prozentpunkte gestiegen wäre. In Wirklichkeit stieg die Quote nun aber nur um einen Prozentpunkt. "Insofern kann man davon sprechen, dass die Integration unterbrochen worden ist. Das gilt sowohl für den Ausbildungs-, als auch für den Arbeitsmarkt", sagt Brücker.

Experte: Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer wird es

Für Brücker ist Alashkar ein typisches Beispiel für das aktuelle Phänomen bei Geflüchteten in Deutschland: "Das ist genau die Gruppe von Menschen, die im Jahr 2020 oder 2021 sehr gute Chancen gehabt hätte, in den Arbeitsmarkt zu kommen. Und diese Chancen konnten sich durch die Pandemie nicht realisieren."

Je länger die Menschen warten müssten, umso größer sei auch die Gefahr, dass die Motivation und damit verbunden auch gewisse Qualifikationen wie die Sprachkompetenz verloren gehen könnten. Und das mache die spätere Arbeitsmarktintegration wiederum schwieriger. "Insofern ist die Pandemie für die Geflüchteten ein besonders tragisches Ereignis."

Seit fast eineinhalb Jahren bezieht Alashkar nun schon Hartz IV. Die Syrerin hofft, dass durch die Lockerungen auch ihre Chancen wieder steigen. Sie habe einen Betreuungsplatz für ihre Tochter und könnte jederzeit loslegen. Wenn denn mal eine Antwort auf ihre Bewerbungen käme.