Ein Arbeiter beobachtet an einer Papiermaschine in der Papierfabrik des Herstellers Leipa das Papier Brandenburg | dpa

Trend verstärkt sich Warum das Altpapier knapp wird

Stand: 21.09.2021 08:12 Uhr

Seit Jahren wird weniger Papier zum Bedrucken hergestellt. In der Pandemie ist davon auch deutlich weniger im Altpapier gelandet. Die Folge: Die Preise steigen gerade rasant.

Von Heiko Neumann, hr

Noch rollen sie auf die Höfe deutscher Papierfabriken: die mit Altpapier beladenen Lkw. Doch die Taktung nimmt kontinuierlich ab. Der Rohstoff Altpapier wird immer mehr zum knappen Gut: Um 70 Prozent ist der Altpapierpreis seit Jahresbeginn gestiegen. Im August 2021 kostete eine Tonne bereits 170 Euro.

Aus Altpapier wird etwa Zeitungspapier hergestellt; der Anteil liegt hier bei 75 Prozent. Aus recycelten Zeitungen, Plakaten, Flyern und Aufklebern wird wiederum das sogenannte grafische Altpapier gewonnen, das speziell zum Bedrucken hergestellt wird - und gerade das ist knapp geworden.

Dünnere Zeitungen, weniger Altpapier

Während des Lockdowns fielen Zeitungsausgaben deutlich dünner aus. Viele Unternehmen verzichteten auf Werbeanzeigen. Auch Broschüren und Flyer wurden nur in sehr geringen Stückzahlen hergestellt. "Jetzt fehlt das grafische Altpapier", bestätigt Winfried Schaur, Präsident des Verbands der Papierindustrie. "Zum anderen werden viele grafische Altpapiere auch zur Herstellung von Verpackungspapieren und Wellpappe genutzt."

Die Nachfrage nach Verpackungspapier ist in den vergangene Jahren stark gestiegen, was am zunehmenden Onlinehandel liegt. "Umgekehrt ist die Nachfrage nach grafischen Papieren durch die Digitalisierung deutlich gesunken", sagt Schaur. Insofern verlagere sich die Produktion der Papierproduktion hin zu Verpackungspapier.

Strukturwandel auf dem Markt

Seit Jahren befindet sich der Papiermarkt in einem Strukturwandel. Die Nachfrage nach dem sogenannten grafischen Papier ist seit 2012 um 15,3 Millionen Tonen zurückgegangen. Dies entspricht einem Minus von 44 Prozent.

Die Folge: ein starker Abbau von Produktionskapazitäten für grafische Papiere in ganz Europa. So sind allein seit 2016 Kapazitäten in Höhe von 8,2 Millionen Tonnen abgebaut worden. Die aktuell niedrigere Marktversorgung mit grafischen Papieren ist auf diesen Strukturwandel sowie einige pandemiebedingte Probleme in den Lieferketten zurückzuführen.

Verlage und Druckereien besonders betroffen

Den Druck am Markt spürt auch Ralph Hadem, Geschäftsführer der Frankfurter Spezialdruckerei Colour Connection GmbH. "Standardpapiere haben jetzt schon massive Lieferengpässe. Mitbewerber kämpfen um jede Tonne Papier", sagt er. Ab November droht sich die Lage noch zu verschlechtern. "Dann sind die derzeitigen kleinen Vorräte aufgebraucht, und es ist laut Papiergroßhandel nicht klar, wie viel Nachschub kommt", sagt Hadem.

Auch die Qualität des gelieferten Papiers nimmt ab. "Das Papier ist deutlich feuchter als früher", sagt Hadem. "Offenbar fallen Lagerzeiten des Papiers weg. Das ist für uns ein großes Problem, da wir Papiere mit einer Feuchte von mehr als 55 Prozent nur sehr eingeschränkt verarbeiten können."

Nachfrage steigt, Produktion hinkt hinterher

Nicht alle Käufer erhalten die zugesicherten Mengen - oder sie müssen trotz fix vereinbarter Lieferungen zu Festpreisen Aufschläge in Kauf nehmen. Die sich abzeichnende Unterversorgung beobachtet Anja Pasquay, Sprecherin des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger, mit Sorge. "Einige Papierhersteller drosseln stellenweise ihre Produktion - wegen zu hoher Altpapierkosten und eines im Vergleich dazu zu niedrigen Verkaufspreises." 

Die Einkaufs- und Produktionskosten von Druckereien und Verlagen steigen. Und das werden sie zwangsläufig auf die Kunden abwälzen müssen.

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Moderation 21.09.2021 • 14:45 Uhr

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