Bücher sind an einem Stand in den Hallen auf der Leipziger Buchmesse ausgestellt | Bildquelle: dpa

KNV-Insolvenz Der Buchmarkt bebt

Stand: 20.03.2019 00:54 Uhr

Vor einem Monat meldete KNV, der größte Zwischenhändler auf dem deutschen Buchmarkt, Insolvenz an. Das könnte dem Konkurrenten Amazon in die Hände spielen - und der Vielfalt des Verlagswesens schaden.

Von Lena Klimpel, MDR

Man braucht ein Buch, geht in die Buchhandlung, bestellt - und bekommt es in der Regel schon am nächsten Tag. So funktioniert der deutsche Buchhandel bisher. Das alles dank der vier Barsortimente der Großhändler, die in großer Stückzahl Bücher bei Verlagen einkaufen, an Buchhandlungen weiterverkaufen und täglich liefern.

"Systemrelevantes" Liefersystem bedroht

Es ist ein langsam gewachsenes, gut organisiertes System, um das der deutsche Buchmarkt international beneidet wird. Bis jetzt. Denn es steht auf wackligen Beinen, seit Mitte Februar eine Hiobsbotschaft die Branche erreichte: Koch, Neff & Volckmar, kurz KNV, meldete Insolvenz an.

KNV mit Hauptsitz in Stuttgart ist mit mehr als 1800 Beschäftigten der größte Zwischenhändler auf dem deutschen Buchmarkt. Mit rund 590.000 vorrätigen Titeln von mehr als 5000 Verlagen fungiert KNV als wichtiges Bindeglied zwischen Verlagen und Buchhandlungen.

Erst 2014 hatte man ein neues Logistikzentrum in Erfurt in Betrieb genommen - mit einigen Komplikationen. Branchenintern geht man davon aus, dass KNV sich mit dieser enormen Investition übernommen hat.

Die Zahlungsunfähigkeit des Logistikriesen versetzte die Akteure auf dem Buchmarkt trotzdem in helle Aufregung. Fachblätter sprachen von einem "Beben", da mit dem Familienunternehmen ein "systemrelevanter" Dominostein umzukippen drohte.

KNV-Pleite wäre "absolute Katastrophe" für Buchhandel

"Man war unsicher", sagt Irmgard Krahe, Buchhändlerin in Essen. Ihre Fachbuchhandlung arbeitet sowohl mit KNV als auch mit dem wichtigsten Konkurrenten Libri zusammen. Schon kurz nach der Meldung über die Insolvenz von KNV waren viele Titel bei KNV nicht mehr lieferbar, weil die Verlage für ihre Ware kein Geld mehr bekommen hatten.

Sie habe kurzzeitig überlegt, nicht mehr bei KNV zu bestellen, so Krahe. Sie sei aber schnell zu dem Schluss gekommen, an den Bestellungen festzuhalten. Das sei ihr Beitrag, um die Zahlungsfähigkeit des Zwischenhändlers zu gewährleisten, denn: "Wenn KNV pleiteginge, wäre das eine absolute Katastrophe für den Buchhandel." Darüber sei man sich in der Branche auch weitgehend einig. "Es gibt eine große Solidarität mit KNV", stellt Krahe fest.

Firmensitz des Buchgroßhändler KNV in Stuttgart | Bildquelle: dpa
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Am 14. Februar hatte KNV Insolvenz angemeldet.

Branchenweite Solidarität gegen Verlagssterben

Das liegt nicht nur daran, dass Buchhändler die Konkurrenz von Online-Händlern wie Amazon fürchten und deshalb am schnellen Bestellsystem festhalten wollen. Auch die Verlagsvielfalt wäre durch eine KNV-Pleite gefährdet. Denn das Unternehmen ist nicht nur Barsortiment, sondern auch Verlagsauslieferer. Das heißt, Verlage, die bisher mit KNV kooperieren, müssten im Falle einer Pleite ganz neue Vertriebswege für ihre Bücher finden. Nicht einfach, denn keiner der KNV-Konkurrenten könnte in kurzer Zeit das Logistikvolumen des Unternehmens ausgleichen. Und Verlage, die ihre Bücher nicht loswerden, können sich auf dem umkämpften Buchmarkt schwerlich halten.

Das schürt die Angst vor einem Verlagssterben. Sogar der KNV-Konkurrent Libri hat deshalb seine Zahlungen an kleine Verlage vorgezogen. Man wolle "den Buchmarkt in seiner ganzen Vielfalt erhalten", teilte Libri mit.

Ungewisse Zukunft - für KNV und Gläubiger

Auch wenn der Insolvenzverwalter Tobias Wahl um Vertrauen bei der Suche nach Investoren und für eine "nachhaltige Sanierung"  von KNV wirbt: Viele Verlage rechnen schon nicht mehr damit, sämtliche ihrer Ausstände zurückzuerhalten. Zunächst hofft man auf eine Beteiligung am Insolvenzprozess. Bisher sitze kein Branchenvertreter im Gläubigerausschuss. "Wir würden uns wünschen, dass das geändert wird", so der Aufbau Verlag gegenüber tagesschau.de.

Unabhängige Verlage, hinter denen keine finanzstarken Unternehmen stehen, leiden besonders unter der Ungewissheit. Ihre Programme sind oft nicht groß - genau wie die finanziellen Mittel. Umso wichtiger, dass KNV als wichtiger Abnehmer pünktlich zahlt.

Das erfüllt auch Verlegerin Britta Jürgs mit Sorge. Ihr Berliner Aviva Verlag widmet sich mehr als 20 Jahren vornehmlich Texten von Autorinnen. "Wenn einer der größten Kunden wegfällt, dann hat das Konsequenzen für die Verlagsarbeit", betont Jürgs. Sie fürchtet eine Reduktion des Programms und den Verzicht auf Messepräsentationen – gerade für kleinere Verlage könne das das Aus bedeuten.

Ein Mann beklebt Treppenstufen mit dem Logo der Leipziger Buchmesse. | Bildquelle: dpa
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Auf der Leipziger Buchmesse will KNV "persönlich offene Fragen zur aktuellen Situation klären".

Schnelle Lieferung ist "eine großartige Errungenschaft"

Jürgs widerspricht dem Frankfurter Verleger Klaus Schöffling vehement, der KNV zwar auch für unverzichtbar hält, jedoch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zugleich die "heilige Kuh" der Lieferung über Nacht in Frage gestellt hatte. Ein Buchladen sei schließlich "keine Apotheke", so Schöffling.

Jürgs hält dagegen: "Für mich ist die schnelle Lieferung an jeden beliebigen Ort der Republik am kommenden Tag eine großartige Errungenschaft, auf die ich - ob nun als Verlegerin oder als Leserin - nicht verzichten möchte." Ohne sie gäbe man Online-Händlern wie Amazon ein noch größeres Gewicht und der Buchhandel würde immer stärker monopolisiert. Auch Buchhändlerin Krahe hofft, dass KNV und damit das schnelle Bestellsystem erhalten bleiben, "sonst vertreibt man die Kunden aus den Buchhandlungen."

Heute beginnt die Leipziger Buchmesse. KNV will sich dort präsentieren, Einzelberatung für von der Insolvenz betroffene Händler und Verleger anbieten und "ein klares Signal Richtung Zukunft setzen", so Vertriebsleiter Jürgen Klapper. Ob das auch konkrete Pläne für das Überleben des Unternehmens umfasst, wird von der Branche mit Spannung erwartet.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 25. Februar 2019 um 06:17 Uhr.

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