Ein Zug in Österreich vor Alpenpanorama. (Archivbild: 29.12.2016) | picture alliance / ---/Bombardie

Klimaticket in Österreich Ein Jahr durch die Republik für 1095 Euro

Stand: 26.10.2021 08:11 Uhr

Ab heute gilt für ganz Österreich eine neue, preiswerte Jahres-Netzkarte für Bus und Bahn. Das Klimaticket erleichtert Pendlern den Abschied vom Auto, während Experten einen Investitions-Stau befürchten.

Von Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

Der Start des neuen Klimatickets wurde ganz bewusst auf den heutigen Nationalfeiertag gelegt. Mit ihm soll die ökologische Verkehrswende einen großen Schritt vorankommen. Schon seit Wochen wird für das Ticket geworben - auch mit einem Frühbucherrabatt, bei dem die Jahreskarte für ganz Österreich zum Preis von 949 Euro bestellt werden konnte. Laut österreichischen Medien wurden bereits 70.000 Tickets verkauft. 

Nikolaus Neumaier ARD-Studio Wien

Ab heute nun kostet es 1095 Euro. Daneben gibt es günstigere Regional-Tickets, die aber nur zwischen zwei oder drei Bundesländern gelten. Die Umwelt- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler von den Grünen spricht bereits von einem Erfolg. Viele Menschen, so die Ministerin, wollten "klimafreundlich unterwegs sein". Das selbstgesteckte Ziel der Ministerin sind 100.000 Klimaticket-Besitzer in einem Jahr.

Pendler müssen genau rechnen

Die österreichische Bundesregierung und die Landesregierungen der Bundesländer wollen den Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel weiter voranbringen. Einsparungen für den einzelnen sollen dazu einen Anreiz bieten. Doch wie hoch diese sind, hängt auch weiterhin oft noch vom Wohnort und der gefahrenen Strecke ab.

Das Vorzeigeticket gilt für ganz Österreich: Für Fahrten von Wien nach Bregenz, von Innsbruck nach Linz oder von Feldkirch nach Graz, so oft man will. Bei kürzeren Distanzen, etwa zwischen zwei Bundesländern, muss genau gerechnet werden, ob sich das österreichweite Jahresticket tatsächlich lohnt.

Pläne nur zum Teil umgesetzt

In Österreich kursieren Preisbeispiele zur Orientierung: Für Pendler, die etwa aus Krems in Niederösterreich knapp 80 Kilometer in die Bundeshauptstadt Wien fahren, rentiert sich der Kauf eines neuen Jahres-Regionaltickets für die drei Bundesländer Niederösterreich, Burgenland und Wien. Statt 1837 Euro müssen sie nur noch 915 Euro bezahlen. Wer dagegen in schlecht erschlossenen Regionen lebt, dürfte sich den Umstieg auf die Bahn genau überlegen. Für manche wird das Klimaticket das attraktivere Angebot sein als nur regional gültige Zeitkarten. Konkurrenzlos günstig bleibt Wien. In der Hauptstadt kostet das Jahresticket wie bisher nur 365 Euro im Jahr.

In Österreich hält sich die Begeisterung über das Ticket dennoch in Grenzen. Kritiker bemängeln, dass von den einstigen Plänen nur ein Teil realisiert wurde. Tatsächlich hatte sich Ministerin Gewessler ein sogenanntes 1-2-3-Ticket gewünscht: Also ein preiswertes Regionalticket für ein Bundesland, ein etwas teureres Ticket für zwei Bundesländer und dann das Ticket für die ganze Republik Österreich. Das konnte sie so nicht durchsetzen.

Erfolg der Grünen

Experten wie Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien zweifeln außerdem, ob der erhoffte ökologischen Nutzen eintritt. Seine Befürchtung ist, dass der weitere Ausbau des Bus- und Bahnsystems in den Bundesländern ins Stocken geraten könnte, weil zu viel Geld als Subvention in das Klimaticket fließt.

Politisch wird das Klimaticket als Erfolg der Grünen verbucht. Sie hatten mit dem Versprechen im Wahlkampf geworben. In der jüngsten Regierungskrise, die zum Rücktritt von Sebastian Kurz als Bundeskanzler führte, betonten die Grünen gerade mit dem Verweis auf das Klimaticket, dass sie die Koalition mit der ÖVP unbedingt fortsetzen wollen.

Im Vergleich zu Deutschland wirkt die neue österreichische Jahreskarte sehr preiswert. Die Deutsche Bahn verlangt für ihre "Bahncard 100" mehr als 4000 Euro. In der Schweiz kostet das dortige Generalabo rund 3000 Euro. Allerdings: Deutschland ist deutlich größer als Österreich und hat damit auch ein deutlich größeres Bahnnetz. In der kleinen Schweiz ist das öffentliche Verkehrsnetz deutlich besser ausgebaut als in Österreich.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. Oktober 2021 um 06:38 Uhr.