Kohlekraftwerk Mehrum

Nach Kohleausstieg Wohin mit Giftmüll und Klärschlamm?

Stand: 26.02.2019 06:00 Uhr

Mit dem Kohleausstieg bekommen Industrie und Kommunen ein Problem: Klärschlamm und andere problematische Abfälle können sie nicht mehr wie bisher in Kraftwerken verfeuern. Alternativen könnten teuer werden.

Von Jürgen Döschner, WDR

Es geht um Klärschlamm, Altöl, Lösemittel, Raffinerierückstände - mehr als fünf Millionen Tonnen gefährliche oder problematische Abfälle landen jedes Jahr in deutschen Kohlekraftwerken. Das wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und ist völlig legal. Aber es war schon immer stark umstritten.

Einer der größten Einzelposten in der Liste jener Stoffe, die in Kohlekraftwerken mitverfeuert werden, ist Klärschlamm. Bundesweit machen die Rückstände aus kommunalen und industriellen Kläranlagen etwa zwanzig Prozent aller in Kohlekraftwerken entsorgten Stoffe aus.

"Entsorgungsnotstand" in manchen Regionen

Früher landeten Klärschlämme überwiegend als Dünger auf den Äckern. Wegen der hohen Schadstoffbelastung ist diese Art der "Entsorgung" inzwischen weitgehend verboten. Seit Ende 2017 die Regeln noch einmal verschärft wurden, spricht der Verband Kommunaler Unternehmen in manchen Regionen sogar von einem regelrechten "Entsorgungsnotstand".

Wenn nun Zug um Zug sämtliche Kohlekraftwerke vom Netz gehen, dürften sich die Probleme verschärfen. Das Umweltministerium des Landes Nordrhein-Westfalen gab deshalb bereits eine Studie zur Umstrukturierung der Klärschlamm-Entsorgung in Auftrag.

Grüne kritisieren "Billigentsorgung"

Die Ursache dieser absehbaren Entsorgungsprobleme ist aber keineswegs der Kohleausstieg, sagen Kritiker der Abfallverbrennung in Kraftwerken. Zum Beispiel fordert der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, bereits seit Jahren ein Ende dieser "Billigentsorgung", wie er es nennt. Man habe sich viel zu lange auf diesen bequemen und profitablen Weg zur Entsorgung problematischer Abfälle verlassen, der aber letztlich zu Lasten der Umwelt gehe.

Diese Befürchtungen teilt auch der Kieler Umwelttoxikologe Hermann Kruse. Kohlekraftwerke seien für solche Abfälle nicht gebaut, sagt er. Die Gefahr sei zu groß, dass beim Einsatz hochbelasteter Abfälle die Umwelt zusätzlich belastet werde.

Rauch steigt aus dem Braunkohlekraftwerk Schkopau in den Himmel | Bildquelle: dpa
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Das Kohlekraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt. Bundesweit machen Rückstände aus Kläranlagen zwanzig Prozent aller in Kraftwerken entsorgten Stoffe aus.

Feinstaub- und Quecksilber-Belastung

Eine Entscheidung der Aufsichtsbehörden im Saarland aus dem Jahr 2003 bestätigt diese Befürchtungen. Damals wurde der Antrag zur Mitverbrennung von Klärschlämmen in dem Kohlekraftwerk Bexbach untersagt. Die Begründung lautete, man gehe von höheren Feinstaub- und Quecksilber-Belastungen aus.

Für Kraftwerksbetreiber und Abfallproduzenten war die bisherige Praxis der Abfallverbrennung in Kohlekraftwerken ein klassisches Win-Win-Geschäft. Die Energiekonzerne profitieren, weil sie weniger Kohle einsetzen und für die Abfälle keine CO2-Zertifikate bereithalten müssen. Die Erzeuger haben Vorteile, weil sie ihre problematischen Abfälle sonst für viel Geld in Müll- oder Sondermüllverbrennungsanlagen entsorgen müssten.

Das heißt umgekehrt: Mit dem Kohleausstieg und dem Ende der Mitverbrennung von Abfällen müssen sich Industrie und Kommunen Gedanken über die Vermeidung oder eine alternative Entsorgung ihrer problematischen und gefährlichen Abfälle machen - auch wenn es am Ende teurer wird.

Abfälle in Kohlekraftwerken
Jürgen Döschner, WDR
26.02.2019 07:42 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 26. Februar 2019 um 06:48 Uhr auf WDR 5.

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