Fragen und Antworten

Kita wird bestreikt

Fragen und Antworten Worum es beim Kita-Tarifstreit geht

Stand: 20.04.2015 08:52 Uhr

Was sind die Knackpunkte in dem Tarifkonflikt? Was fordern die Gewerkschaften? Welche Einrichtungen sind betroffen und was verdienen eigentlich Erzieherinnen? tagesschau.de gibt Antworten.

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Wie viele Kitas sind vom Streik betroffen?

In Deutschland gibt es insgesamt 53.415 Kindertageseinrichtungen, in denen mehr als 3,2 Millionen Kinder betreut werden. Der Großteil der Kitas - mehr als 35.000 Einrichtungen - ist in der Hand von freien Trägern wie Caritas oder Arbeiterwohlfahrt. Diese Kitas sind nicht von dem Tarifkonflikt betroffen. Allerdings orientieren sich kirchliche Arbeitgeber und freie Einrichtungen häufig an den Abschlüssen im öffentlichen Dienst.

Bestreikt werden ausschließlich die etwa 17.500 Kitas öffentlicher Träger. Dort sind rund 1,8 Millionen Kinder angemeldet.

Wer arbeitet in Kitas?

Laut Statistischem Bundesamt arbeiten etwa 520.000 Menschen als pädagogisches Personal in Kindertageseinrichtungen. Der größte Teil der Beschäftigten, und zwar 95 Prozent, sind Frauen. Dabei hat sich der Anteil der Männer zwischen 2007 und 2014 leicht erhöht, und zwar von 3,2 Prozent auf 4,9 Prozent. Männer, die in Kindertagesstätten arbeiten, haben doppelt so häufig einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss wie ihre Kolleginnen.

Nur rund 40 Prozent der Kita-Beschäftigten arbeiten Vollzeit. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten im Westen (43,5 Prozent) ist deutlich höher als der Osten (29,5 Prozent).

Eine Erzieherin in einer Kita in Halle-Neustadt
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Eine ostdeutsche Erzieherin muss mehr Kinder betreuen als eine in Westdeutschland.

Bei der Arbeitsbelastung gibt es große Unterschiede zwischen Ost und West. Die Bertelsmann-Stiftung hat ermittelt, dass sich eine Erzieherin in Ostdeutschland um durchschnittlich 6,3 Kinder kümmern muss, während es in den westdeutschen Bundesländern lediglich 3,8 Kinder sind. In der Praxis ist der Personalschlüssel jedoch noch schlechter, da eine Erzieherin aufgrund von Teamgesprächen, Fortbildung und Urlaub höchstens 75 Prozent ihrer Arbeitszeit für pädagogische Arbeit nutzen kann.

Die Stiftung empfiehlt, dass bei unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich sein sollte. Für die Altersgruppe ab drei Jahren sollte der Personalschlüssel nicht schlechter als 1:7,5 sein. Am geringsten ist die Arbeitsbelastung in Bremen (3,2 Kinder pro Erzieher/in) und Baden-Württemberg (1:3,3).

Um die Personalschlüssel bundesweit den Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung anzupassen, wären laut Schätzung etwa 120.000 zusätzliche Erzieherinnen erforderlich. Das würde nach Berechnungen der Stiftung jährlich rund fünf Milliarden Euro kosten.

Wer sind die Parteien im Tarifkonflikt?

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vetritt zusammen mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) etwa 240.000 Kinderpfleger, Erzieher und Sozialarbeiter, die in kommunalen Einrichtungen angestellt sind. Folgerichtig sind zum Beispiel auch Werkstätten und Einrichtungen für Behinderte, Jugendzentren oder Kinderheime vom Streik betroffen, was aber nur wenig wahrgenommen wird. Sozialarbeiter in der Drogenarbeit können weniger auf eine öffentliche Lobby zählen als Erzieher.

140.000 Menschen sind im Verband Bildung und Erziehung beim dbb beamtenbund und tarifunion, dem früheren Deutschen Beamtenbund, organisiert. Hier sprachen sich knapp 97 Prozent der Mitglieder für den Streik aus. Bei ver.di waren es 93,5 Prozent. Gestreikt wird seit dem 8. Mai. Allein in Nordrhein-Westfalen befinden sich laut ver.di inzwischen 11.000 Beschäftigte im Ausstand.

Den Gewerkschaften steht die Vereinigung Kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) gegenüber. Die Tarifverträge der VKA gelten für mehr als zwei Millionen Beschäftigte im kommunalen öffentlichen Dienst. Zu den 10.000 Arbeitgebern gehören Stadtverwaltungen, Krankenkäuser, Sparkassen, Nahverkehrsbetriebe oder auch Flughäfen.

Worum geht es in dem Tarifkonflikt?

Die Gewerkschaften fordern eine bessere Bezahlung der Erzieher. Dies soll nicht mit einer pauschalen Lohnerhöhung erreicht werden, sondern durch eine höhere Eingruppierung in der Gehaltstabelle, und zwar durch mehrere Stufen.

Notdienst in einer bestreikten Kita in Ludwigshafen.
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Viele bestreikte Kitas haben einen Notdienst eingerichtet.

Je nachdem, wie viel Berufserfahrung die Mitarbeiter haben, könnte das einen Lohnzuwachs von bis 15 Prozent bedeuten. Für Kita-Leiter fordern die Gewerkschaften einen Zuwachs von teilweise mehr als 17 Prozent. Im Durchschnitt sollen die Angestellten zehn Prozent mehr verdienen.

Diese Forderung begründen ver.di und GEW auch damit, dass die Berufsgruppe in den vergangenen Jahren deutlich weniger von Gehaltssteigerungen profitiert habe als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Zwischen 2004 und 2013 habe sich das Gehalt der Erzieher zwar um mehr als 14 Prozent erhöht, das Durchschnittsgehalt aller Arbeitnehmer jedoch um 21,2 Prozent.

Laut Arbeitgeberseite würden die Gewerkschaftsforderungen die Kommunen pro Jahr 1,2 Milliarden Euro kosten. Die VKA hält diese Belastung für zu hoch. Sie warnt vor Beitragserhöhungen und Einschränkungen bei der Betreuungsqualität.

Außerdem, so die VKA, würden Erzieher im öffentlichen Dienst im Vergleich zu anderen Berufsgruppen bereits jetzt gut bezahlt. Das Gehalt von Erziehern läge schon jetzt über dem von staatlich geprüften Technikern oder Brandmeistern bei der Feuerwehr. Die VKA rechnet vor: Käme es zu der von den Gewerkschaften geforderten Höhergruppierung, würde das ein Plus von 1.240 Euro beziehungsweise 45 Prozent im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen im öffentlichen Dienst bedeuten.

Wie viel verdient eine Kita-Erzieherin derzeit?

Nach GEW-Angaben verdienen Erzieher bei einer Vollzeitbeschäftigung im Durchschnitt 2879 Euro brutto. Damit liege das Gehalt etwa 570 Euro unter dem vom Statistischen Bundesamt für das Jahr 2013 ermittelten Durchschnittsverdienst von deutschen Arbeitnehmern

Kinderpfleger erhalten als Anfangsgehalt 2043 Euro brutto im Monat. Kita-Leiter können, bei besonders großen Einrichtungen, bis zu 4749 Euro im Monat verdienen.

Generell gilt: Die Bezahlung von Erziehern richtet sich nach der Berufserfahrung. Innerhalb einer Gehaltsgruppe gibt es sechs Stufen. Die Gewerkschaften bemängeln jedoch, dass bei einem Arbeitsplatzwechsel die Einstufung nicht zwangsläufig mitgenommen wird. Möglicherweise ist ein Jobwechsel also mit einer neuen und schlechteren Einstufung und damit mit Gehaltsverlust verbunden. Die Regelung der Neueinstufung gilt aber schon seit langem für den gesamten Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst und nicht nur für Erzieher.

Laut VKA und Gewerkschaften verdienen die Erzieherinnen und Erzieher in in Kitas öffentlicher Träger bereits jetzt mehr als in Einrichtungen von freien Trägern.

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