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Die Jahrhundertstrategie der Scheichs

Warum Katar bei Porsche/VW investieren will Die Jahrhundertstrategie der Scheichs

Stand: 12.08.2009 08:55 Uhr

Öl und Gas haben Katar zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht. Über einen Staatsfonds investiert das Emirat jährlich Milliarden Euro in seine Zukunft. Das geplante Engagement bei Porsche/VW zeigt, dass Katar dabei die Lehren aus der Finanzkrise zieht und auf Gegenleistungen setzt.

Von David Rose, tagesschau.de

Mussa Bint Nasser al Missned liebt Porsche. Die zweite Ehefrau des Emirs von Katar kann bei Spritztouren zwischen mehreren schwäbischen Sportwagen aus dem familiären Fuhrpark wählen. Manche Beobachter sehen in ihr die treibende Kraft hinter Katars geplanten Investitionen, die Porsche von einem Teil der offiziell zehn Milliarden Euro Schulden befreien sollen und das Emirat zum VW-Großaktionär machen könnten.

Mussa Bint Nasser al Missned
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Die Frau des Emirs will Porsche-Entwickler nach Katar holen.

Katars Einstieg in die deutsche Autoindustrie folgt aber jenseits persönlicher Vorlieben einer Strategie.  Die Milliardenüberschüsse aus dem Verkauf von Erdöl und Erdgas sollen in die Zukunft des Landes fließen. Es geht darum, Katars Wirtschaft im 21. Jahrhundert auf eine breitere Basis zu stellen und durch Unternehmensbeteiligungen langfristige Einnahmen zu sichern.

"Der Name Porsche zieht"

Derzeit basiert das Bruttoinlandsprodukt zu fast zwei Dritteln auf Öl und Gas. "Katar will die Chemieindustrie ausbauen und eine Automotive Industrie, eine Komponentenindustrie aufbauen", sagt Peter Göpfrich, Geschäftsführer der deutsch-emiratischen Industrie- und Handelskammer. Im Vordergrund stehe dabei der Hochtechnologiebereich. Dazu passe das Vorgehen, sich bei Marken mit Weltruhm einzukaufen. "Porsche ist ein Name, der zieht", so Göpfrich gegenüber tagesschau.de.

Katars Premier Hamad Bin Dschassim al Thani
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Katars Premier Hamad Bin Dschassim al Thani steht an der Spitze des Staatsfonds QIA.

Katar legt Teile seines Reichtums in internationalen Unternehmen mit Wachstumschancen an. Ziel sind verlässliche Gewinne. Eigens dafür gründete das Emirat 2005 den Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA). An dessen Spitze steht Ministerpräsident Hamad Bin Dschassim al Thani, ein Cousin des Emirs. Die Verhandlungen mit Porsche führt offiziell die Qatar Holding LLC, eine Tochterfirma des Fonds.

Katar verschweigt Motive für Investition

QIA scheut die Öffentlichkeit. Wie bei anderen Staatsfonds werden meist nur die größten Investitionen bekannt. "Transparenz ist bei Staatsfonds ein Problem", sagt Steffen Kern, Volkswirt der Deutschen Bank und Staatsfonds-Experte. Aus den genauen Kriterien für Investitionen macht QIA ein Geheimnis. Auch zu den Motiven für das geplante Geschäft mit Porsche und VW wollte sich der Staatsfonds gegenüber tagesschau.de nicht äußern. Der Autokonzern Porsche lehnte einen Kommentar zu Katars Beweggründen ebenfalls ab.

QIA macht nicht einmal Angaben zum Gesamtvermögen, das der Fonds kontrolliert. Schätzungen gehen von rund 60 Milliarden Dollar aus. Bis 2013 könnten es laut Germany Trade & Invest bereits 100 Milliarden Dollar sein. Denn dank rasant steigender Einnahmen wird Katar seinem Staatsfonds in den kommenden Jahren viel Geld für Investitionen überweisen können.

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Porsche hält mit rund 51 Prozent die Mehrheit der VW-Aktien, will aber bis 2011 mit dem Volkswagen-Konzern verschmelzen. Um vorher die Schuldenlast von zehn Milliarden Euro abzubauen, will die Porsche Holding SE Optionen auf weitere VW-Aktien an Katar verkaufen. Infolge des Geschäfts könnte das Emirat Großaktionär bei Volkswagen werden und bis zu 20 Prozent der VW-Anteile übernehmen. Gleichzeitig soll VW der Porsche Holding SE schrittweise den Sportwagenbauer Porsche AG abkaufen und als zehnte Marke in den eigenen Konzern eingliedern. Viele Details der Pläne sind bislang noch offen.

Reichtum aus Öl und Gas investieren

Das Emirat verdoppelte seine Erdölförderung in den vergangenen zehn Jahren bereits und kontrolliert ähnlich große Reserven wie die USA. Eine noch größere Rolle spielt Erdgas. Katar verfügt über die drittgrößten nachgewiesenen Reserven der Welt. Der Anteil an den globalen Vorkommen liegt bei 13,8 Prozent. Die Fördermenge verdreifachte sich seit dem Jahr 2000 und entspricht fast dem Verbrauch Deutschlands.

Porsche-Händler in Doha
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Investitionen bei Porsche passen zu Katars aktueller Strategie.

Getrieben vom Öl- und Gassektor wächst die katarische Wirtschaft seit Jahren rasant - meist mit zweistelligen Zuwachsraten. Trotz globaler Krise wird für das laufende Jahr ein Plus von zehn Prozent erwartet, 2010 werden es Prognosen zufolge mehr als 20 Prozent sein. Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Einwohner stieg das Emirat binnen kurzer Zeit zu einem der drei reichsten Staaten der Erde auf.

Dieser Reichtum floss in den vergangenen Jahren mit Hilfe des Staatsfonds vor allem in die Finanzbranche und in Immobilien. QIA stieg mit 20 Prozent bei der Londoner Börse ein, übernahm rund zehn Prozent der Anteile der Schweizer Großbank Credit Suisse und ist Großaktionär der britischen Bank Barclays. Doch im Zuge der Finanzkrise verloren die Beteiligungen an Wert. QIA musste wie andere Staatsfonds einen Milliardenverlust hinnehmen.

Investition in Industrie statt in die Finanzbranche

Die Folge ist ein Kurswechsel: "Weg von Immobilien und Finanzinvestitionen und rein in Industrieunternehmen, weil die als solider gelten", sagt Göpfrich. QIA prüfe wie andere Staatsfonds, ob ein Unternehmen rentabel und profitabel sei, erläutert Deutsche-Bank-Volkswirt Kern. Vor diesem Hintergrund sind sich Experten einig, dass das Geschäft mit Porsche und die geplante Übernahme eines Pakets von VW-Aktienoptionen den Beginn einer langfristigen Beteiligung markieren sollen.

Als Gegenleistung wünscht sich die zweite Ehefrau des Emirs Unterstützung für eines ihrer Vorzeigeprojekte. Sie trieb den Aufbau eines Wissenschafts- und Technologieparks in Doha voran, der universitäre und industrielle Forschung vernetzen soll. Ein dortiges Porsche-Engagement könnte Teil der Abmachung werden und damit auch langfristig zum erwünschten Technologietransfer ins Land beitragen.

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