Die Karstadt-Filiale in Recklingshausen im Jahr 2015 kurz vor der Schließung | picture alliance / dpa

Ex-Karstadt & Kaufhof-Häuser Mischnutzung heißt die Zauberformel

Stand: 15.07.2020 18:29 Uhr

Die leerstehenden früheren Karstadt- und Kaufhof-Filialen sind für viele Kommunen "offene Wunden". Eine Umnutzung ist oft aufwändig und teuer. Doch genau darin könnte eine neue Chance für Innenstädte liegen.

Von Philipp Wundersee, WDR

Die Fassade des alten Karstadt-Hauses soll bleiben. Denn die habe am Marktplatz in der Altstadt über Jahrzehnte das Stadtbild von Recklinghausen geprägt, betont Bürgermeister Christoph Tesche. Aber alles andere werde bald neu - und besser.

Philipp Wundersee

2016 schloss Karstadt in Recklinghausen. "Damit ging eine mehr als 120 Jahre währende Ära zu Ende", sagt Tesche. "Viele Bürgerinnen und Bürger fühlten sich mit dem Haus emotional verbunden."

Stadt und Investoren setzen nach langem Leerstand jetzt auf eine Mischnutzung auf fast 13.000 Quadratmetern: Loftartige Büroräume, Kindertagesstätte, Wohnungen, inhabergeführter Einzelhandel, Hotel, Gastronomie. Im kommenden Jahr rechnet die Stadt mit der Fertigstellung.

Leerstand wie "offene Wunde"

Die Folgen des Onlinehandels und damit des veränderten Konsumentenverhaltens waren für die Stadt einschneidend. "Jeder Leerstand wirkt wie eine offene Wunde und bedeutet einen Verlust an Attraktivität für das Stadtbild aber auch für das Sortiment einer Einkaufsstadt", sagt der Bürgermeister.

Bonn, Frankfurt, München, Hamburg - in vielen Städten schließt Galeria Karstadt Kaufhof Häuser in prominenten Lagen. Das ist keine leichte Aufgabe für die Städte und die Stadtplaner. "Die Herausforderung besteht darin, die Stadtkerne als Erlebnisorte mit einer breiten Nutzungsvielfalt zu stärken", sagt Norbert Portz vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

"Dazu gehören neben dem Einzelhandel, Gastronomie und Kultureinrichtungen die Schaffung von Wohnraum mit entsprechender Infrastruktur - wie etwa Fachhochschulen oder Kindertagesstätten." Doch mit Blick auf die Gebäude selbst ist das nicht einfach.

Nachfolgenutzung oft schwierig

Wegen der Größe und der Mehrgeschossigkeit von großen Warenhäusern gestalte sich eine Nachfolgenutzung oftmals schwierig. "Die baulichen Gegebenheiten, wie beispielsweise niedrige Decken, lassen eine Umnutzung nicht ohne weiteres zu", sagt Portz. Es brauche immense Finanzmittel für den Umbau.

Das weiß auch der Bürgermeister von Recklinghausen. Trotzdem war der Schritt für seine Stadt wichtig. "Städte sind gut beraten, andere Nutzungen für Einzelhandelsflächen zu finden, wenn diese attraktiv und lebendig bleiben wollen", sagt Tesche.

Auch im benachbarten Hamm stellen sich die Planer die Frage, was aus der Kaufhof-Immobilie werden soll. Die Stadt geht mit dem Eigentümer auf Investorensuche. Das Ziel: ein schlüssiges Konzept entwickeln.

Chance für neuen Wohnraum

Dabei denken Experten auch an Wohnraum, der in vielen Städten gerade in der Innenstadt rar ist. "Eine Funktionsvielfalt in Innenstädten sorgt für Attraktivität und Lebendigkeit. Sie kann insbesondere dazu beitragen, dass Innenstädte auch nach Geschäftsschluss, etwa über eine Wohnnutzung lebenswert bleiben", sagt Portz.

Dem stimmt Stadtforscher Stefan Kreutz von der Hafencity Universität in Hamburg zu. Er analysiert die Transformation von Innenstädten und urbaner Zentren. "Monofunktionale Innenstädte, die fast ausschließlich auf den Einzelhandel setzen, sind außerhalb der Geschäftszeiten unattraktiv und ausgestorben", sagt Kreutz. "Ein zentrales Thema ist hierbei die sehr häufig fehlende Wohnbevölkerung in den Innenstädten." Leerstand von großen und prägenden Immobilien strahle eben auf die Umgebung aus und habe Ansteckungseffekte.

Renaissance der Innenstädte

Der Stadtforscher glaubt an die Entwicklungschancen, wenn er auf die vielen Filialen im Land schaue und appelliert an Kommunen und Investoren, diese Krise jetzt zu nutzen. "Vielleicht wird nicht alles auf Anhieb funktionieren, aber es kann eine Aufbruchstimmung erzeugt werden, die wieder Lust auf die Innenstadt macht", sagt Kreutz. "So kann das Sterben der Kaufhäuser letztlich auch zu einer Renaissance der Innenstädte als urban-kulturelle Orte führen."

Recklinghausen wird den Test machen. Im kommenden Jahr soll das neue MarktQuartier eröffnen - mitten in der Innenstadt.