Janet Yellen, die künftige US-Finanzministerin | AP

Neue US-Finanzministerin Wofür steht Janet Yellen?

Stand: 25.11.2020 09:29 Uhr

Sie soll als erste Frau das US-Finanzministerium lenken: Ex-Notenbank-Chefin Janet Yellen beeindruckte mit ihrem Fachwissen sogar Donald Trump. Wirtschaftspolitisch verfolgt sie eine klare Linie.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

"Wir müssen mehr Geld ausgeben!", fordert Janet Yellen und meint damit den Staat. Die 74-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin soll Joe Bidens Finanzministerin werden. Mit dem anschließenden Satz liefert sie im Corona-Sommer mit seiner zusammengebrochenen Wirtschaft zudem eine Begründung, die in das wirtschaftliche und soziale Konzept des zukünftigen Präsidenten passt: Denn ohne die zusätzlichen Staatsausgaben "werden die arbeitslos gewordenen Menschen es nicht schaffen".

Arthur Landwehr ARD-Studio Washington

Das lässt Ökonomen in den USA sofort darüber spekulieren, ob die Biden-Regierung gleich nach dem Amtsantritt mit dem dann neu gewählten Kongress über ein neues Konjunkturpaket verhandeln wird. Die Wall Street reagiert jedenfalls schon mal mit neuen Rekordständen beim Aktienindex Dow Jones auf Bidens Auswahl für diesen Posten.

"Wie Mary Poppins"

Wer also ist diese Frau mit dem freundlichen Gesicht und den grauen, halblangen, seitlich gescheitelten Haaren? "Eine, die in ihrem Leben eine Glashaube nach der anderen über sich zertrümmert hat", schreibt die "Washington Post". Sie sei "wie Mary Poppins: standfest, aber nett, unglaublich klug und immer bestens vorbereitet". Eine der profiliertesten Fachfrauen der Welt, wenn es um Ökonomie geht.

Sie wäre die erste Frau, die ein amerikanisches Finanzministerium leitet. So wie sie als einzige Frau in ihrem Jahrgang promovierte, die erste Wirtschaftsberaterin eines Präsidenten wurde und die erste Chefin der Notenbank Federal Reserve.

Yellen mit selbstkritischem Rückblick

Christina Romer, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Berkeley, ist begeistert. Sie selbst hat während der großen Rezession für Barack Obama die Konjunkturprogramme organisiert. Wenn es schwierig wurde, sagt sie, habe sie immer Yellen angerufen. Schließlich hatte Yellen, damals bei der kalifornischen Zentralbank, schon 2005 vor der Blase auf dem Wohnungsmarkt gewarnt, die schließlich auf der ganzen Welt Kredite platzen ließ, Banken in die Pleite und Staaten an den Rand des Ruins führte. Die Folgen habe sie aber nicht so gravierend eingeschätzt und deshalb auch nicht auf eine Umkehr der Politik gedrängt, sagt Yellen selbstkritisch im Rückblick.

Janet Yellens Weg in die Politik führte über Bill Clinton, dessen ökonomische Beratergruppe sie leitete. Es kamen Aufgaben als Notenbankerin in Kalifornien. Barack Obama machte sie schließlich 2014 zu einer der mächtigsten Frauen der Welt: Chefin der Notenbank Fed in Washington.

Politik niedriger Zinsen

Dort kam ihr eine besondere finanzpolitische Rolle zu. Die republikanische Mehrheit im Kongress verweigerte Präsident Obama das notwendige Geld für nachhaltige Konjunkturpakete, sie sabotierte geradezu sein Programm für den Wiederaufbau der Wirtschaft. Yellen stellte sich dagegen, half beim Aufschwung mit einer gezielten Politik niedriger Zinsen durch die Fed, um Anreize für Investitionen zu schaffen; die Arbeitslosenquote sank drastisch während ihrer Amtszeit.

Trump tauschte sie als Fed-Chefin aus

Aber es blieb bei einer Amtszeit, denn der neue Präsident Donald Trump schlug sie nicht mehr vor. "Sie ist eine tolle Frau, die einen großartigen Job gemacht hat", sagte er trotzdem bei ihrem Abschied. Er soll durchaus von ihr beeindruckt gewesen sein, aber er hatte sich auch geärgert. Trump warf ihr vor, dass sie mit ihrer Zinspolitik aktiv Hillary Clinton im Wahlkampf unterstützt habe. Außerdem soll er sich immer wieder gegenüber Mitarbeitern über ihre geringe Körpergröße mokiert haben.

Berater rieten Trump außerdem zu einer selbst gewählten, loyalen Besetzung. Yellens Nachfolger Jerome Powell stellte sich dann aber auch als eigener Kopf heraus, der nicht einfach auf Trumps Forderungen reagierte. Jetzt hätte Trump wieder Streit mit Yellen, denn sie dringt auf ein weiteres Konjunkturpaket, das Trump und die Republikaner zuletzt verhindert haben.

Sehr viele Ökonomen halten ein solches Billionen Dollar schweres Paket für notwendig, um die USA durch die Corona-bedingte Wirtschaftskrise zu führen und wieder nachhaltig auf Wachstumskurs zu bringen. Sie erwarten, dass Yellen genau das angehen wird. In ruhigen wirtschaftlichen Zeiten gilt sie eher als eine, die auf solide Staatsfinanzen achtet, immer wieder vor zu hohen Staatsschulden warnt, auch wenn sie Schulden grundsätzlich für akzeptabel hält. In der Krise aber hat nach ihrer Auffassung der Staat die Aufgabe, mit viel Geld für lange Zeit das Land wieder voranzubringen.

Schecks für die Amerikaner

Die USA haben im Laufe dieses Jahres drei Billionen Dollar quasi gedruckt, sie haben damit Unternehmen über Wasser gehalten, Arbeitslosen Unterstützung gezahlt, mit Investitionen für Aufträge gesorgt. Sogar einen Scheck über 1200 Dollar, versehen mit dem Namen des Präsidenten, erhielten die meisten Amerikaner. Das zu wiederholen, würde Yellen wohl nicht ablehnen, auch wenn die Schuldenquote in den USA inzwischen bei 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt.

So wie Yellen überhaupt der Auffassung ist, dass der Staat mit seinem Geld lenken soll. Beispielsweise tritt sie für CO2-Abgaben ein, um den Klimawandel zu bekämpfen. Und sie ist fest davon überzeugt, dass man mit einem wirtschaftspolitischen Kulturwandel dabei helfen kann, Ungleichheit oder Rassismus zu bekämpfen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. November 2020 um 12:41 Uhr.