Arbeiterinnen in einer Fabrik in China (Archivbild) | dpa

IWF-Prognose zur Weltwirtschaft Globales Wachstum mit großer Ungleichheit

Stand: 27.07.2021 19:11 Uhr

Der IWF hat seine Wirtschaftsprognose für die Industriestaaten deutlich angehoben. Für ärmere Länder wurde sie dagegen gesenkt. Wachstumsbeschleuniger und -bremse ist demnach der Zugang zu Corona-Impfstoffen.

Die Weltwirtschaft erholt sich von der Corona-Krise, aber die Ungleichheit steigt dabei nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) weiter: Für die reichen Industrieländer, darunter Deutschland, haben sich die Wachstumsaussichten einer neuen Prognose zufolge nochmals verbessert, die Aussichten für viele ärmere Entwicklungs- und Schwellenländer haben sich hingegen verschlechtert.

Die Konjunkturaussichten vieler Staaten hingen inzwischen direkt von deren Zugang zu Corona-Impfstoffen ab, erklärte der IWF. Zudem können ärmere Länder Arbeitsmarkt und Konjunktur nur sehr begrenzt stützen.

Zugang zu Corona-Impfstoffen als Wachstumsindikator

Die Weltwirtschaft soll der Prognose zufolge dieses Jahr um sechs Prozent wachsen. Das entspricht dem vorigen Ausblick vom April, aber die Zusammensetzung des Wachstums hat sich geändert: Das Plus für die Industrieländer soll demnach 5,6 Prozent betragen, 0,5 Prozentpunkte mehr als noch im April angenommen. Die Prognose für die Wirtschaft der Entwicklungs- und Schwellenländer für 2021 hingegen wurde um 0,4 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent gesenkt.

"Schneller als erwartete Impfkampagnen und die Rückkehr zur Normalität haben zu Hochstufungen geführt, während der mangelnde Zugang zu Impfstoffen und wiederholte Covid-19-Wellen in manchen Ländern, insbesondere in Indien, zu Herabstufungen geführt haben", so IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath. "Die weltweite Erholung der Wirtschaft setzt sich fort, aber mit einer größeren Lücke zwischen entwickelten Volkswirtschaften und vielen Schwellen- und Entwicklungsländern", sagte sie. Das Muster werde sich dem IWF zufolge auch 2022 fortsetzen.

Wachstumsprognose für 2022 auf 4,9 Prozent angehoben

Die Weltwirtschaft soll demnach im kommenden Jahr insgesamt um 4,9 Prozent wachsen, 0,5 Prozentpunkte mehr als noch im April angenommen. Angetrieben werden soll die Entwicklung von einem stärkeren Wachstum der Industrieländer (4,4 Prozent), vor allem aufgrund höherer staatlicher Ausgaben in den USA und der EU. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Schwellen- und Entwicklungsländer wiederum soll um 5,2 Prozent wachsen, eine Zunahme von 0,2 Prozentpunkten gegenüber der April-Schätzung. Die globale Erholung der Wirtschaft "ist nicht gesichert, bis die die Pandemie weltweit zurückgeschlagen ist", sagte Gopinath.

Allein die Wachstumsprognose für die USA, die weltgrößte Volkswirtschaft, hob der IWF zum Beispiel für kommendes Jahr auf 4,9 Prozent an. Auch Deutschlands Wirtschaft soll 2022 stärker zulegen: Nach einer Prognose von 3,4 Prozent im April geht der IWF nun von einem Wachstum von 4,1 Prozent aus. Für dieses Jahr wird weiter ein Plus von 3,6 Prozent erwartet.

Die vergleichsweise hohe IWF-Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft liegt zum Teil auch daran, dass viele Staaten im Vorjahr wegen der Corona-Krise eine Rezession von historischem Ausmaß erlebt hatten und nun wieder aufholen. Dem IWF zufolge brach die globale Wirtschaft im vergangenen Jahr wegen der Pandemie um 3,2 Prozent ein.

Höhere Inflation und steigende Verbraucherpreise

Der IWF geht unterdessen davon aus, dass sich die aktuell höheren Inflationsraten in den Industriestaaten im kommenden Jahr wieder auf das Niveau von vor der Pandemie einpendeln dürften. Viele Faktoren, die die Preise antrieben, seien vorübergehend, und die Lage am Arbeitsmarkt sei in den meisten Ländern weniger gut als vor der Pandemie. "Diese Einschätzung ist jedoch wegen der beispiellosen Natur dieser Erholung mit bedeutender Unsicherheit verbunden", sagte Gopinath ein. Nachhaltige Störungen globaler Lieferketten und ein starker Anstieg der Immobilienpreise seien Faktoren, die zu nachhaltig höherer Inflation führen könnten, warnte Gopinath.

Gleichwohl erwartet der IWF zunächst steigende Verbraucherpreise. Die Preise dürften in diesem Jahr in den Industriestaaten um durchschnittlich 2,4 Prozent zulegen, so der IWF. Im April war er nur von 1,6 Prozent ausgegangen. Für 2022 wurde die Prognose von 1,7 auf 2,1 Prozent erhöht.

IWF warnt vor rascher Abkehr der Billig-Geld-Politik

Der IWF warnte die Zentralbanken aber davor, angesichts steigender Teuerungsraten ihre Unterstützung für die Wirtschaft durch billiges Geld zu früh zurückzufahren. "Die Zentralbanken sollten generell über vorübergehenden Inflationsdruck hinwegsehen und eine Straffung vermeiden, bis mehr Klarheit über die zugrundeliegende Preisdynamik besteht", hieß es. Das müsse von den Währungshütern gut erklärt werden, damit sich Inflationserwartungen nicht verfestigten.

Wegen der Corona-Rezession hatten Notenbanken wie die EZB im vergangenen Jahr weltweit ihre Geldpolitik weiter gelockert, etwa durch den milliardenschweren Kauf von Wertpapieren. Damit wird Geld in die Wirtschaft gepumpt, was Investitionen und Konsum anregen und der Konjunktur aus dem Corona-Tal helfen soll.

Asiatische Staaten als Wachstumsverlierer

Zu den Verlierern der jüngsten Prognose gehören unter anderem die Staaten Asiens, die zuletzt mit einer neuen Corona-Welle zu ringen hatten. Neben Indien zählt der IWF auch Malaysia, Thailand, Vietnam die Philippinen und Indonesien zu dieser Kategorie. Das Wachstum in Indien etwa soll dieses Jahr infolge der dramatischen Corona-Welle rund 9,5 Prozent betragen - und damit drei Prozentpunkte weniger als noch in der April-Prognose.

Die Wachstumsprognose für China wurde ebenfalls gesenkt, allerdings vor allem wegen abnehmender staatlicher Unterstützung für die Wirtschaft. Die zweitgrößte Volkswirtschaft soll dieses Jahr um 8,1 Prozent wachsen. Nächstes Jahr soll es ein Plus von 5,7 Prozent geben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2021 um 17:09 Uhr.