Ein Blick auf die Hänge am Stubaier Gletscher in Tirol (Archivbild). | Bildquelle: dpa

Tourismus in Österreich Ein Winter ohne Deutsche?

Stand: 01.10.2020 02:30 Uhr

Sorge in Österreichs Skigebieten: Nachdem Deutschland eine Reisewarnung für Tirol und Vorarlberg ausgesprochen hat, fürchtet die Tourismusbranche historische Verluste. Hygienekonzepte sollen das verhindern.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

"Natürlich wird die ganze Welt auf uns schauen, jetzt zu Saisonbeginn", sagt Andreas Steibl, der langjährige Geschäftsführer des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl. Aus dem "ganzen Erlebten" - und damit meint Steibl die massive Corona-Verbreitung durch Tausende von Touristen in Europa und im Ausland - habe man Erfahrungen gesammelt.

In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich in Ischgl Seilbahn-Besitzer, Gemeinde, Behörden, Tourismusverband und Virologen zusammengesetzt, um ein Maßnahmenpaket auf die Beine zu stellen, das zeigen solle, "dass wir aus den Erfahrungen gelernt haben, damit so etwas nie wieder passieren wird. Wir setzen hier wirklich an, damit unseren Gästen, den einheimischen Mitarbeitern für diesen Winter schlussendlich auch das Maximum an Gesundheit gewährleistet wird".

Wöchentliche Tests

So würden alle Mitarbeiter in Ischgl wöchentlich getestet: im Service-Bereich, Busfahrer, Skilehrer und Kassiererinnen in den Lebensmittelgeschäften. Anreisenden Touristen werde empfohlen, ein aktuelles Testergebnis mitzubringen. Eine "Screening-Station" stehe den Gästen zur Verfügung. Es gehe um die "Reputation", sagt Ischgls Tourismus-Geschäftsführer Steibl.

Skifahrer in Ischgl | Bildquelle: dpa
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Touristen wird empfohlen, ein aktuelles Testergebnis mitzubringen.

Jeder dritte Euro aus der Tourismusbranche

Allein im Paznaun-Tal seien die Einnahmen aus dem Wintertourismus von zentraler Bedeutung, sagt der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner. Er hat lange Jahre die teilweise orgiastischen Trinkexzesse im Ischgler Skigebiet in einem Bildband dokumentiert. "Ganze Ortschaften leben von Ischgl. Das ist eine unheimliche Wirtschaftskraft in dieser Region des Tiroler Oberlandes", sagt er. Es betreffe nicht nur die 1600 Leute, die in Ischgl lebten, sondern es gebe "eine unheimliche Strahlkraft auf 10.000 bis 20.000 Leute." Da hänge "ein riesiger Rattenschwanz an Wirtschaftsbetrieben dran".

Tirols Landeshauptmann Günther Platter bricht die große Abhängigkeit seines Bundeslandes vom Tourismus auf die Formel herunter: "Ein Drittel aller Übernachtungen in Österreich finden in Tirol statt. Jeden dritten Euro verdienen wir durch den Tourismus."

Entsetzen nach Reisewarnung

Nachdem Deutschland in der vergangenen Woche für die österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg eine Reisewarnung ausgesprochen hat - für Wien gilt die Reisewarnung bereits seit Mitte September - herrscht in Österreichs Politik, Wirtschaft und in Medien großes Entsetzen.

"Ein Winter ohne Deutsche?“ titelte die eher bedächtige "Wiener Zeitung". Den Skigebieten drohe ein Totalausfall bei ausländischen Touristen. Die Zahlen, die die staatliche Statistikbehörde Anfang dieser Woche veröffentlichten, waren eindeutig: Mit 14,3 Prozent brach im zweiten Quartal dieses Corona-Jahres Österreichs Wirtschaft ein, noch massiver als etwa Frankreich und Italien.

Leere Stühle in einer Bar in Ischgl. | Bildquelle: dpa
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Leere Stühle in einer Bar in Ischgl.

Einer der Hauptgründe: Die große Abhängigkeit vom Tourismus, die 15 Prozent der österreichischen Wirtschaft ausmacht. Zwischen Mai und August sanken die Übernachtungen gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 um 33 Prozent. Die Buchungen der deutschen Touristen gingen um 43 Prozent zurück, auf 23,8 Millionen.

Prognose: ein Minus von bis zu 25 Prozent

Die Prognosen für die Wintersaison sind angesichts des schwankenden Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Reisewarnungen recht vage: Das Wirtschaftsforschungsinstitut in Wien rechnet mit einem Minus von bis 25 Prozent im Wintertourismus.

Auf jeden Fall, davon ist Fotograf Hechenblaikner überzeugend, wird der nächste Skiwinter in Ischgl deutlich anders ablaufen, nicht zuletzt aus Sorge davor, dass noch einmal "etwas" passieren könnte: "Natürlich diese Ausgelassenheit wird es nicht mehr geben. Das ist keine Frage. Wenn das noch mal auftritt, was gewesen ist, dann ist überhaupt Schluss."

Wie sich Ischgl und andere Orte auf den Winter-Tourismus vorbereiten
Clemens Verenkotte, ARD Wien
30.09.2020 20:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Oktober 2020 um 09:12 Uhr.

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Clemens Verenkotte, BR

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