Interview

Banken Stresstest Expertenkommentar

Interview zum Stresstest-Ergebnis "Der Test sagt nichts über die Stabilität des Systems"

Stand: 24.07.2010 12:58 Uhr

84 von 91 getesteten europäischen Banken haben den Stresstest bestanden. Der Finanzwissenschaftler Kaserer warnt im Interview mit tagesschau.de aber davor, das Bankensystem als krisenfest anzusehen. Wichtige Krisenelemente und Wechselwirkungen zwischen den Instituten seien nicht untersucht worden.

tagesschau.de: Beim Stresstest sind sieben von 91 untersuchten europäischen Banken durchgefallen - darunter die Hypo Real Estate als einziges deutsches Institut. Kann das europäische Finanzsystem damit als weitgehend krisenfest gelten?

Christoph Kaserer: Das wäre sicherlich ein zu weitreichender Schluss. Das so genannte Worst-Case-Szenario war von einem echten Worst Case noch relativ weit entfernt. Ein durchschnittlicher Kurseinbruch bei europäischen Staatsanleihen von 13 Prozent bis Ende 2011 - wie im Stresstest unterstellt - würde sicherlich bei weitem übertroffen werden, wenn die Märkte die Kreditwürdigkeit eines großen europäischen Staates ernsthaft in Zweifel zögen. Hinzu kommt, und das halte ich für viel entscheidender, dass ein Stresstest zwar die Widerstandsfähigkeit einer einzelnen Bank testen kann, nicht aber die Stabilität des Systems insgesamt.

alt Christoph Kaserer

Zur Person

Christoph Kaserer ist Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München. Er hat gerade eine Studie für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt, die die Staatshilfen für Banken und Ausstiegsstrategien untersucht.

tagesschau.de: Kritiker hielten die Testkriterien von Anfang an für zu lasch. Wie aussagekräftig und glaubwürdig sind die Ergebnisse?

Kaserer: Erstmals wurde ein EU-weit koordinierter Test der Belastungsfähigkeit einzelner Banken durchgeführt. Bedenkt man, wie zersplittert die Bankenaufsicht in der EU immer noch ist, muss man das zweifellos als positive Nachricht hervorheben. Gleichzeitig haben die Diskussionen im Vorfeld der Tests gezeigt, wie sehr nationale Interessen ein koordiniertes europäisches Vorgehen behindern. Im konkreten Fall der Stresstests hat dies dazu geführt, dass die Szenarien nicht so hart definiert wurden, wie man es aus einer rein bankaufsichtlichen Perspektive gerne getan hätte. Das ist die schlechte Nachricht. Daher können die Stresstests nicht unbedingt als eine erfolgreiche vertrauensbildende Maßnahme bezeichnet werden.

Mögliche Verzerrung durch Szenarien der Immobilienpreise

tagesschau.de: In Spanien fielen fünf Sparkassen durch den Test, in Griechenland die ATEBank. Dagegen bestanden alle italienischen, britischen und französischen Banken den Test. Spiegelt das die tatsächliche Situation in Europa wider?

Kaserer: Das würde ich so nicht sagen. Zum einen haben manche Länder, wie etwa Spanien oder auch Deutschland, eine relativ große Zahl von Banken dem Stresstest unterzogen. Zum anderen spielten bei dem Stresstest auch die Immobilienpreisszenarien eine wichtige Rolle. Diese wurden von den nationalen Aufsichtsbehörden vorgegeben. Wenn spanische Banken einen Preiseinbruch bei Gewerbeimmobilien von 55 Prozent, französische aber nur einen Einbruch von neun Prozent verkraften müssen, kann das eine Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse sein. Dass solche großen Differenzen unter ökonomischen Gesichtspunkten gerechtfertigt sind, kann ich mir kaum vorstellen.

tagesschau.de: Welche realistischen Krisenszenarien fehlen in dem Stresstest?

Kaserer: Das ist eine schwierige Frage, weil es die besondere Eigenschaft einer Krise ist, dass man sie nicht vorhersehen kann. Aber sicherlich muss man kritisieren, dass die Immobilienpreisszenarien nur pauschal - also ohne modelltheoretische Fundierung - vorgegeben wurden. Ebenso wurden keine Ansteckungseffekte über den Interbankenmarkt im Test simuliert. Zudem hat der Test "nur" die Auswirkung auf die Kernkapitalquote untersucht, Liquiditätseffekte wurden außen vor gelassen. Liquiditätsentzug ist aber das, was der Bankensektor in einer Krise typischerweise zuerst verkraften muss.

tagesschau.de: Dass die verstaatlichte Hypo Real Estate den Test nicht bestanden hat, ist keine Überraschung. Welchen Einfluss hat das Ergebnis auf die laufenden Sanierungsbemühungen des Instituts?

Kaserer: Ich denke, das wird keinen großen Einfluss haben. Die Probleme der Bank sind bekannt und die Bemühungen zur ihrer Sanierung in vollem Gange. Mit der Schaffung einer Bad Bank, bei der Vermögenswerte von über 200 Milliarden Euro ausgelagert werden sollen, wird die HRE einen wichtigen Krisenstoßdämpfer erhalten. Zudem steht ja noch eine Rekapitalisierung durch den SoFFin von gut zwei Milliarden Euro im Raum. Letztlich ist die entscheidende Frage: Welches Geschäftsmodell wird die Bank zukünftig verfolgen?

"Viele getestete Banken profitierten von staatlicher Unterstützung"

tagesschau.de: Neben der Hypo Real Estate galten in Deutschland mehrere Landesbanken als Wackelkandidaten für das Bestehen des Stresstests. Warum haben die HSH Nordbank und andere angeschlagene Institute vergleichsweise gut abgeschnitten?

Kaserer: Für das differenzierte Abschneiden der deutschen Banken spielen zwei Faktoren eine Rolle: Viele der getesteten Banken haben während der Krise eine staatliche Unterstützung oder Risikoabschirmung erhalten, die ihnen jetzt natürlich hilft. Zweitens zeigt sich, dass die Bestände an Staatsanleihen in diesem Test einen großen Unterschied ausmachen. Banken wie die HSH oder die WGZ Bank haben diesbezüglich deutlich geringere Risiken als etwa die WestLB.

tagesschau.de: Was bedeuten die Resultate für die weiteren Staatshilfen in Deutschland und die vom Bankenrettungsfonds SoFFin gestützten Institute?

Kaserer: Für den SoFFin sind die Ergebnisse eine wichtige Informationsquelle, mit der auch der Fonds seine Risiken besser einschätzen kann. Zu beachten ist, dass nach dem Finanzmarktstabilisierungsgesetz die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zeitlich begrenzt sein sollen. Also muss man bereits heute an einer Exitstrategie arbeiten. Dort wo der SoFFin - oder auch die Bundesländer - Beteiligungen halten, wird ein den Steuerzahler schonender Ausstieg nur möglich sein, wenn die jeweilige Bank vom Markt als stabil und profitabel betrachtet wird. Daher müssen bei einigen Banken heute die Weichen gestellt werden, dass künftige Ergebnisse besser ausfallen.

tagesschau.de: Ursprünglich sollten die Stresstests zur Beruhigung der Finanzmärkte beitragen. Welche Reaktionen sind am Montag bei Öffnung der europäischen Börsen zu erwarten?

Kaserer: Ich gehe nicht davon aus, dass wir am Montag eine große Reaktion an den Märkten sehen werden. Insgesamt werden die Ergebnisse sicherlich zu einer leichten Beruhigung beitragen. Aufgrund der von mir genannten, vor allem politisch motivierten Probleme, werden die Märkte aber nicht euphorisch auf diese Ergebnisse reagieren.

Die Fragen stellte David Rose per E-Mail.

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