Florian Drücke
Interview

EU-Richtlinie zu Vermarktung von Musik Mehr Streaming, weniger Raubkopien?

Stand: 04.02.2014 18:04 Uhr

Das EU-Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das die Vermarktung von Musik in der EU vereinfachen soll. Ein überfälliger Schritt, sagt Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie im tagesschau.de-Interview. Dies könnte auch helfen, illegale Downloads einzudämmen.

tagesschau.de: Welche Veränderungen bringt die EU-Richtlinie für die Vermarktung von Musik innerhalb der EU?

Florian Drücke: Sie schafft in vielen Bereichen eine Vereinheitlichung der teilweise sehr unterschiedlichen europäischen Rechtsstandards. Unternehmen am digitalen Musikmarkt können damit in Zukunft Musikrechte leichter einheitlich in Europa klären. Die Verwertungsgesellschaften werden neue Regeln beachten müssen, zum Beispiel mit Blick auf die Einbeziehung der Rechteinhaber. In Deutschland ändert sich erst mal wenig, zumal die meisten Standards hierzulande bereits erfüllt werden.

Florian Drücke
Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie

Der promovierte Jurist Drücke ist seit dem 1. November 2010 Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. Er wurde unter anderem als Sachverständiger im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages sowie als Sachverständiger vor dem Bundesverfassungsgericht gehört.

tagesschau.de: Der Musikmarkt ist schon lange globalisiert, war diese Entscheidung nicht längst überfällig?

Drücke: Ja, es ist ein richtiger Schritt, weil er endlich einheitliche Standards schafft in Europa. Das dürfte den Markt der Online-Streamingdienste stimulieren. Man muss dazu wissen, dass wir in Deutschland in dieser Beziehung noch am Anfang stehen. Wir haben einen nach wie vor sehr hohen Anteil von physischen Tonträgern im Markt. Nur 25 Prozent des Umsatzes wird mit digitaler Musik erwirtschaftet und davon wiederum nur ein Fünftel im Streamingbereich. In Schweden etwa liegt dieser Anteil bei rund 70 Prozent.

Boom der Streamingdienste

Eine Frau mit Kopfhörern und Smartphone in der Hand

Musikstreaming-Kunden können die Musik - je nach Anbieter - jederzeit und überall hören, zum Beispiel auf ihrem Smartphone.

tagesschau.de: Die neue Rechtslage dürfte also den Streamingsdiensten, wie Spotify oder simfy, im Internet einen neuen Boom bescheren?

Drücke: Es ist davon auszugehen, dass sich künftig mehr Firmen auf dem Markt tummeln werden und die Angebotsvielfalt weiter zunehmen wird. Dabei ist klar, dass wir hier über legale Geschäftsmodelle reden. Wir erleben eine Phase, in der der Kunde alle Freiheiten hat. Trotzdem werden weiterhin viele Kunden sagen: "Ich möchte doch lieber die CD kaufen" - denn die Deutschen lieben ihre CDs und Vinylplatten.

Was ist Musikstreaming?

Beim Streaming kaufen Kunden keine physischen Tonträger, wie CDs oder Schallplatten. Sie laden auch nicht mehr einzelne Lieder oder Alben aus dem Internet herunter. Stattdessen können sie die Musik jederzeit online hören. Die Titel sind dabei auf den Servern des Anbieters gespeichert - die User erhalten also nur eine Nutzungslizenz.

Je nach Anbieter können User die Musik auf mehreren Endgeräten hören, etwa dem PC, Laptop oder dem Smartphone. Zu den größten Anbietern gehören Simfy, Spotify und Wimp. Hier können Nutzer unter Millionen von Titeln auswählen.

Der große Nachteil: Wenn der Vertrag mit dem Streamingdienst beendet wird, kann der Nutzer auf kein einziges Lied mehr zugreifen.

tagesschau.de: Was ändert sich denn für die Nutzer?

Drücke: So konkret wird sich diese neue Richtlinie für den Nutzer gar nicht bemerkbar machen. Es geht ja primär darum, dass der rechtliche Hintergrund gut funktioniert. Der Kunde soll vor allem Spaß an der Musik haben und wissen, dass er sich auf der legalen Seite befindet. Das wird letzten Endes dazu führen, dass es mehr und spannendere Angebote für den User gibt.

Das Logo des Streamingdienstes Spotify auf einem Laptop

Das schwedische Unternehmen Spotify könnte wegen der neuen EU-Richtlinie künftig Konkurrenz von anderen Anbietern bekommen.

Weniger illegale Downloads?

tagesschau.de: Bedeutet mehr Streaming auch weniger illegale Downloads?

Drücke: Natürlich lässt sich das kausal so direkt nicht beantworten, aber ich glaube, dass wir vielen eine Brücke gebaut haben, sich legal zu verhalten. Wir müssen die Nutzer, die bisher nicht zufrieden waren, weil sie ihre Musik nicht mit Freunden über Social Media teilen konnten, da abholen wo sie stehen. Das heißt, wir müssen möglichst viele Angebote machen, damit für jeden etwas dabei ist.

tagesschau.de: Was bringt die Richtlinie für Veränderungen für Musiker oder Labels?

Drücke: Es geht für die Komponisten und Textdichter zum einen um grundsätzliche Fragen, wie etwa Beteiligung an Berechtigtenversammlungen. Zum anderen profitieren natürlich auch die Musiker und ihre Partner von einem größeren Musikmarkt.

"Wird sich für alle auszahlen"

tagesschau.de: Verdienen Musiker durch Streaming tendenziell besser oder schlechter als durch klassischen CD-Verkauf?

Drücke: Darum dreht sich gerade ein große Diskussion: Wer bekommt was vom Streaming-Kuchen? Da befinden wir uns, zumindest in Deutschland aber noch in einer Orientierungsphase. Alle Beteiligten werden sich an ein neues Geschäftsmodell gewöhnen müssen. Einige Künstler müssen sich vermutlich davon verabschieden, dass direkt am Anfang viel Geld verdient wird. Das Geschäft wird eher so aussehen, dass kleinere Beträge fließen, allerdings über einen längeren Zeitraum. Ich glaube deshalb, dass das große Potenzial, das Streaming bietet, sich auch für alle auszahlen kann.

Ein Mann sitzt mit einem Kopfhörer vor einer Internetseite, die Musik zum herunterladen anbietet

Auch Künstler könnten von dem erwarteten Boom bei den Streamingdiensten profitieren.

tagesschau.de: Werden von der Gesetzesänderung auch andere Kanäle, wie etwa Youtube betroffen sein, könnten also dort Sperren künftig fallen?

Drücke: Die Auseinandersetzung mit Youtube ist sehr kompliziert. Da gibt es laufende Verhandlungen mit der GEMA und wir hoffen, dass es da bald zu einer Lösung kommt. Der Bereich Sperren ist aber von der EU-Richtlinie nicht direkt betroffen.

Das Interview führte Alexander Steininger, tagesschau.de