Carsten Patrick Meier

Interview zur Konjunktur "Bedeutung der Binnennachfrage ist stetig gestiegen"

Stand: 14.08.2012 14:36 Uhr

Die deutsche Wirtschaft wächst immer noch, aber immer schwächer. Viele Experten halten die Binnennachfrage für zu schwach. Das sieht der Ökonom Carsten-Patrick Meier im Interview mit tagesschau.de anders: Die Hartz-Reformen hätten letztendlich mehr Konsum ermöglicht. Trotzdem drohe eine Rezession.

tagesschau.de: Das Wachstum in Deutschland hat sich im letzten Quartal verlangsamt, wie deuten Sie die jüngsten Zahlen?

Carsten-Patrick Meier: Die Entwicklung in Deutschland hat sich erneut positiv von der unserer Partner im Euroraum abgesetzt. Der Rest der Eurozone befindet sich in der Rezession: In Spanien und in Italien ist die Produktion deutlich gesunken, in Frankreich stagnierte sie.

Carsten Patrick Meier
Zur Person

Carsten-Patrick Meier ist Geschäftsführer und Inhaber von Kiel Economics, einer Ausgründung des dortigen Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Zuvor leitete er am IfW erst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und dann den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".

Mehr Konsum dank eines "beispiellosen Beschäftigungsbooms"

tagesschau.de: Wirtschaftsexperten bemängeln immer wieder, die deutsche Binnennachfrage sei viel zu schwach.

Meier: Das ist eine Geschichte, die für Deutschland vor der Rezession 2008/2009 passt. Seither ist die Bedeutung der Binnennachfrage stetig gestiegen. Zum einen kamen die positiven Auswirkungen der Hartz-Reformen zum Tragen: Die Lohnzurückhaltung, die in der vergangenen Dekade den Konsum dämpfte, hat zu einem beispiellosen Beschäftigungsboom geführt, der nun - wo auch die Löhne wieder rascher steigen - den Konsum stimuliert. Zum anderen wirkt sich die Krise im Euroraum aus: Unsere wichtigsten Handelspartner sind in der Krise und kaufen daher weniger deutsche Exportgüter.

Gleichzeitig hat die EZB die Zinsen auf ein historisch niedriges Niveau geschleust, um der Konjunktur dort auf die Beine zu helfen, zudem wird Kapital vom übrigen Euroraum nach Deutschland verlagert. Die Folge sind extrem niedrige Zinsen, die die Konjunktur hier ankurbeln, insbesondere die Baukonjunktur.

tagesschau.de: Aber der Export soll im zweiten Quartal auch wieder kräftig zugelegt haben. Sind wir immer noch zu exportabhängig?

Meier: Wir haben derzeit auch noch einen anderen Effekt: Durch die Krise ist das Vertrauen in den Fortbestand des Euro erschüttert worden. Internationale Kapitalanleger haben sich von Anlagen in Euro getrennt und der Euro ist stark abgewertet. Diese Abwertung macht deutsche Exporte im Rest der Welt billiger.

Wir sehen, dass insbesondere die Exporte nach Asien zuletzt wieder deutlich zugelegt haben. Die Exporte in den übrigen Euroraum, die nicht von diesem Währungseffekt profitieren konnten, blieben dagegen schwach.

"Krise dürfte sich im übrigen Euroraum verschärfen"

tagesschau.de: Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern scheint uns die Krise in Deutschland nicht mitzunehmen. Wie lange kann Deutschland diese "Inselposition" noch halten?

Meier: Die Krise im übrigen Euroraum dürfte sich in den kommenden Monaten angesichts zum Teil extrem hoher Zinsen für Staatsanleihen, drastischer öffentlicher Einsparungen und eines allgemeinen Vertrauensverlusts weiter verschärfen. Gleichzeitig zieht der Euroraum die gesamte Weltkonjunktur mit hinunter.

Zwar werden die Anregungen für die deutsche Konjunktur durch die niedrigen Zinsen und den günstigen Euro in nächster Zeit wohl erhalten bleiben. Das wird aber nicht reichen, um ein weiteres Abflauen der Konjunktur zu verhindern. Ohne eine durchgreifende Lösung der Eurokrise wird auch Deutschland bald an der Grenze zur Rezession stehen. 

tagesschau.de: Wie könnte denn gegengesteuert werden?

Meier: Wir benötigen eine umfassende fiskalische Lösung der Eurokrise. Der Vorschlag des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Errichtung eines "Schuldenabbaufonds" ist immer noch der beste Vorschlag, der auf dem Tisch liegt. Nur wenn die starken Länder jetzt den schwachen - für einen begrenzten Zeitraum und unter strengen Anpassungsauflagen - fiskalisch unter die Arme greifen, lässt sich das Vertrauen in den Fortbestand der Eurozone zurückgewinnen.

Die Fragen stellte Heike Keuthen, tagesschau.de