Neu- und Gebrauchtwagen stehen bei einem Autohändler nebeneinander. (Archivbild)
Hintergrund

Kosten für Verbraucher Wo droht der nächste Preisschock?

Stand: 28.04.2022 14:26 Uhr

Ökonomen halten zweistellige Teuerungsraten in den kommenden Monaten für möglich. Sollte man teure Anschaffungen vorziehen? Und bei welchen Produkten könnten bald weitere Preissteigerungen besonders heftig werden?

Ob im Supermarkt, Restaurant oder an der Zapfsäule - nahezu täglich spüren Verbraucher die rasant gestiegenen Preise in ihrem Portemonnaie. Im April lag die Inflationsrate bereits bei 7,4 Prozent - doch ihren Höhepunkt hat die Teuerung möglicherweise noch nicht erreicht. Manche Ökonomen warnen vor einer zweistelligen Inflation im Sommer, sollte der Ukraine-Konflikt weiter eskalieren. Der bisherige Inflationsrekord von 7,8 Prozent anno 1973, dem Jahr des "Ölpreis-Schocks", könnte bald übertroffen werden, meint der scheidende Wirtschaftsweise Volker Wieland, Professor für monetäre Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt. "Insbesondere wenn es zu einem Lieferstopp von Gas und Öl seitens Russlands kommt oder zu einem Importembargo, wären auch zweistellige Inflationsraten nicht auszuschließen."

Für das Gesamtjahr rechnet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung derzeit mit einer Inflation von 6,1 Prozent. Manche Volkswirte sind pessimistischer. Carsten Brzeski, Deutschland-Chefvolkswirt der ING, glaubt, dass die Verbraucherpreise 2022 um über acht Prozent zulegen werden - so stark wie nie. In wenigen Monaten werde die Inflationsrate erstmals zweistellig sein, prophezeit er.

Energie als Hauptfaktor

Größte Inflationstreiber bleiben die Energiepreise. Zuletzt machten sie gut die Hälfte der aktuellen Inflation aus, schätzt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Vor allem die Haushaltsenergie werde in den kommenden Wochen nochmals teurer, ist er überzeugt. Viele Mieter werden dies zeitlich verzögert später bei ihren Nebenkostenabrechnungen merken. Lebensmittel, die viel Energie brauchen, dürften ebenfalls deutlich mehr kosten, glaubt Dullien.

"Die Inflation ist da - und wird auch bleiben", meint der Ökonom Hans-Werner Sinn, der frühere Chef des ifo-Instituts. Noch sei der Zenit nicht erreicht. Das zeige sich an den gewerblichen Erzeugerpreisen, die inzwischen auf einem Rekordwert von 25,9 Prozent lägen. Das sei schon sehr ernst, sagt Sinn. Selbst beim Ölpreis-Schock in den 1970er-Jahren habe die Erzeugerpreisinflation "nur" 14,6 Prozent betragen.

Zweistellige Preissteigerungen bei Autos?

"Steigende Erzeugerpreise bedeuten, dass sich Konsumgüter auf breiter Front verteuern", erklärt Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Besonders betroffen seien Industriegüter, die in Asien erzeugt werden. So rechnet der Experte mit prozentual zweistelligen Preissteigerungen bei Autos.

In den vergangenen Monaten haben sich vor allem Gebrauchtwagen massiv verteuert. Um fast 24 Prozent legten die Preise für Gebrauchte zu. Das lag daran, dass wegen des Chipmangels und der gestörten Lieferketten vergleichsweise wenig Neuwagen verfügbar waren. Deshalb boomte die Nachfrage nach Gebrauchtfahrzeugen. An dieser Entwicklung dürfte sich vorerst nichts ändern. "Das wird noch mindestens neun bis zwölf Monate so weitergehen", mutmaßt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Gestörte Lieferketten bei Elektronik-Produkten

Ebenfalls deutliche Preiszuwächse drohen nach Einschätzung von Schnabl bei Elektronik-Produkten. Der Stau von Frachtschiffen wegen des Lockdowns in Schanghai dürfte sich mit zeitlicher Verzögerung negativ auf die Lieferketten auswirken. Die Probleme dürften sich in etwa zwei Monaten voll auf Deutschland auswirken, schätzt das Kieler Institut für Weltwirtschaft. Güter seien bis Hamburg 30 bis 40 Tage unterwegs, bevor sie dann weiter transportiert werden. Dann könnte es bei Fernsehern oder Tablets zu Lieferverzögerungen kommen. "Der Lockdown in China verlängert Lieferengpässe und erhöht den Inflationsdruck", sagt ING-Volkswirt Brzeski.

Bei Haushaltsgeräten wie Wasch- und Spülmaschinen und Kühlschränken dürften die Preise dagegen nicht so rasant steigen. Allerdings könnten Geräte wegen der gestörten Lieferketten sie teilweise erst nach Monaten geliefert werden. So spricht der Hersteller Miele von Wartezeiten bis zu drei Monaten - vor allem bei Geräten für die Wäschepflege und bei Geschirrspülern.

"Holzflation" treibt Möbelpreise und Hausbaukosten

Einen zunehmenden Preisdruck sehen Experten bei Möbeln. Material- und Lieferengpässe sowie höhere Kosten für Holz dürften mittel- und langfristig zu höheren Möbelpreisen führen. Noch spüren die Verbraucher davon wenig, denn Hersteller und Händler haben die Einkaufspreise für Möbel oft ein Jahr im voraus festgelegt. Doch die "Holzflation" macht sich im Großhandel zunehmend bemerkbar. Schon Anfang des Jahres waren Möbel, Teppiche, Lampen und Leuchten sechs Prozent teurer. Marktführer Ikea hat bereits auf die Situation reagiert - und seine Preise zu Jahresbeginn im Schnitt um neun Prozent angehoben.

Der Trend belastet auch Häuslebauer oder sanierungsfreudige Hausbesitzer. Denn mehr denn je sind die Baustoffe knapp. Die Preise für Konstruktionsvollholz sind seit einem Jahr um knapp 80 Prozent gestiegen. Dachlatten kosten 64 Prozent, Betonstahl rund 53 Prozent mehr. Folglich sind auch Reparaturen durch Handwerker teurer geworden. Laut dem aktuellen Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts haben sich binnen eines Jahres die Kosten für Elektriker um rund 14 Prozent und für Heizungsmonteure um über 13 Prozent erhöht.

Höhere Kosten für den Urlaub

Auch Urlaub wird deutlich teurer. Alleine im März zahlten Reisende durchschnittlich 11,5 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Für Übernachtungen in Hotels und Ferienwohnungen müssen die deutschen Urlauber in diesem Jahr deutlich mehr ausgeben. Laut Check 24 kosten Ferienwohnungen in der Hauptreisezeit Juni bis August in Deutschland durchschnittlich zwölf Prozent mehr. Die Hotelpreise liegen im Schnitt gar um 16 Prozent höher. Empfindlich gestiegen sind zudem die Kosten von Mietwagen - teilweise um das Doppelte. Das liegt unter anderem daran, dass der Mietwagenbestand weltweit um rund ein Fünftel geschrumpft ist.

Dabei dürfte die für den Alltag maßgebliche Teuerungsrate jetzt schon deutlich höher liegen als die offiziell vom Statistischen Bundesamt gemessen. Experte Schnabl sieht die "gefühlte Inflation" bei schätzungsweise 8,5 Prozent. Wegen der Corona-Krise werde jetzt anders konsumiert. "Restaurantbesuche sind weniger geworden, es werden mehr Lebensmittel gekauft - und gerade die haben sich zuletzt überdurchschnittlich verteuert." Da Obst, Gemüse oder Brot regelmäßig gekauft werden, fallen da Preiserhöhungen stärker auf als bei selten gekauften Waren wie Möbel, Waschmaschinen oder Computer.

Die subjektiv wahrgenommene Inflation könnte womöglich noch höher sein. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos für die ING Bank schätzten deutsche Verbraucher die Inflationsrate ihrer regelmäßig erworbenen Güter im Schnitt auf stolze 14 Prozent.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 in "Update Wirtschaft" am 28. April 2022 um 09:05 Uhr.