Eine Frau gibt in einer Suppenküche in der Türkei Essen aus. | Karin Senz
Reportage

Inflation in der Türkei Mittelschicht in der Suppenküche

Stand: 28.08.2022 14:49 Uhr

Die Türkei kämpft mit einer Rekordinflation, die Preise für Nahrungsmittel sind explodiert. Selbst viele Menschen aus der Mittelschicht wissen nicht, wie sie das stemmen sollen - und gehen zur Suppenküche.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Knapp 80 Prozent offiziell, über 170 Prozent inoffiziell laut einer unabhängigen Expertengruppe - das sind die Zahlen zur türkischen Inflation. Selbst für die Mittelschicht im Land wird es finanziell immer enger. In Istanbul hat im Juni eine erste städtische Suppenküche aufgemacht. Für alle, die kommen, gibt es für kleines Geld eine warme Mahlzeit. Auch Elif und Mehmet, ein Paar, das eigentlich zur türkischen Mittelschicht gehört, nutzen das Angebot.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Es ist halb zwölf Uhr mittags. Zübeyde steht in roter Schürze und schwarzem Kopftuch hinter der Theke an der Essensausgabe. Heute gibt es Frikadellenauflauf mit Käse überbacken, Nudeln, Tzatziki und Tomatensuppe, erklärt die 37-Jährige. Das alles für 29 Lira, umgerechnet etwa 1,60 Euro. Der Nachtisch kostet extra, knapp 40 Cent. Im Kühlschrank neben der Theke stehen Wasser und Cola, alles billiger als im Supermarkt.

Geduldig stehen auch Elif und ihr Mann Mehmet in der Warteschlange im Mittelgang zwischen den weißen Tischen. Elif erzählt, dass sie in einem anderen Stadtteil von Istanbul wohnen, eine gute halbe Stunde mit der Straßenbahn von hier entfernt: "Wir wussten nichts von diesem Restaurant. Wir kommen eigentlich immer nur in dieses Viertel, wenn ich zum Zahnarzt muss. Beim letzten Mal haben wir zufällig den Eröffnungstag hier erwischt. Jetzt kommen wir jedes Mal her, wenn ich zum Zahnarzt muss."  

Rentner trifft es oft besonders hart

Elif ist 49 und Hausfrau, ihr Mann Mehmet 61 und Rentner. In der Türkei kann man verhältnismäßig früh in Ruhestand gehen. Dafür ist die Rente in der Regel sehr niedrig. Die beiden haben angefangen sich einzuschränken: "Früher sind wir jeden Samstag essen gegangen. Das haben wir jetzt gestrichen. Ich gehe gerne in Cafés, aber das habe ich auch stark einschränken müssen. Und dann habe ich mir zum Beispiel früher Zigaretten gekauft - Packungen. Jetzt drehe ich selbst." Um sie herum füllen sich die Tische, es sind junge Studenten dabei, Männer in schmutzigen Arbeiterhosen und ältere Paare. Mehmet greift den Faden seiner Frau auf:

Alkoholische Getränke kaufen wir auch nicht mehr - ich brenne das Zeug jetzt zu Hause. Wenn das so weitergeht, stell ich demnächst noch Sprit fürs Auto zu Hause selbst her. Wir haben noch ein Auto, aber das lassen wir immer öfter stehen.

Seine Frau lacht und verdreht die Augen. Denn es ist verboten, Alkohol selbst zu brennen. Trotzdem machen das immer mehr Türken, vor allem seit der beliebte Raki-Schnaps so teuer geworden ist. Die Regierung hat die Steuern auf Alkohol drastisch erhöht.

Eine Frau kauft bei einem Stand auf einem Markt in Istanbul ein. | EPA

Immer höhere Inflation und wirtschaftliche Probleme - viele Menschen in der Türkei kommen immer schwerer über die Runden. Bild: EPA

Die beiden haben nicht nur ein Auto. Sie leben auch in der eigenen Wohnung. Das klassische Bild eines Bedürftigen sieht anders aus. Das weiß auch Murat Yazici von der Istanbuler Stadtverwaltung: "Hätten wir dieses Projekt als Sozialhilfe geplant, hätten wir tatsächlich einen größeren bürokratischen Aufwand betreiben müssen. Bürger hätten ihr niedriges Einkommen bescheinigen oder die Stadtverwaltung hätte diese Menschen zu Hause besuchen und sich ein Bild von ihren Verhältnissen machen müssen."

Damit wäre das Projekt aber gelähmt worden, so Yazici. "Aber dadurch, dass wir hier eine warme Mahlzeit anbieten, für die wir einen Preis verlangen, der nur die Kosten deckt, ersticken wir eben nicht in Bürokratie."

700 Essen pro Tag

Im Juni hat die Stadt Istanbul das Lokal eröffnet. Pro Tag geben sie 700 Essen raus. Wenn es nicht reicht, holen sie noch mal 100, 150 Essen aus der Zentralküche der Stadt nach, erklärt Yazici: "Klar, wir würden uns wünschen, dass nur solche Bürger kommen, die auf so etwas angewiesen sind und dass niemand einem anderen das Essen quasi wegnimmt. Wenn Menschen kommen, denen es finanziell gut geht, dann finden wir das zwar nicht gut. Aber wir führen keine Kontrolle durch."

Er sitzt im ersten Stock des Lokals. Der Raum ist hell, weiß gestrichen. An den Wänden hängen gerahmte Werbeplakate der Stadt. Es wirkt etwas kahl. Einen Stock tiefer hat Elif mit der Suppe angefangen, sie legt den Löffel kurz zur Seite: "Ich habe neulich einen großen Kanister Wasser gekauft. Vergangenen Monat kostete er noch 20 Lira, vor drei Wochen dann 22 Lira und jetzt 25 Lira. Das alles in nur einem einzigen Monat. Wahrscheinlich kostet der Kanister bald 30 Lira."

Decken gegen explodierende Energiepreise

Neben den Lebensmittelpreisen steigen vor allem auch die Nebenkosten. Die Erdgaspreise sind in die Höhe geschossen, meint Elif: "Jetzt ist Sommer. Da ist kaum was auf der Gasrechnung. Aber in zwei Monaten geht es dann wieder los. Dann ist wieder Schluss mit lustig. Dann laufen wieder daheim in Decken gewickelt rum." Erst wenn es schneit und richtig eisig wird, wollen sie die Heizung anstellen, sagt Elif.

Das Lokal ist das erste dieser Art in der Millionen-Metropole. Bis Ende des Jahres soll es allerdings zehn geben, vor allem in Arbeiter- und Studenten-Vierteln. Das ist nicht viel in einer Stadt mit 17 Millionen Einwohnern. Yazici schätzt, dass etwa eine Millionen Menschen solche Hilfe bräuchte. Aber das können sie nicht leisten, sagt er klar. Mehmet und Elif haben eine 30-jährige Tochter, sie ist verheiratet: "Um ehrlich zu sein, sie unterstützt uns. Sie zahlt unsere Einkäufe im Supermarkt."

Das scheint Elif nicht wirklich zu bedrücken; die Lage in ihrem Land allerdings schon: "Ich sorge mich um die Zukunft unserer Kinder - kein Kinobesuch mehr und nichts. Die können sich kaum noch sozialisieren. Wenn das Geld fehlt, wirkt sich das auf alles aus."

Vorbild auch für andere Städte?

Yazici von der Stadtverwaltung kennt die Lage nur zu gut, auch die des Mittelstands, der langsam abrutscht. Sie wollen mit dem Lokal Vorbild sein - auch für andere Städte in der Türkei. Nur das könnte Probleme schaffen.

Yazicis Chef ist der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu von der oppositionellen CHP. Er gilt als möglicher Gegenkandidat von Präsident Recep Tayyip Erdogan bei den Wahlen im nächsten Jahr. Immer wieder bekommt er bei Projekten in der Stadt Gegenwind aus der Hauptstadt Ankara - angeblich, um ihn auszubremsen: "Bis jetzt haben wir, was das städtische Lokal angeht, noch keine Probleme. Aber das große öffentliche Interesse auch in den Medien macht uns schon ein bisschen Sorgen", sagt Yazici.

"Wie gut, dass dieser Laden eröffnet wurde"

Zübeyde packt einen Schöpfer Essen nach dem anderen auf die Teller. Die einen wirken beschämt, schauen nach unten. Andere lächeln zurück und bedanken sich. Die 37-jährige gelernte Köchin liebt ihren neuen Job hier - auch wenn sie weiß, viele ihrer Kunden haben große Sorgen: "Ich denke mir immer: Wie gut, dass dieser Laden eröffnet wurde. Viele Menschen haben wenig Geld. Hier kriegen sie ein warmes Essen. Das macht mich glücklich."

Elif und Mehmet brechen langsam auf zum Zahnarzt. Wann sie das nächste Mal ins städtische Lokal kommen? Beim nächsten Zahnarzttermin, sagt Mehmet. Denn extra mit der Straßenbahn herfahren, das rechne sich nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. August 2022 um 13:35 Uhr in der Sendung "Wirtschaft am Mittag".