Leere Autobahnen in Deutschland infolge der Fahrverbote 1973 | dpa

Steigende Preise Inflation höher als in den 1970ern

Stand: 13.10.2022 16:02 Uhr

Zehn Prozent Inflation - so stark war die Teuerung in Deutschland nicht einmal nach dem Ölpreis-Schock seit 1973. Die EZB ist damit noch mehr gefordert als damals die Bundesbank.

Von Steffen Clement, hr

Zu Kaffee und Apfelkuchen sind gleich drei Generationen der Familie Etzelmüller aus Gießen am Esstisch versammelt: Großeltern, Eltern und die beiden Enkel im Kindergartenalter. Ein Gesprächsthema beim sonntäglichen Treffen sind die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel. Bei Klaus Etzelmüller, 66 Jahre, kommen da längst vergessen geglaubte Erinnerungen hoch.

Etzelmüller erlebte autofreie Sonntage und große Preissprünge mit dem Höhepunkt im Dezember 1973, als die Inflationsrate bei 7,8 Prozent lag. Seine Eltern kannten als Kriegsgeneration noch Entbehrungen. "Natürlich waren die steigenden Preise damals eine Belastung", erinnert sich der doppelte Großvater. "Aber die jetzige Situation belastet die jungen Leute aktuell viel mehr."

Denn für Sohn Erik, 35 Jahre, sind explodierende Kosten eine ganz neue Erfahrung. Die Gasrechnung fürs Eigenheim zum Beispiel hat sich auf 5000 Euro im Jahr glatt verdoppelt, der Wocheneinkauf ist geschätzt um ein Drittel teurer. Da wackelt schon jetzt im Herbst die für nächsten Sommer geplante erste Flugreise mit den beiden Kindern nach Mallorca. Auch eine typische Familie aus der Mittelschicht mit Doppeleinkommen muss sparen, wenn die Preise wie damals davongaloppieren.

Experte hält EZB für zu optimistisch

Viele Gemeinsamkeiten mit den 1970er Jahren sieht auch Katrin Assenmacher, Abteilungsleiterin Geldpolitische Strategie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. "Wie damals haben wir jetzt einen Energiepreisanstieg, der zu einer hohen Inflation führt." Daran werde sich im nächsten Jahr noch nichts ändern. "Aber wir erwarten, dass im Jahr 2024 die Inflation wieder nahe bei unserem Zielwert von zwei Prozent liegen wird."

Diese Einschätzung hält Volker Wieland, Finanzexperte an der Frankfurter Goethe-Universität, "in der aktuellen Situation für viel zu optimistisch". Die bisherigen Erfahrungen mit der Notenbank haben ihn skeptisch gemacht: "Die EZB prognostiziert regelmäßig, dass spätestens in zwei Jahren die Inflationsrate wieder auf dem Zielwert von zwei Prozent liegt."

Bundesbank erhöhte Leitzins auf 13 Prozent

Es ist nun die Aufgabe der Notenbank, mit weiteren Zinserhöhungen die Inflation zu bremsen. Für EZB-Abteilungsleiterin Assenmacher ist die wichtigste Lehre aus den 1970er Jahren, dass man "rasch" reagieren müsse, weil sonst die Probleme immer größer würden. Nach der langen Nullzinsphase hatte die EZB den Leitzins im September auf 1,25 Prozent angehoben, weitere Zinsschritte sollen folgen.

In den Jahren 1972 und 1973 hatte die Bundesbank den Leitzins von vier Prozent auf 13 Prozent hochgesetzt, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Das klare Urteil von Finanzexperte Wieland: "Die EZB hat nicht die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen."

Heute stabiler Arbeitsmarkt

Aus eigener Erfahrung kann der Unternehmer Christoph Kollbach die historische mit der aktuellen Preisexplosion vergleichen. Als junger Mann habe er damals eher Surfen als Existenzängste im Kopf gehabt. Inzwischen hat er als Firmenchef von SK Laser in Wiesbaden viel mehr Verantwortung und einen anderen Blick. "Heute plane ich mehr und bin vorsichtiger", so der Gründer des Familienunternehmens. "Wir wissen ja, dass viele auf der Strecke bleiben."

Gemeinsam mit seiner Tochter Dina Reit steuert er die Firma durch turbulente Zeiten. Materialmangel und Preiserhöhungen sind aktuell die beherrschenden Themen. Die Juniorchefin will sich dennoch ihren Optimismus nicht nehmen lassen und möchte sogar neue Leute einstellen. "Das ist wegen des demographischen Wandels und dem allgegenwärtige Fachkräftemangel auch jetzt gar nicht so einfach", so Reit.

Hier besteht der größte Unterschied zur damaligen Krise: Seinerzeit vervierfachte sich die Arbeitslosenquote innerhalb von nur zwei Jahren. Dagegen erwartet der Sachverständigenrat der Bundesregierung in den nächsten Jahren einen stabilen Arbeitsmarkt.

Beginn einer Lohn-Preis-Spirale?

Wenn aber immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, sind hohe Lohnsteigerungen viel einfacher durchzusetzen. Ob nun also die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt, beurteilen EZB-Vertreterin und Wirtschaftsexperte ganz unterschiedlich.

Deutliche Lohnerhöhungen werden die Unternehmen auf die Preise aufschlagen, erwartet Wieland. Somit werde die Inflation weiter angeheizt. EZB-Abteilungsleiterin Assenmacher hält dagegen: Zwar gebe es derzeit höhere Lohnabschlüsse. "Aber sie sind noch nicht auf einem Niveau, dass zu einem fortwährenden Anstieg der Inflation über das Niveau von zwei Prozent führen würde."

Über dieses Thema berichtete das Magazin „Plusminus“ im Ersten am 12. Oktober 2022 um 21:45 Uhr.