Verbraucherpreise "Heimliche" Inflation auf Rekordhoch

Stand: 29.11.2017 17:13 Uhr

Nichts fürchten die Deutschen mehr als eine hohe Inflation. Tatsächlich steigen die Verbraucherpreise seit Jahren nur moderat. Im November lag die Teuerungsrate bei 1,8 Prozent. Doch in Wirklichkeit ist die Geldentwertung viel höher.

Der offiziellen Statistik trauen einige Ökonomen und Geldexperten schon lange nicht mehr. "Die Preise steigen kaum, heißt es ständig", moniert Thomas Mayer vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch. "Das stimmt aber gar nicht", behauptet der frühere Chefökonom der Deutschen Bank. Wer auf die Vermögenspreise blicke, sehe eine ganz andere Entwicklung.

Vermögenspreis-Index auf Rekordhoch

Tatsächlich ist der eigens von Flossbach von Storch entwickelte Vermögenspreis-Index gerade mit einer Rekordrate von 8,7 Prozent gestiegen. Bei Häusern und Aktien zogen die Preise dramatisch an. Sachanlagen wie Immobilien oder Grund und Boden verteuerten sich um über zehn Prozent.

Vermögenspreis-Index
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Vermögenspreis-Index

Der Vermögenspreisindex erfasst nicht nur die Preisentwicklung von Energie, Nahrungsmitteln und Miete, sondern auch von Immobilien, Anleihen, Aktien, Betriebsvermögen sowie Sammel- und Spekulationsgüter  wie Kunstwerke, Oldtimer oder Schmuck. In der offiziellen Inflationsrate werden dagegen nur die Konsumgüterpreise untersucht. Das Statistische Bundesamt ermittelt einen Index anhand eines Warenkorbs von 600 Gütern und Dienstleistungen. "Mit der Realität der Menschen in Deutschland hat der Verbraucherpreisindex wenig zu tun", kritisiert Florian Stahl, Wirtschaftsprofessor an der Uni Mannheim.

Digitalisierung und Globalisierung dämpfen die Inflation

Ökonomen und Geldexperten verweisen auf die heimliche Inflation oder die "gefühlte" Inflation. "Die echte Teuerungsrate ist ohnehin viel höher als sie von den Statistikämtern ausgewiesen wird", weiß auch Andreas Utermann, Chef der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors. Die Zahlen seien durch die sogenannte hedonische Methode verzerrt. Technologische Fortschritte würden als Preissenkung eingerechnet. "Das ist Unsinn."

Ein Beispiel: Ein Mobilfunk-Konzern bietet seinen Kunden mehr Datenvolumen für das gleiche Geld. "Die Verbraucher zahlen dann zwar nicht weniger, aber effektiv fällt der Preis", erklärt Maximilian Kunkel, deutscher Chefanlagestratege bei der UBS.

Neben der Digitalisierung drückt auch die Globalisierung die Preise. Da immer mehr Billigprodukte aus Schwellen- und Entwicklungsländern kommen, wird die Inflation gedämpft. Ein weiterer Faktor, der die Verbraucherpreise bremst, ist die Entwicklung der Löhne. Sie ziehen weniger stark an, als es in Zeiten des Aufschwungs eigentlich zu erwarten wäre.

Lohn-Preis-Spirale könnte 2018 anziehen

Das könnte sich aber bald ändern. Wegen der brummenden Konjunktur in Deutschland dürfte die Lohn-Preis-Spirale bald anziehen. "Arbeitnehmer werden sich bei den Lohnverhandlungen stärker durchsetzen können, weil die Arbeitgeber gar keine andere Wahl haben als mit den Löhnen nach oben zu gehen, um ihre Aufträge abzuarbeiten", meint FDP-Politiker und EZB-Kritiker Frank Schäffler.

Schon jetzt zieht selbst die offizielle Inflation wieder etwas an. Im November trieben die steigenden Öl- und Nahrungsmittelpreise die Teuerungsrate um 1,8 Prozent. Analysten hatten nur mit einem Zuwachs von 1,7 Prozent gerechnet. "Die Trendwende bei der Inflation ist da, es hat nur niemand gemerkt", meint Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba. Ihrer Einschätzung nach dürfte sich die Inflationsrate in Deutschland und der Eurozone 2018 Richtung zwei Prozent bewegen. Damit steigt der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB). Sie strebt für den gesamten Euroraum ein Ziel von knapp zwei Prozent an.

Draghis Dilemma

Doch selbst wenn die (offizielle) Inflation in Europa wieder in Fahrt käme, könnte Präsident Mario Draghi nicht einfach die Zinsen anheben. Täte er das, würden viele "Zombiebanken" in Südeuropa, die auf hohen faulen Krediten sitzen, vermutlich pleite gehen. Auch die Verschuldung vieler Unternehmen und Privathaushalte ist besorgniserregend. Draghi steckt in einem Dilemma.

Sollte also die Inflation weiter steigen bei weiterhin niedrigen Zinsen, wäre dies eine Horrorbotschaft für klassische Sparer - und eine gute Nachricht für Aktieninhaber und Immobilieneigentümer.

Während gerade in Südeuropa eine hohe Inflation gelassen gesehen wird, herrscht in Deutschland eine Art "Inflations-Urangst". Denn die Erfahrungen aus den Währungsreformen 1923 und 1948 haben sich tief ins kollektive Gedächtnis einbgeprägt. In den zwanziger Jahren stürzte die Hyperinflation Millionen Menschen in die Armut. Der Preis für ein Pfund Butter stieg damals auf unvorstellbare vier Billionen Mark. In Berlin kostete am 3. Januar 1923 ein Kilo Roggenbrot noch 163 Mark und ein Kilo Rindfleisch 1.800 Mark. Am 19. November 1923 lagen die korrespondierenden Preise bei 233 Milliarden Mark und bei vier Billionen 800 Milliarden Mark. Ein US-Dollar kostete im Mai 1923 im Monatsdurchschnitt 47.670 Mark, am 20. November dann 4.200.000.000.000 Mark.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war denn auch oberstes Ziel der Bundesbank, die Inflation zu begrenzen. Legendär sind die Aussagen des früheren Bundesbank-Präsidenten Karl-Otto Pöhl. Er verglich einmal die Inflation mit einer Zahnpasta. "Ist sie erst mal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein." Das Beste sei daher, nicht zu fest auf die Tube zu drücken.

Quelle: boerse.ard.de
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