Interview

Ein Roboter wird auf der Messe "Ideen Park" | Bildquelle: AFP

Künstlicher Intelligenz "Wir können kreative Wesen schaffen"

Stand: 27.04.2016 00:23 Uhr

Intelligente Technologien können verängstigen - oder Hoffnung machen. In der Industrie werden viele Jobs wegfallen, aber auch neue entstehen. Neil Jacobstein, Experte für Künstliche Intelligenz, sagt: Unsere Arbeitswelt wird sich massiv ändern, und die Schaffung von kreativen Wesen ist realistisch.

tagesschau.de: Sie haben eine Studie zitiert, in der prognostiziert wird, dass etwa in den  OECD-Ländern mehr als 50 Prozent der menschlichen Arbeit durch intelligente Maschinen ersetzt werden könnte. In welchem Zeitraum soll das passieren?

Neil Jacobstein: Es geht dabei um eine Prognose für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Im Grunde genommen sagen wir, wenn wir so weitermachen wie bisher, wird ein Großteil der Jobs, die jetzt noch durch Menschen ausgeführt werden, weiter automatisiert. Das bedeutet nicht, dass Menschen automatisch ihre Jobs verlieren werden. Das ist dann eine Frage der Politik und der Unternehmen. Die Bildungsfrage spielt hier eine große Rolle, auch das Grundeinkommen.

alt Neil Jacobstein

Der "Guru" der Künstlichen Intelligenz

Selbstfahrende Autos, empathische Roboter - das ist für Neil Jacobstein nicht "Science Fiction", sondern die reale Welt. Er forscht an der Stanford-University und ist Co-Vorsitzender an der Singularity University für Künstliche Intelligenz und Robotik. Im Bereich der Künstlichen-Intelligenz-Forschung hat er als Berater bereits an Projekten der NASA, der US-Army, von GM, Ford und vielen anderen mitgearbeitet. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt er, er habe mehr Angst vor der menschlichen Dummheit, als vor einer automatisierten Welt.

tagesschau.de: Welche Branchen werden denn aus Ihrer Sicht besonders stark von diesem technologischen Wandel betroffen sein?

Jacobstein: Wir werden selbstfahrende Autos haben, das ist sicher. Und die gute Nachricht ist: Es wird dazu führen, dass Millionen Menschen nicht mehr durch Autounfälle sterben müssen. Wir haben die Technologie dazu, es wird Menschenleben retten. Und es wird auch Energie und Zeit sparen. Viele Dinge werden besser werden. Auch im Unterrichtsbereich wird es Veränderungen geben, individualisierte, computerisierte Lernprogramme werden Lehrerjobs ersetzen.

tagesschau.de: Wenn Ihre Prognose zutrifft, dann verlieren viele Menschen ihre Jobs, dann fallen ganze Berufszweige weg.

Roboterarm hät einen Kochtopf
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Hilfe im Haushalt oder bei der Pflege - auch auf diesen gebieten könnten Roboter künftig eine wichtige Rolle spielen.

Jacobstein: Noch ist ja nicht klar, wie sich die Automatisierung der Arbeitswelt entwickeln wird. Aber eines steht fest: Diese neuen Geschäftsfelder - in Robotik, Nanotechnologie oder eben auch Künstlicher Intelligenz - werden sehr hohe Gewinne generieren. Daher macht es Sinn, über ein Grundeinkommen nachzudenken. Das würde dann bedeuten, dass jene etwa, die ihren Job verloren haben, sich mit einem Grundeinkommen über Wasser halten und entweder wieder in Ausbildung gehen können oder einfach ihren Hobbys nachgehen können.

"Die Systeme werden menschenähnlicher"

tagesschau.de: Sie forschen seit Jahren an Künstlicher Intelligenz und zeigen in ihren Vorträgen auch einen Ausschnitt aus "Ex Machina" - ein Kinofilm aus dem vergangenen Jahr, in dem sich ein junger Programmierer in eine Roboterfrau verliebt. Halten Sie das tatsächlich für realistisch?

Jacobstein: Es ist noch nicht real, aber realistisch. Es zeigt in eine Zukunft, in der es eben möglich sein wird, eine derartige Künstliche Intelligenz in Roboter einzubauen. Es zeigt, wie diese intelligenten Systeme mit Menschen auf eine sehr interessante Art und Weise interagieren können - und es sind Beziehungen, in denen auf einmal ein solches Thema wie etwa Vertrauen relevant wird. Diese Systeme werden zunehmend menschenähnlich und sie werden auch immer interessanter für uns. Denn: Es ist genau dieser interessierte, zugewandte Partner, den sich Menschen in ihrer Beziehungen wünschen und oft nicht bekommen.

Auf dem SingularityU Germany Summit in Berlin wird ein Roboter vorgestellt
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"Die Dinge, die wir an einem Menschen lieben, ist doch seine Programmierung", sagt Jacobstein.

tagesschau.de: Selbstreflexion, die menschliche Seele, Kreativität - all das sind doch Dinge, die eine Maschine weder kopieren noch tatsächlich verkörpern kann.

Jacobstein: Doch, wir können Wesen schaffen, die auch kreativ sind. Gerade im letzten Jahr wurden solche jüngsten Erfindungen bei einer Konferenz, bei der es um Genetik und Evolution ging, vorgestellt. Forscher haben einen genetischen Algorithmus vorgestellt.

Und was die Seele anbelangt: Für mich ist eine Seele das, was den Menschen in seiner Essenz ausmacht. Es ist sein Charakter, und das ist schwierig zu imitieren. Aber es gibt keine technologische Hürde. Ich glaube, wenn man auf einen wunderhübschen, freundlichen, warmherzigen Roboter trifft, dann ist man erfreut, und es ist einem in dem Moment egal, ob das nun ein Roboter ist oder nicht. Das, was wir an einem Menschen lieben, ist doch seine Programmierung: die Kindheit, seine ganzen Erfahrungen und seine Erziehung.

tagesschau.de: Haben Sie nicht manchmal selbst Angst davor, wozu diese Automatisierung führen könnte? Maschinen, die handelnde Subjekte ersetzen?

Jacobstein: Ich liege nicht nachts ängstlich wach, weil mich der Gedanke an Künstliche Intelligenz und Robotik wach hält. Ich bleibe eher nachts wach, weil ich mich vor der menschlichen Dummheit fürchte.

alt Singularity University in Mountain View in Kalifornien

Science Fiction im Silicon Valley - die Singularity University

Was für viele Menschen wie eine Apokalypse klingt, ist für die Forscher an dieser Universität Revolution und Menschheitsrettung zugleich: Intelligente Maschinen, die in Zukunft mehr können und mehr wissen als wir Menschen. Die den Menschen auch ersetzen können. Und das, so heißt es in der Selbstbeschreibung der Universität, die ihren Sitz auf dem NASA-Gelände im Silicon Valley hat, berge viel Positives für die globale Welt: Mängel könnten bekämpft werden, etwa im Bereich der Bildung, Ernährung, Gesundheit. Die Universität ist eine "benefit corporation", das ist eine Mischung aus einer gemeinnützigen Bildungsstätte und einem Start-Up-Investor. Das Ziel: den technologischen Fortschritt - vom 3D-Drucker bis zum selbstfahrenden Auto - voranzubringen. Die Dozenten der Uni beraten Unternehmen und staatliche Institutionen. An den Seminaren nehmen Manager und IT-Forscher aus der ganzen Welt teil. Der Autokonzern Volkswagen wurde vor wenigen Tagen Kooperationspartner.

Das Gespräch führte Marie von Mallinckrodt, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. April 2016 um 09:00 Uhr.

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