Eine Frau beim Fensterputzen

ILO-Bericht zu Arbeitsbedingungen Prekäre Jobs als Standard

Stand: 19.05.2015 11:17 Uhr

Vollzeit arbeiten, ein festes Gehalt, Kündigungsschutz - diese Zeiten sind vorbei. So liest sich der neue Bericht der internationalen Arbeitsorganisation ILO. Damit ändert sich das klassische Bild von Beschäftigung.

Von Hans-Jürgen Maurus, ARD-Hörfunkstudio Zürich

Die Arbeitswelt verändert sich grundlegend und das zu einer Zeit, in der die globale Wirtschaft nicht genügend neue Arbeitsplätze schafft, heißt es gleich im ersten Satz des neuen Jahresberichts der internationalen Arbeitsorganisation ILO. Und diese Veränderungen sind keineswegs positiv.

Schon die weltweiten Arbeitslosenzahlen sind bedrückend. Mehr als 200 Millionen Menschen waren Ende 2014 ohne Job, 30 Millionen mehr als vor Beginn der globalen Finanzkrise 2008. Menschliche Kollateralschäden, die eigentlich ein gesellschaftspoltischer Skandal sind.

Vollzeitverträge werden zur Seltenheit

Doch die ILO betont in ihrem neusten Dokument einen anderen Trend: Die Arbeitsverhältnisse werden prekärer, Verträge über Vollzeitbeschäftigung nehmen ab, Teilzeitjobs und Kurzzeitarbeitsverhältnisse dagegen zu. "Unsere zentrale Botschaft lautet", so ILO-Generaldirektor Guy Ryder, "dass das bisherige Standardmodell eines sicheren Arbeitsplatzes mit einem regulären Einkommen und einem unbefristeten Arbeitsvertrag immer weniger repräsentativ für die heutige Arbeitswelt ist".

Und die ILO präsentierte Zahlen: Nicht einmal einer von vier Arbeitnehmern hat heute noch einen Arbeitsvertrag zum bisherigen Standardmodell. In Industriestaaten sinkt die Vollzeitbeschäftigung und in Entwicklungsländern gab es zwar Fortschritte, doch auch hier gibt es immer weniger Vollzeitstellen. Weniger als 40 Prozent der Erwerbstätigen mit Lohn oder Gehalt befinden sich in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis, so Generaldirektor Ryder, und dieser Anteil sinkt weiter. Von diesem Trend sind Frauen einmal mehr am stärksten betroffen.

ILO-Chef Guy Ryder
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Trotz wirtschaftlichen Wachstums nimmt die Zahl ungesicherter Beschäftigungsverhältnisse zu, bemängelt ILO-Chef Guy Ryder.

Munition für Gewerkschaften

Die Alternativen für Jobsuchende lauten Teilzeitjobs, Kurzzeitverträge, unbezahlte Kinderarbeit - die ILO spricht von der informellen Wirtschaft, besser müsste man von prekären Arbeitsverhältnissen sprechen. Mit weniger oder gar keinem Kündigungsschutz, weniger Sozialleistungen und Bangen um den Arbeitsplatz.

Auch die Kosten dieses Trends sind besorgniserregend. Das Verschwinden von Vollzeitjobs führt zu weniger Kaufkraft der Arbeitnehmer, zu weniger Investitionen und zu Verlusten beim Steueraufkommen. Nach unseren Schätzungen summiert sich das auf einen Verlust von 3,7 Billionen Dollar, sagt ILO-Chef Ryder.

Das hört sich nicht nur gruslig an, sondern dürfte den Gewerkschaften Munition liefern. Die ILO erweckt aber den Eindruck, dass der Trend zu prekären Arbeitsverhältnissen kaum zu stoppen ist.

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