Interview

Interview zur Eurokrise "Abkehr vom Euro für Deutschland extrem kostspielig"

Stand: 07.12.2010 15:41 Uhr

Die Politik muss sich jetzt entscheiden: Will sie am Euro festhalten oder nicht? Das sagt der Münchner Wirtschaftswissenschaftler Illing. Die Abkehr wäre extrem teuer, allerdings könne das Festhalten am Euro nicht ohne grundlegende Reformen gelingen, so Illing im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Herr Illing, die EU-Finanzminister haben den Rettungsschirm für Irland - 85 Milliarden Euro - beschlossen, ist die Kuh damit vom Eis?

Gerhard Illing: Derzeit sicher noch nicht. Ich erwarte, dass weitere Rettungsaktionen nötig sein werden. Denn es ist absehbar, dass sich die Probleme andernorts noch verschärfen werden, etwa in Portugal.

tagesschau.de: Eine Erklärung für die Heftigkeit der Krise ist die Verunsicherung der Märkte. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will seinen Kollegen einen Maulkorb verpassen, damit sie nicht mit ständig neuen Vorschlägen zur Euro-Krise die Märkte verunsichern. Wie bewerten Sie das?

Illing: Einen Maulkorb zu verpassen, kann nicht funktionieren. Zudem machen sich ja die Märkte ohnehin Gedanken darüber, ob die schwachen Eurostaaten in der Lage sind, ihre Schulden zurück zu zahlen. Speziell bei Irland ist das nicht unbedingt erkennbar. Dort muss man abwarten, wie die Budgetpolitik ausfällt und wie die Wahlen ausgehen.

Zur Person

Gerhard Illing lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Makroökonomie. Aktuell forscht Illing zu Finanz- und Bankenkrisen und deren Folgen für die Wirtschaftspolitik.

Noch keine kritische Grenze für Rettungsschirm

tagesschau.de: Der irische Staat will allein im nächsten Haushalt sechs Milliarden Euro einsparen. Das hört sich viel an für ein so kleines Land.

Illing: Das ist eine enorme Summe. Die Regelungen in Irland bedeuten, dass die Bevölkerung für die Fehler des irischen Bankensystems bezahlen muss.

tagesschau.de: Schäuble hat die Entscheidung, den Rettungsschirm nicht auszudehnen, verteidigt. Hat der Minister Recht?

Illing: Ich denke, dass die momentane Summe ausreicht, um die akuten Probleme zu bewältigen. Aber man soll nichts ausschließen.

"Wir brauchen eine andere Regierungsstruktur"

tagesschau.de: Portugal - Sie sagten es - könnte das nächste Euroland sein, das Probleme hat. Es ist auch von Spanien und Belgien die Rede. Was kann die EU tun, um Spekulationen gegen einzelne Eurostaaten zu stoppen?

Illing: Auf Dauer muss man sich entscheiden: Wollen wir am Euro festhalten oder ihn auseinanderbrechen lassen? Wenn wir den Euro aufgeben wollten, hätte das fatale Konsequenzen. Wenn wir aber am Euro festhalten wollen, brauchen wir eine andere Regierungsstruktur in Europa. Das wäre dann eine richtige politische Union, wie es in den USA der Fall ist. Wir haben bisher eine gemeinsame Währung, aber keine einheitliche, zentrale und demokratisch legitimierte Instanz in Europa, die die Regeln für alle verbindlich vorgibt.

tagesschau.de: Das Scheitern des Euro war bis vor kurzem noch ein Tabuthema. Jetzt erscheint es als eine Alternative zur immer größeren Rechnung für den Rettungsschirm. Was geschieht, wenn der Euro auseinanderbricht?

Illing: Ein Szenario ist, dass Deutschland den Euroraum verlässt und die D-Mark wieder einführt. Das wäre für Deutschland extrem kostspielig. Es wäre aber nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch fatal. Es würde eine extreme Instabilität in Europa auslösen. Und die Deutschen wären deshalb nicht besser dran: Denn auch die Anlagen, die etwa deutsche Banken im Euroraum getätigt haben, würden noch stärker ins Wanken geraten. Die Politiker sollten sich genau überlegen, ob sie das in Kauf nehmen, oder ob sie stattdessen vernünftige Reformen durchziehen.

tagesschau.de: Die EU müsste sich politisch reformieren, um die Spekulationen zu stoppen, sagen Sie. Auf welche Bereiche sollten sich die Reformen beziehen?

Illing: Zuvorderst geht es um das Bankenwesen. Es ist bisher so, dass die Gewinne von den Banken und ihren Aktionären eingestrichen werden, die Risiken aber am Ende von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Der Finanzsektor muss an den Risiken beteiligt werden.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de