Mann mit IG-Metall-Fahne in der Hand | dpa

IG-Metall-Forderung Vier-Tage-Woche als Zukunftsmodell?

Stand: 26.11.2020 14:04 Uhr

Die IG Metall fordert in der anstehenden Tarifrunde vier Prozent mehr Geld - und die Option auf eine Vier-Tage-Woche. Dabei geht es der Gewerkschaft weniger um Work-Life-Balance als vielmehr um Jobsicherung.

Von Cecilia Knodt, SWR

Jordana Vogiatzi arbeitet seit mehr als 15 Jahren bei der IG Metall und hat daher beruflich viel mit Arbeitsmarktfragen zu tun. Vor sechs Jahren probierte sie selbst das Modell Vier-Tage-Woche aus. Zwei Jahre lang ging sie nur von Montag bis Donnerstag ins Büro. Nicht etwa, weil sie Kinder hat - ihr ging es bei der Teilzeit darum herauszufinden, wo sie beruflich und privat hin will.

Cecilia Knodt

"In den ersten Monaten war ich überfordert mit so viel Freizeit, ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen soll", sagt sie. Schließlich habe sie die Zeit für Fortbildungen und eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin genutzt. Für sie war es keine Teilzeitfalle, sondern vielmehr eine Chance. Heute ist Jordana Vogiatzi Geschäftsführerin bei der IG Metall Stuttgart.

Die Balance oder den Arbeitsplatz retten

Auf der Yoga-Matte oder im Berufs- und Privatleben - für Vogiatzi ging es bei der Vier-Tage-Woche um die Balance. Doch wenn ihre IG-Metall-Kolleginnen und -Kollegen in der kommenden Tarifrunde im Dezember wie geplant das Thema Arbeitszeitverkürzung auf den Tisch bringen, dann geht es ihnen dabei weniger um Entspannung und Gleichgewicht, sondern schlicht darum, Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie zu sichern.

Durch Corona hat die Branche Einbußen von 17 Prozent. Die sonst so starke IG Metall geht im Corona-Jahr daher mit der niedrigsten Forderung seit der Wirtschaftskrise in die Verhandlungen: bis zu vier Prozent mehr Geld, aufgeteilt in Lohnerhöhung und einen teilweisen Lohnausgleich bei einer Vier-Tage-Woche.

Einige Betriebe setzen Arbeitszeitverkürzung bereits um

Die Option zur Arbeitszeitverkürzung haben einige Betriebe bereits vor den Gesprächen festgehalten. Der schwäbische Autozulieferer ZF etwa hat mit der IG Metall den "Tarifvertrag Transformation" abgeschlossen. Darin ist die Möglichkeit zur Arbeitszeitverkürzung um bis zu 20 Prozent festgehalten, sobald die Kurzarbeit ausläuft. Im Gegenzug hat ZF zugesichert, bis 2022 keine Kündigungen auszusprechen. Der IG Metall gefällt das.

Was hilft aus der Krise?

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hingegen gefällt das nicht. "Die Arbeitsform der Zukunft ist die Vier-Tage-Woche nicht, vielmehr ein traditionelles Gewerkschaftsthema, wenn der Arbeitsmarkt unter Druck steht." Er begrüßt es zwar, dass die größte deutsche Einzelgewerkschaft sich seit Jahren immer mehr auch der Arbeitszeitverkürzung annimmt. Schließlich würden die bestehenden Angebote für Teilzeit in der Männer- und Vollzeitbranche immer noch zu wenig genutzt.

Der Arbeitsmarktforscher gibt aber zu bedenken, dass die Reduzierung der Arbeitszeit allein nicht der Weg aus der Krise für die Elektro- und Metallunternehmen sein kann. E-Wende, Digitalisierung und die Corona-Folgen: Angesichts dieser Transformationsprozesse müssten die Verhandlungsparteien im Dezember vor allem die Qualifikation der Beschäftigten im Blick behalten und genug Ressourcen für Umschulungen und Berufswechsel sichern.

Wo funktioniert die Vier-Tage-Woche?

Umbruch, Unsicherheit und Ängste, bei Arbeitgebern wie Arbeitnehmern. Jordana Vogiatzi steht als Geschäftsführerin für Mitglieder und Finanzen in engem Kontakt mit den Betrieben der Elektro- und Metallbranche. Inwieweit die Beschäftigten bereit seien, auf Arbeitszeit und Geld zu verzichten, um ihre Arbeit zu sichern? Die Stimmung sei zweigeteilt: Dort, wo akut Arbeitsplatzabbau anstehe, werde die Forderung positiv aufgenommen und begrüßt. In den Unternehmen, in denen dagegen viel zu tun sei, frage man sich, wie das bisherige Pensum in weniger Zeit zu schaffen sein solle.

Arbeitspsychologe Tim Hagemann sagt, an vier Tagen die gleiche Leistung zu erbringen wie an fünf Tagen, diese Rechnung würde zwar in der IT- oder Kreativarbeit aufgehen, vielleicht noch in der Verwaltung im öffentlichen Dienst, allerdings funktioniere das Konzept nicht bei Montage, Fertigung und Produktion. Denn hier sei die Arbeitszeit unmittelbar an die Produktivität gekoppelt. Neben der Effizienz spiele aber auch die Selbstbestimmung der Beschäftigten eine wesentliche Rolle für den Erfolg einer verkürzten Arbeitswoche.

Flexibilität und Souveränität

"Dass die Beschäftigten insgesamt weniger arbeiten wollen als früher, das stimme so nicht. Dafür ist aber der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen da", so Arbeitsforscher Weber. Und in einem Punkt sind sich Arbeitsforscher, Psychologe bis zur Gewerkschafterin einig: Am Ende müsse die Entscheidung für eine Vier-Tage-Woche individuell und selbstbestimmt sein - und keine Entscheidung von außen.