Ein Plasmaschneider schneidet in einem Stahlhandel aus einem Grobblech Teile aus. | dpa

Materialmangel in der Industrie Entspannung in Sicht?

Stand: 30.08.2022 13:58 Uhr

Nach wie vor fehlt es der deutschen Industrie an wichtigen Vorprodukten. Die Lage im August hat sich etwas entspannt, zeigen Zahlen des ifo-Instituts. Doch wie geht es weiter mit den Engpässen?

Von Antonia Mannweiler, tagesschau.de

Die deutsche Industrie leidet auch weiter unter Materialengpässen - im August hat sich die Situation jedoch im Vergleich zum Vormonat leicht entspannt. Im Juli gaben rund 73 Prozent der Unternehmen an, unter Engpässen bei den Vorprodukten zu leiden. In diesem Monat waren es nur noch 62 Prozent. Die Ergebnisse der Umfrage gab das ifo-Institut heute bekannt.

Den größten Rückgang gab es im August in der Leder- sowie in der Möbelindustrie mit einem Minus von jeweils 40 und 29 Prozent. Aber auch in der für die deutsche Wirtschaft wichtigen Maschinenbaubranche kam es zu einer leichten Entspannung. Klagten im Juli noch nahezu 90,7 Prozent der Unternehmen unter Lieferengpässen, waren es im Juli 85,7 Prozent.

Trotz der leichten Erholung fehlt es in vielen Branchen auch weiter an notwendigen Vorprodukten. Mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen in der Automobilbranche leiden unter fehlenden Materialien, aber auch in der Getränkeherstellung oder bei Elektrischen Ausrüstungen mangelt es noch immer an Vorprodukten.

Ein Zeichen für Entspannung?

Das Niveau bei der Materialknappheit sei also auch weiter hoch, sagt dazu Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut tagesschau.de. Man müsse den nächsten Monat abwarten, ob sich die Entspannung auch wirklich bestätige.

Die Gründe für die Materialknappheit sind vielfältig. In einer im August vergangenen Jahres durchgeführten Umfrage des DIHK lagen die Ursachen dafür vor allem bei der gestiegenen Nachfrage und den zu geringen Produktionskapazitäten, sie waren demnach für knapp 70 Prozent der Lieferengpässe und Preisanstiege verantwortlich. Mehr als die Hälfte der Unternehmen gab zudem Probleme beim Transport und Produktionsausfälle bei Zulieferern als Auslöser an.

Lieferverzögerungen durch Mangel an Containern

Der Mangel an Containern sowie an Frachtkapazitäten bei Schiffen sorgte gerade in der Hochphase der Corona-Pandemie bei vielen Unternehmen für Probleme beim Transport von Materialien. Gerate die Logistik einmal aus dem Takt, dauere es eine Weile bis diese wieder in ihn finde, sagt Wohlrabe. Die geschlossenen Häfen in China infolge der strikten Null-Covid-Politik hatten weltweit zu Lieferverzögerungen geführt. Aktuell gebe es dort weniger Sand im Getriebe, sagt Wohlrabe. Gleichwohl sei es nicht mehr die geölte Maschine wie noch vor der Pandemie.

In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" berichtete auch der Chef der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, dass man klare Anzeichen für eine Normalisierung der angespannten Lieferketten sehe. "Vor sechs Monaten war jedes unserer Schiffe drei- oder vierfach überbucht, jetzt sind die Schiffe vielleicht noch zu 20 Prozent überbucht. Das ist ein wesentlicher Indikator", sagte er.

Lage am Chip-Markt

In vielen Branchen fehlen zudem weiter die wichtigen Halbleiter, die beispielsweise für die Produktion von Autos oder Smartphones verwendet werden. Hier ist die Stimmungslage jedoch nicht eindeutig. Der Chef des deutschen Halbleiterherstellers Infineon, Jochen Hanebeck, sagte der "Süddeutschen Zeitung" jüngst, dass man die Engpässe bei den Halbleitern, die man von Auftragsfertigern beziehe, noch bis ins kommende Jahr sehen werde.

Peter Fuß, bei Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY zuständig für die Automobilbranche, sieht dagegen eine langsame Verbesserung der Versorgung mit Halbleitern. Das liege unter anderem daran, dass sich der Zulieferermarkt neu sortiere. So gehe derzeit die Nachfrage nach Halbleitern aus der IT-Branche zurück, wodurch die Automobilhersteller wieder mehr Chips erhielten. Zudem spüre man die gesunkene Nachfrage nach den Elektroautos, die mehr Chips benötigen als Verbrenner. Das habe auch mit dem Auslaufen von Prämien zu tun. Das sortiere den Markt neu und relativiere die Chipkrise etwas.

Trendwende nicht erkennbar

Aus Sicht von Melanie Vogelbach, Bereichsleiterin Internationale Wirtschaftspolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, lässt sich trotz einiger positiver Signale aber keine Trendwende bei den Lieferengpässen abzeichnen. Massive Probleme in der Logistik wie Schwierigkeiten bei der deutschen Binnenschifffahrt belasteten die Lieferketten auch weiterhin.

So würden Schiffe am Rhein aufgrund der niedrigen Pegelstände nur zu einem Drittel beladen - für die gleiche Menge an Containern brauche man aktuell also drei Schiffe. Das treffe dann Branchen, die stark von der Binnenschifffahrt abhängen wie die Chemie-Industrie. Aber auch in der Nordsee stauten sich derzeit die Containerschiffe, weil nicht so schnell be- und entladen werden könne, sagt Vogelbach gegenüber tagesschau.de.

Wie geht es weiter?

Zudem belastet der Krieg in der Ukraine die Rohstoffversorgung vieler Unternehmen in Deutschland und auch weltweit. Russland zählt zu den großen Rohstofflieferanten für Nickel oder Palladium, die für viele Industrieanlagen wichtig sind, aber auch für die Chipproduktion benötigt werden. Auch der weitere Verlauf der Corona-Pandemie im Herbst und im Winter bleibt ein Risiko für die Logistik.

Die Materialengpässe und die Lieferkettenprobleme ließen sich nicht kurzfristig lösen, sagt Wohlrabe. Unternehmen stellten derzeit ihre Lieferketten breiter und resilienter auf - zumindest da, wo es möglich sei. Vor der Corona-Krise habe die Logistik einwandfrei funktioniert. Man habe dabei vor allem auf den Preis geachtet und sich auf asiatische Zulieferer verlassen, nun verlagere man die Produktion ein Stück weit zurück.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. August 2022 um 11:36 Uhr.