HSH Nordbank: Teil eins Hütchenspieler in Nadelstreifen

Stand: 13.10.2009 13:19 Uhr

Eine halbe Milliarde Euro hat die HSH Nordbank auf dem internationalen Kreditmarkt verzockt - ohne Wissen der Bankenaufsicht, die dabei umgangen wurde. Doch wie konnte es dazu kommen? Warum gingen die Manager risikoreiche Geschäfte ein? Eine Analyse.

Von Patrik Baab, NDR, Redaktion Wirtschaft und Ratgeber

Bescheidenheit ist seine Sache nicht. Große Zahlen machen ihm keine Angst. Doch von Milliardenverlusten geplagt, von der Presse gejagt, war Dirk Jens Nonnenmacher in den letzten Wochen schwer unter Druck geraten. Der habilitierte Mathematiker und exzentrische Chef der HSH Nordbank mit dem charakteristischen Zopf war monatelang abgetaucht.

In der Bank hat er den Spitznamen "Dr. No". Denn auch vielen Mitarbeitern ist er fremd geblieben. Doch jetzt endlich konnte Nonnemacher aufatmen. Der Manager hatte die Presse, die er sich wünschte: "HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher räumt auf" schrieben die Kieler Nachrichten am 8. Oktober.

Die HSH Nordbank war in die Offensive gegangen, nachdem sie erfahren hatte, dass der NDR zwei Börsenwetten mit schwindelerregenden Summen auf der Spur ist und nach den Verantwortlichen gefragt hatte. Mit einer Presserklärung wurde gezielt versucht, den Bankchef als Retter in der Not dastehen zu lassen.

HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher
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HSH-Chef Dirk Jens Nonnenmacher

Bedingungslose Kapitulation

Wie viel bescheidener fiel der Auftritt Nonnenmachers am 5. November 2008 aus. Die Performance des obersten Rechenkünstlers der HSH Nordbank geriet reichlich kleinlaut. Von den Bilanzprüfern der KPMG wurde er zitiert und musste zugeben: Die Bank hatte sich auf einen Streich im mittleren dreistelligen Millionenbereich verzockt. Nonnenmacher, dem Kontrollfreak, war die Kontrolle entglitten. Eine bedingungslose Kapitulation.

Zwei verbundene Einzelgeschäfte mit den Fantasienamen "Omega 52" und "Omega 55" waren gründlich danebengegangen. Die Zahlenspiele von Nonnenmachers Finanzakrobaten hatten der HSH Nordbank einen Abschreibungsbedarf von genau 517,2 Millionen Euro beschert - ein Drittel der Wertberichtigung im Konzernabschluss 2008.

Der Kreditantrag zu Omega 55 liegt dem NDR vor. Unterschrieben haben ihn die Vorstände Nonnenmacher, Jochen Friedrich, Peter Rieck, Hartmut Strauß, Bernhard Visker und Vorstandschef Hans Berger. Der Versuch der Bank, die alleinige Verantwortung für Omega 52 und 55 dem früheren Leiter der Londoner Niederlassung Luis Marti-Sanchez, in die Schuhe zu schieben, ist damit wohl gescheitert.

Hochriskante Risikogeschäfte

In einem vertraulichen Gutachten von mehr als 2500 Seiten halten die KPMG-Prüfer minutiös fest, wie sie auf zwei Geschäfte mit irrsinnigen Risiken gestoßen sind: Die Daten der Bank über Kredite, über die Bilanz und über hochspekulative Derivate "waren ausstehend und überfällig".

Am 20. Oktober 2008 forderte die KPMG die Bank ultimativ auf, die Geschäfte offenzulegen. Sofort wurde klar: Hinter den Transaktionen, die wie harmlose Kredite aussahen, verbargen sich hochriskante Börsenwetten: "Liquiditätsfazilitäten an Zweckgesellschaften".

Damit sind Zahlungsverpflichtungen an Briefkastenfirmen in Dublin gemeint, die von der Bank BNP Paribas außerhalb der Bilanz geführt wurden und der heimischen Bankenaufsicht entzogen sind. Aber warum?

"Kein wirksames Kontrollsytem"

Logo der HSH Nordbank
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Logo der HSH Nordbank

Eine Durchsicht der Unterlagen in Abstimmung mit Vorstand und Aufsichtsrat der HSH Nordbank, so das KPMG-Gutachten, "bestätigte das Risikopotenzial und führte überdies zu der Erkenntnis, dass das Risikopotenzial wegen unzutreffender Erfassung in den Risiko- und Rechnungslegungssystemen der Bank nicht erkannt worden war." Im Klartext: Hochriskante Geschäfte ohne angemessene Risikoprüfung. Börsenwetten ohne Wettschein. Und weiter: "Zur Überwachung der Erfassung lag kein wirksames Internes Kontrollsystem vor." Das heißt: Das Risikomanagement hatte komplett versagt. Wie kam es dazu?

Profitgier und kriminelle Energie

Interne Unterlagen der Bank, die dem NDR vorliegen, zeigen jetzt das Gebräu aus Zockermentalität, Profitgier und krimineller Energie, das sich im Milieu der HSH Nordbank gebildet hat - und über das jetzt führende Manager stolpern könnten. Denn der Kreditantrag belegt, dass die Bankenaufsicht nicht korrekt informiert war: "Trotz der von mehreren Abteilungen vorgenommenen sorgfältigen Prüfungen bleibt ein gewisses Risiko, dass die Bankenaufsicht das Geschäft als Maßnahme zur Sicherung des Eigenkapitals nicht akzeptieren wird.

Die Folgen einer möglichen Ablehnung durch das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht können nicht übersehen werden." Aber der Reihe nach.

Lesen Sie im Teil 2, wie die Manager der HSH Nordbank auf dem Kreditmarkt spekulierten.

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