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Prozess um Pleite der Hypo Real Estate Zeuge: HRE erteilte Ex-Chef Maulkorb

Stand: 06.02.2014 13:13 Uhr

Wann wusste der frühere HRE-Chef Funke von der Krise der Immobilienbank? Dazu sollte er heute im milliardenschweren Schadenersatz-Prozess aussagen. Dazu kam es aber nicht, Funke sagte ab. Für Aufsehen sorgte dafür ein anderer Zeuge: Nicht Funke habe eine frühzeitige Warnung vor Problemen in der Bank verhindert, sondern Juristen der HRE.

Von Christoph Arnowski, BR

Vor dem Münchner Oberlandesgericht platzte am Mittag die Bombe: Ein britischer Fondsmanager sagte in der Beweiserhebung, dass der frühere Chef der Immobilienbank Hypo Real Estate, Georg Funke, ihm bei einem Treffen am 11. März 2008 in München erklärt habe, dass er (Funke) bereits Mitte Dezember 2007 die Öffentlichkeit über die Probleme mit den amerikanischen Schrottpapieren (CDOs) habe informieren wollen. Seine Anwälte - die HRE-Anwälte - hätten aber Nein gesagt.

Der britische Fondsmanager (sitzend in der Mitte) im HRE-Prozess
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Zeuge mit brisanter Aussage: Der britische Fondsmanager (sitzend in der Mitte) bringt die HRE in Bedrängnis.

Damit wäre klar: Funke wurde von der eigenen Rechtsabteilung behindert. Es wird spannend, welche Auswirkungen diese Aussage auf den Prozess haben wird. Funke sollte heute selbst von Richter Guido Kotschy befragt werden. Die Frage: Wann wusste der frühere Chef von der Krise der Bank?

"Gierbanker" wird Funke nicht nur auf dem Boulevard genannt, seitdem im Herbst 2008 der Staat und damit der deutsche Steuerzahler die Hypo Real Estate (HRE) mit vielen, vielen Milliarden vor dem Konkurs retten musste. Am Mittag dann die Mitteilung: Funke hat seine Aussage abgesagt. Wegen der laufenden Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft habe er sich entschlossen, nicht zu dem Prozess zu erscheinen, sagte Funkes Anwalt.

Ex-HRE-Chef Georg Funke | Bildquelle: dpa
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Welche Rolle spielte Ex-HRE-Chef Georg Funke?

In dem Musterprozess geht es gar nicht um die dramatischen Tage und Wochen vor knapp fünfeinhalb Jahren, als die weltweite Finanzkrise auf dem Höhepunkt angekommen war und die US-amerikanische Lehman-Bank pleite ging. Entscheidend für den Prozess, in dem der Musterkläger Christian Wevers stellvertretend für mehrere Dutzend  institutionelle Investoren aus dem In- und Ausland sowie einige hundert deutsche Kleinaktionäre 1,1 Milliarden Euro Schadensersatz erstreiten will, sind die Geschehnisse von Juli 2007 bis Januar 2008.

Warum sich die HRE-Altaktionäre getäuscht fühlen

Es waren die Monate, als der amerikanische Immobilienmarkt zusammenbrach und die Kredite, verpackt in waghalsige Wertpapierkonstrukte, weltweit in großem Stil gehandelt wurden. Schrott- oder Giftpapiere wurden sie später genannt, weil sie deren Besitzer binnen kürzester Zeit quasi an den finanziellen Abgrund bugsierten.

Auch der Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hatte solche Papiere in den Büchern. Trotzdem wollte der damalige HRE-Chef Funke monatelang nicht von Problemen sprechen. Erst am 15. Januar 2008 überraschte seine Bank die Öffentlichkeit mit einer Ad-hoc-Mitteilung, wonach die HRE wegen dieser Papiere, der sogenannten CDOs, einen Abschreibungsbedarf von 390 Millionen Euro habe. An und für sich für eine im DAX notierte Großbank keine dramatische Summe, aber der Aktienkurs brach dennoch an diesem einzigen Tag um 35 Prozent ein. Ein dramatischer Kurssturz, der deshalb so heftig war, weil niemand am Markt nach den vielen Beschwichtigungen von Funke in den Monaten davor damit gerechnet hatte. Die Anleger fühlten sich damals wie heute schwer getäuscht.

Aufstieg und Fall des HRE-Chefs Georg Funke
R. Kaiser, BR
06.02.2014 09:46 Uhr

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Ist der Prozess schon entschieden?

Während die inzwischen verstaatlichte HRE noch heute behauptet, die "Kommunikation sei damals jederzeit angemessen" gewesen, ist das Münchner Oberlandesgericht offensichtlich ganz anderer Meinung. Bereits am Montag erklärte der Vorsitzende Richter Guido Kotschy in einer "vorläufigen Einschätzung", dass die Bank die Investoren ein halbes Jahr vor Bekanntwerden ihrer desaströsen Lage hinters Licht geführt habe. Eine Pressemitteilung der HRE vom 3. August 2007 sei "wesentlich zu optimistisch" gewesen. Liest man das Wortprotokoll des ersten Verhandlungstages, so drängt sich sogar der Eindruck auf, dass sich Kotschy bereits für den Zeitraum November bis Januar 2008 zugunsten der klagenden Aktionäre festgelegt habe.

Geht die Rechnung von Musterkläger-Anwalt Andreas Tilp aus Kirchentellinsfurt auf, muss die Geschichte der HRE-Pleite umgeschrieben werden. Denn er glaubt beweisen zu können, dass Funke bereits spätestens im Dezember 2007 die Öffentlichkeit über die Probleme mit den CDOs informieren wollte, daran aber vom damaligen Aufsichtsratschef Kurt Viermetz und Anwälten der Bank gehindert wurde.

Viermetz verlor zwar im Zuge der Zwangsverstaatlichung sein Amt und musste zurücktreten, blieb aber bei der bisherigen Aufarbeitung der Bankpleite, auch im Bundestagsuntersuchungsausschuss, eine unscheinbare Nebenfigur. Im Fokus aller Kritik stand bislang einzig und allein "Gierbanker" Funke. Zu Recht?

Aktenordner für den HRE-Prozess
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Es geht um Schadenersatzansprüche in Milliardenhöhe.

Muss die HRE-Pleite neu bewertet werden?

Sollten Tilps Beweisanträge halten, wird man wohl nicht umhinkommen, die bisherige Rolle des vermeintlich Hauptschuldigen an der Pleite neu zu bewerten. Auch in den noch laufenden arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen hätten Funke und seine ebenfalls fristlos gefeuerten Vorstandskollegen weit bessere Karten, wenn sich bewahrheiten sollte, dass es in Wahrheit der Aufsichtsrat war, der für die Fehlinformation der Anleger verantwortlich war.

Dann wäre auch vor einem Urteil in diesem Musterprozess endgültig klar, was für alle Beobachter dieses Verfahrens ohnehin schon sicher scheint: Die verstaatliche Hypo Real Estate und damit der Steuerzahler werden Schadenersatz leisten müssen. Nach derzeitigen Schätzungen könnte es mindestens eine Milliarde Euro sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Februar 2014 um 16:00 Uhr.

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