"House of Gucci"-Filmplakat | AFP

"House of Gucci"-Filmstart Die gewinnbringende Edelmarke

Stand: 02.12.2021 19:29 Uhr

Was einst mit einem kleinen Ledergeschäft in Florenz begann, kommt jetzt nach Hollywood: die Geschichte der Modemarke Gucci. Der Film schont die Familie nicht - und die reagiert entsetzt.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Es ist der Stoff, aus dem die Filmträume sind: Mode, Glamour, Intrigen und Mord. Mit "House of Gucci" setzt Regisseur Ridley Scott ein Familiendrama in Szene, das in den 1990er-Jahren weit über die Modewelt hinaus Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Ensemble des Films: ein "Who is Who" der Stars von Lady Gaga über Al Pacino und Jeremy Irons bis hin zu Adam Driver und Salma Hayek. Und wie steht es um die echten Guccis?

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

In einem Brief, den die italienische Nachrichtenagentur ANSA veröffentlicht hat, äußern sich die Nachkommen von Aldo Gucci bestürzt über die Veröffentlichung des Films: "Der Film vermittelt eine Geschichte, die alles andere als akkurat ist." - Eine klare Reaktion der Familie auf den Hollywoodfilm.

Die Produktion habe sich nicht die Mühe gemacht, mit den Erben zu sprechen, bevor sie "Aldo Gucci - dreißig Jahre lang Präsident des Unternehmens - und die Mitglieder der Familie Gucci als Hooligans darstellt, die ignorant und unsensibel gegenüber der Welt um sie herum sind", heißt es darin. Dies sei aus menschlicher Sicht äußerst schmerzhaft und eine Beleidigung für das Erbe, auf dem die Marke heute aufgebaut ist.

Virale Marke

Nach einer Studie der italienischen Kommunikationsagentur Comin und Partners wird die Marke Gucci im Internet am meisten zitiert: Auf Social Media liege sie in Italien noch vor Armani, Louis Vuitton und Dolce & Gabbana.

Auch wirtschaftlich steht das Unternehmen gut da: Gucci-Chef Marco Bizzarri kündigte im November an, dass er für dieses Jahr - immerhin noch inmitten der Corona-Pandemie - einen ähnlichen Umsatz wie 2019 erwarte, möglicherweise sogar noch höher. Damals erzielte Gucci einen Rekordumsatz von 9,6 Milliarden Euro.

Doch mit dem Unternehmen hat der Gucci-Clan schon lange nichts mehr zu tun: Im September 1993 verkaufte Maurizio Gucci als letztes Familienmitglied seine Anteile an die bahrainische Investmentfirma Investcorp.

Start als kleines Ledergeschäft

Guccio Gucci eröffnete vor genau 100 Jahren sein erstes kleines Geschäft in Florenz - der Sohn eines Lederschneiders hatte sich als Page im Londoner Luxushotel Savoy einiges von den Gästen und deren edlem Gepäck abgeschaut. In seiner Heimat bot er Koffer, Taschen und Gürtel zunächst in Florenz, dann in Rom und Mailand an.

Alle drei Söhne stiegen ins Unternehmen ein - der Älteste, Aldo, weitete es bis nach Amerika aus. In den 1950er- und 1960er-Jahren stand die Marke Gucci für Eleganz, gepaart mit einer gewissen Lässigkeit, Filmstars und Prinzessinnen brachten den nötigen Glamour. Sie liebten den grün-rot-grünen Zierstreifen, für den sich der Gründer vom Sattelgurt der Polo-Pferde inspirieren lassen hatte. Beliebt war auch das typische Gucci-Stoff-Design aus Hanfgewebe, auf das das Unternehmen einst notgedrungen wegen Lederknappheit umgestiegen war.  

Intrigen und schwierige Zeiten

Während Gucci mit dem Doppel-G immer mehr Herzen, Märkte und zahlungswillige Kundinnen eroberte, ging es hinter der Familienkulisse offenkundig gar nicht friedlich zu. Nach den beiden Söhnen Aldo und Rodolfo - der eine maßgeblich in New York, der andere in Florenz - stieg die nächste Generation ins Geschäft mit ein.

Vor allem die Enkel Roberto, Paolo und Maurizio mischten mit. Sie lieferten sich und der Familie Scharmützel und Rechtsstreitigkeiten. Es wird intrigiert, gestritten, prozessiert und enterbt. Gleichzeitig verliert das Label an Glanz: Zu viele und vor allem billig produzierte Artikel passen nicht mehr zum Luxus-Image. Nach und nach steigt Maurizio Gucci zum starken Mann auf, er hält die meisten Anteile und leitet das Unternehmen.

Auftragsmord nach Scheidung als Filmvorlage

Maurizio hatte gegen den Willen des Gucci-Clans Patrizia Reggiani geheiratet, die Tochter eines Mailänder Transportunternehmers. In "House of Gucci" mimt Lady Gaga sie, mit italienischem Akzent. Im wahren Leben verlor Maurizio irgendwann die Lust an ihr, ließ sich scheiden. Im März 1995 trafen ihn vier Pistolenkugeln, als er sein Mailänder Büro betreten wollte - ein Mord im Auftrag seiner Ex-Frau. Die "Schwarze Witwe", wie sie bald von den Medien genannt wird, wurde zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt, nach 18 Jahren kam sie 2014 wieder frei.

"Haben Sie es nie bereut?", wurde sie kürzlich im italienischen Fernsehen gefragt. "Nein. Niemals!", lautete ihre Antwort. Es ist die Vorlage für den Film, an dem sich die Familie nun so sehr reibt. In den Augen des Clans wird die einstige Aufsteigerin Patrizia als Opfer dargestellt, "das versucht, in einer männlichen und machohaften Unternehmenskultur zu überleben". Dies habe mit der Wahrheit nichts zu tun - da sind sich die Nachkommen sicher.

Runderneuert und gewinnbringend

Noch Maurizio Gucci hatte Tom Ford als Kreativdirektor eingestellt, unter seiner Ägide entwickelte sich das Unternehmen zum Milliardenkonzern. Der Texaner setzte auf einen Sexy-Look: Seine Models liefen in lasziv geöffneten Seidenblusen und hautengen Röhren über den Mailänder Laufsteg. 1999 warf der Luxusgigant LVMH ein Auge auf Gucci - filmreif die Übernahmeschlacht, die vor Gericht ausgetragen wurde.

Seit 2004 gehört Gucci weitgehend zum französischen Luxusgüterkonzern Kering. Die Kreationen des derzeitigen Kreativdirektors Alessandro Michele, eines gebürtigen Römers, begeistern vor allem junge Leute. Seine jüngste Kollektion hat er unter dem Titel "Love Parade" auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles präsentiert. Die legendäre Marke Gucci ist wieder einmal erneuert worden - gewinnbringend.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 02. Dezember 2021 um 17:05 Uhr.