Eine Frau im Homeffice am Schreibtisch | dpa

Debatte über strengere Regeln DGB fordert Anspruch auf Homeoffice

Stand: 11.01.2021 10:10 Uhr

DGB-Chef Reiner Hoffmann verlangt in der Corona-Krise für Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf Homeoffice. Die Grünen gehen noch einen Schritt weiter: Sie fordern Bußgelder für uneinsichtige Firmen.

Die Gewerkschaften wollen in der Corona-Pandemie einen Rechtsanspruch auf Homeoffice durchsetzen. "Wir fordern einen Rechtsanspruch auf Homeoffice - jedenfalls da, wo es machbar ist", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann der "Süddeutschen Zeitung". Es könne nicht sein, dass die Entscheidung darüber allein bei den Arbeitgebern liege.

Zugleich müsse aber auch sichergestellt werden, "dass niemand ins Homeoffice gezwungen werden kann". In der Corona-Pandemie reduzierten manche Firmen, deren Beschäftigte verstärkt von zu Hause arbeiteten, ihre Büroflächen. "Für die Mitarbeiter droht dann die Reise nach Jerusalem: Wer zur Arbeit kommt, muss sich erstmal mühsam einen Platz suchen", kritisierte Hoffmann.

10,5 Millionen Menschen im Homeoffice

Nach einer Befragung des Digitalverbandes Bitkom von Anfang Dezember arbeitet derzeit jeder vierte Berufstätige ausschließlich im Homeoffice. Das wären etwa 10,5 Millionen Deutsche. Auf weitere 20 Prozent treffe das teilweise zu. Vor der Pandemie hatten lediglich drei Prozent im Homeoffice gearbeitet, weitere 15 Prozent teilweise.

Einheitliche Regeln für Unternehmen gibt es dennoch nicht - lediglich einen Aufruf. "Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten, großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen, um bundesweit den Grundsatz 'Wir bleiben zuhause' umsetzen zu können", hieß es etwa in einem Appell von Bund und Ländern nach der Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar.

Auf Twitter war daraufhin eine Debatte unter dem Schlagwort #MachtBueroszu entstanden. Nutzer erzählen etwa Geschichten aus ihrem Alltag über eine Präsenzpflicht und dass sie dann mit der U-Bahn ins Büro fahren müssen - trotz der hohen Corona-Neuinfektionszahlen.

Gewerkschaften für verbindliche Regeln

Besonders Frauen seien im Homeoffice doppelt belastet, sagte Hoffmann der "Süddeutschen Zeitung". Homeoffice und Kinderbetreuung - das passe nicht zusammen. "Immerhin haben einige Arbeitgeber inzwischen verstanden, dass auch sie vom Homeoffice profitieren." Die Beschäftigten seien zufriedener, produktiver und seltener krank.

Die Bundesregierung müsse verbindliche Regelungen schaffen, sagte auch ver.di-Chef Frank Werneke dem Magazin "Stern". Die Betriebe stünden in der Pflicht, für einen möglichst wirksamen Infektionsschutz zu sorgen. Dazu gehöre in der jetzigen Phase der Pandemie das Arbeiten von daheim aus, "wo immer das möglich ist".

Debatte über Heils Gesetzentwurf

Die Debatte um die Verantwortung der Wirtschaft im Kampf gegen das Virus nimmt Fahrt auf. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte Ende vergangenen Jahres einen Rechtsanspruch aufs Homeoffice angekündigt, war dann jedoch nach Widerstand in den Unionsparteien zurückgerudert. Sein Gesetzentwurf sieht nun lediglich vor, dass Arbeitnehmer das Recht auf ein Gespräch mit dem Arbeitgeber zum Thema Homeoffice bekommen. Lehnt der Arbeitgeber ab, braucht er Gründe.

Die Gewerkschaften sähen Heils Rückzieher kritisch, sagte Hoffmann. Er begrüßte aber, dass der Arbeitsminister bei dem Thema vorgeschlagen habe, die Mitbestimmung der Betriebsräte zu stärken. Für Firmen ohne Betriebsräte forderte Hoffmann weitere gesetzliche Regeln. "Sonst machen die Kapitalisten, was sie wollen", warnte er.

Im Gespräch mit NDR Info bedauerte Heil den Widerstand der Union. "Sonst wären wir jetzt weiter", sagt er. Er werde seinen Appell, das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen, morgen in einer Konferenz mit den Personalvorständen großer Firmen bekräftigen: "Willkürlich Homeoffice zu verweigern, wäre jetzt unverantwortlich." Heil mahnte, wo kein Homeoffice möglich sei, müssten die Hygiene-Auflagen eingehalten werden, sonst könne er einen Produktionsstillstand nicht ausschließen. Einen Lockdown in der gesamten Wirtschaft wolle er jedoch unbedingt vermeiden.

Grüne wollen Arbeitgeber verpflichten

Auch die Grünen wollen Vorgaben für die Firmen in Sachen Homeoffice - plus Bußgelder. "Wir brauchen eine Corona-Arbeitsschutzverordnung, die Unternehmen verpflichtet, überall dort, wo es möglich ist, Homeoffice jetzt auch anzubieten", forderte Fraktionschefin Göring-Eckardt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Wo Arbeitgeber uneinsichtig seien und ohne Grund Präsenz am Arbeitsplatz einforderten, müsse "mit Bußgeldern Druck gemacht" werden. Die Bundesregierung habe eine klare Verantwortung und die rechtliche Möglichkeit, bundeseinheitliche Regeln zu erlassen. "Millionen Beschäftigte sind täglich von Infektionen bedroht, weil Schutzmaßnahmen in Unternehmen nicht ausreichen, ohne Not Präsenzpflicht eingefordert wird oder Risiken durch die Anfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mitgedacht werden", sagte Göring-Eckardt dem "Tagesspiegel".

Der richtige Ansatz?

Es gibt allerdings auch Kritiker der Homeoffice-Verpflichtung. Die Bundesregierung würde mit gesetzlichen Vorgaben mehr Schaden anrichten als zu helfen, meinte zuletzt etwa Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

"Fast 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland können nicht von zu Hause aus arbeiten, häufig weil ihre Arbeit einen Dienst an anderen Menschen beinhaltet. Unternehmen haben bereits jetzt zu kämpfen, diese Pandemie zu überleben,", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Auch Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft hält einen Rechtsanspruch für den falschen Ansatz: "Homeoffice kann nur produktiv sein, wenn beide Seiten das für sinnvoll erachten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Januar 2021 um 10:11 Uhr in den Nachrichten.