Akten in einem Schrank | picture alliance/dpa

Homeoffice in der Verwaltung Akten statt E-Mails

Stand: 29.04.2021 10:02 Uhr

Viele Stadtverwaltungen tun sich mit dem Homeoffice schwer. Nicht nur die technische Ausrüstung fehlt oftmals. Auch klagen Beschäftigte über misstrauische Vorgesetzte und Kollegen.

Von Gerrit Rudolph, hr

Eisern im Homeoffice bleiben und so die Pandemie eindämmen - das ist das Gebot der Stunde, dem möglichst viele Arbeitnehmer folgen sollen. Ihre Arbeitgeber müssen das aber erst ermöglichen. So fordert es inzwischen auch die Bundesregierung. Gerade die Rathäuser, Ämter und Behörden sollten Vorreiter und Vorbilder in Sachen Homeoffice sein, könnte man meinen.

Gerrit Rudolph

Sind sie aber oft nicht. Digitalisiert ist in etlichen Stadtverwaltungen wenig. Dokumente gehen klassisch von Hand zu Hand und tatsächlich von Person zu Person, vor Ort am Arbeitsplatz. Akten sind vielerorts noch immer verbreiteter als E-Mails. Manche Stadtverwaltungen können oder wollen Homeoffice nur wenigen Beschäftigen ermöglichen. "Es gibt Misstrauen, dass zu Hause nicht richtig gearbeitet wird", verrät eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Frankfurt am Main.

Große Unterschiede zwischen Städten

Praktisch alle Stadtverwaltungen empfehlen ihren Mitarbeitenden, wenn irgend möglich im Homeoffice zu arbeiten. Was möglich wäre und was tatsächlich geschieht, liegt allerdings weit auseinander. Allein bei den vier größten Städten in Hessen - Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel - gibt es große Unterschiede. Von rund 14.000 Beschäftigten der Stadtverwaltung Frankfurt könnten etwa 8000 im Homeoffice arbeiten. Das sind 57 Prozent. Tatsächlich haben laut Arbeitszeiterhebung der Stadt im ersten Quartal 2021 durchschnittlich 1900 Beschäftigte im Homeoffice gearbeitet - also nur knapp 24 Prozent von denen, die technisch im Homeoffice arbeiten könnten, und damit nur 13,6 Prozent aller Beschäftigten.

Die Stadt Frankfurt erklärt dazu auf Nachfrage: "Das Thema Homeoffice ist ziemlich komplex und bei der Frage nach den Zahlen ist zu berücksichtigen, dass es innerhalb der Stadtverwaltung viele Bereiche beziehungsweise Berufsgruppen gibt, deren Leistungen nicht im 'Homeoffice' erbracht werden können. Hierzu zählen zum Beispiel sämtliche Mitarbeitende in Publikumsbereichen oder Außendienst, Erzieher*innen, Stadtpolizist*innen, Tierpfleger*innen im Zoo oder Gärtner*innen."

Lieber ins Büro

Die Stadt Wiesbaden beschäftigt insgesamt 6431 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen 2761 die Möglichkeit haben, im Homeoffice zu arbeiten. Somit beträgt die Homeoffice-Quote dort derzeit rund 43 Prozent - theoretisch. Denn nicht alle Mitarbeitenden nutzen die Möglichkeit. Manch einer geht doch lieber ins Büro. "Da habe ich einfach mehr Ruhe als zu Hause", gibt ein Angestellter zu. Bei der Stadtverwaltung Kassel arbeiten rund 3500 Menschen, davon 1600 in Bürotätigkeiten. Für etwa 1500 gibt es die Möglichkeit zum Homeoffice. Das entspricht einer Gesamtquote von knapp 43 Prozent. Die Stadt Darmstadt mit 2344 Mitarbeitenden hat ihre technischen Möglichkeiten zur Arbeit außerhalb des Büros deutlich ausgebaut. Derzeit kann an 1160 von 1600 PC-gestützten Arbeitsplätzen von zu Hause aus gearbeitet werden. Dies entspricht einer Gesamtquote von fast 50 Prozent. 

Handmappen aus Papier unentbehrlich?

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, verteidigt die niedrigen Homeoffice-Quoten: "Die Städte haben in Sachen Homeoffice eine steile Lernkurve hinter sich: Viele zusätzliche mobile Endgeräte wurden wegen der Corona-Krise beschafft, gesicherte digitale Zugänge und digitale Konferenzsoftware eingerichtet. Wo es aufgrund des Aufgabenbereichs möglich ist, ist das Arbeiten im Homeoffice mittlerweile Standard in der öffentlichen Verwaltung." So könnten elektronische Akten auch von zu Hause geführt, Anträge digital bearbeitet werden. "Die Städte arbeiten parallel an weiteren digitalen Lösungen", so Dedy. "Das Ziel ist, mehr Bürgerdienste auch online anzubieten." Digitale Lösungen fehlen in vielen Stadtverwaltungen. In Frankfurt etwa, sagt eine Mitarbeiterin, seien Akten und Handmappen aus Papier immer noch unentbehrlich. Fast nichts sei digitalisiert.

Die meisten Stadtverwaltungen sind also keine Vorbilder in Sachen Homeoffice. Und in der deutschen Arbeitswelt insgesamt sieht es nicht besser aus. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten im Januar 2021 24 Prozent aller Beschäftigten im Homeoffice. Höher war der Anteil allerdings mit 27 Prozent im April 2020, also kurz nach Beginn der Corona-Krise in Deutschland. Überraschend gering war die Nutzung des Homeoffice hingegen im November 2020: Nur 14 Prozent der Beschäftigten arbeiteten zu Hause, obwohl die Politik an die Arbeitgeber appelliert hatte, mobile Arbeit flächendeckend möglich zu machen.

Nicht nur auf Notebooks kommt es an

Mangelnde technische Infrastruktur ist ein Grund für die geringe Homeoffice-Quote, Misstrauen von Vorgesetzen und Kollegen ein anderer. Doch die Bereitstellung von Notebooks und leistungsfähigen Datenleitungen reiche nicht aus, sagt Christian Barthelmes, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der Stadtverwaltung Frankfurt. "Für mobiles Arbeiten als reguläre Arbeitsform bedarf es mehr: eine noch stärkere Qualifizierung von Personal in Form von strukturierter Personalentwicklung und eine neue Form von Führung, die sich nicht an der Anwesenheit der Kolleginnen und Kollegen, sondern am Arbeitsergebnis orientiert."

Wie schwer sich viele Städte und Gemeinden mit dem Homeoffice tun, geht auch aus einer Umfrage von mehr als 600 Kommunen durch den Deutschen Städte- und Gemeindebund und Bitkom hervor, die im Dezember veröffentlicht wurde. Demnach schließen es 50 Prozent aller Kommunen "kategorisch" aus, Homeoffice anzubieten. Laut der Umfrage unter den Kommunen geben zwar 40 Prozent an, dass ihnen "Technik fehle". 24 Prozent sagen, es liege an "fehlenden Finanzmitteln", und 21 Prozent geben an, dass sie schlechtere Arbeitsergebnisse befürchten.

Zum Vorbild taugen offenbar die Bundesministerien. Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa liegt die Homeoffice-Quote bei ihnen bei bis zu 85 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Februar 2021 um 13:20 Uhr.