Drei Milchkühe mit vollen Eutern stehen nebeneinander
FAQ

Hochleistungskühe in der Milchproduktion Last durch Leistung?

Stand: 15.07.2016 12:21 Uhr

Heute beraten Agrarminister erneut über Hilfen für Milchbauern. Deren Probleme sind auch die Folge der enormen Milchproduktion. Diese wird ermöglicht durch Hochleistungskühe. Wie können sie so viel Milch geben und macht sie das krank?

Von Judith Koch, WDR

Woran erkennt man Hochleistungskühe?

Hochleistungskühe bringen zwischen 600 und 700 Kilogramm auf die Waage, werden sieben bis acht Jahre alt und gehören zur Rasse Schwarzbunt. Während ihres Kuhlebens bringen sie, sobald sie gebärfähig sind, praktisch jedes Jahr ein Kälbchen zur Welt. Die Tiere müssen topfit sein. Außer einer guten Gesamtkonstitution bedeutet das vor allem gesunde Klauen und Euter sowie eine gute Vitalität. Im Vergleich mit ihren "normalen" Artgenossen haben sie aber vor allem in puncto Milchleistung, also in Bezug auf die Milchmenge, die Nase vorn.

Wie viel Milch geben Hochleistungskühe?

Hochleistungskühe geben rund 10.000 Liter Milch im Jahr - das sind im Schnitt mehr als 27 Liter pro Tag. "In den 50er-Jahren war eine Kuh mit 6000 Liter Milch pro Jahr schon ein Wunderwerk“, sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). In den USA geht es mit der Leistung noch weiter: Dort werden bis zu 12.000 Liter Milch pro Tier im Jahr gemolken. Noch vor 100 Jahren erbrachte die deutsche Durchschnittskuh nicht einmal 2000 Liter Milch im Jahr, heute bewegt sie sich auf rund 8000 Liter zu. Die Milchleistung steigt also an, sprich die Menge an Milch, die während einer Laktation abgemolken wird. Das ist der Zeitraum zwischen der Geburt des Jungtiers und dem Trockenstellen, in der Regel 305 Tage.

"Als Bauer freut man sich, wenn seine Kühe viel Milch geben, noch mehr freut man sich aber, wenn sie lange leben", so beschreibt Foldenauer, selbst Besitzer von 100 Kühen, den Paradigmenwechsel, der seit einiger Zeit herrsche. Lange Zeit habe man nur auf die Jahresleistung geachtet. Seit einiger Zeit spiele aber verstärkt die Lebensleistung eine wichtige Rolle, also die Milchmenge, die eine Kuh über ihr ganzes Leben produziert. Eine gute Milchleistung kann weitervererbt werden, sogar bei männlichen Tieren. Bullen, die aus einer Linie mit einer hohen Milchleistung stammen, geben diese an ihre Kälber weiter. Mittlerweile kann man über Datenbankabgleiche vorhersagen, welche Genkombinationen Kälber mit einer besonders hohen Milchleistung hervorbringen.

Brauchen Hochleistungskühe eine Sonderbehandlung?

Auf dem Speiseplan von Kühen stehen normalerweise Gras, Silage und Heu. Davon können sie rund 50 Kilogramm am Tag fressen. Hochleistungskühe bekommen aber zusätzlich mit Nährstoffen angereichertes Kraftfutter, weil ihr Energiebedarf sonst nicht abgedeckt werden kann. Allerdings kann das harte Kraftfutter leicht auf den Kuhmagen schlagen, weshalb Hochleistungskühe oft Magenerkrankungen haben.

Woran können Hochleistungskühe erkranken?

Wer mehr Leistung bringt, hat einen höheren Energieaufwand. Und eine hohe Milchleistung kann anfälliger für Stoffwechselerkrankungen machen. Unter Hochleistungskühen sind Fruchtbarkeitsstörungen am weitesten verbreitet. Rund 20 Prozent hätten darunter zu leiden, so Holger Martens, Veterinärmediziner an der Freien Universität Berlin. Die Kühe werden gleich nach der Geburt des Jungtieres durch das Melken stark beansprucht, obwohl sie eigentlich geschont werden müssten, so Martens. Das sei Stress für die Tiere und führe zu Zyklusstörungen. Am zweithäufigsten sind Euter- und Klauenerkrankungen. Dass hohe Leistung zu schnellerem Verschleiß führt, diese Überzeugung teilen nicht alle Experten. Klaus Doll von der Klinik für Wiederkäuer an der Universität Gießen findet, dass die möglichen Zusammenhänge weitaus differenzierter betrachtet werden müssten. Die Gesundheit der Tiere sei vor allem eine Sache des Betriebsmanagements, also der bedarfsgerechten Haltung, der Fütterungsqualität und Krankheitsprophylaxe. Stimme dieser Rahmen, gebe es keine gesundheitlichen Auswirkungen und trotzdem gute Milchleistungen, sagt Doll.

Ist hohe Milchleistung ein Tierschutzproblem?

In der Frage, ob Hochleistungskühe artgerecht gezüchtet werden oder ob deren Haltung gegen das Tierschutzgesetz verstößt, scheiden sich aber die Geister. Hier tobt unter deutschen Landwirten und Tierschützern ein regelrechter Glaubenskrieg. Die Wahrheit liegt laut Jörg Aschenbach, Leiter des Instituts für Veterinär-Physiologie an der Freien Universität Berlin, wie so oft, in der Mitte. So gibt es Studien, die zeigen, dass die hochleistenden Tiere häufiger krank werden. Zum anderen sei eine hohe Milchleistung aber auch ein Zeichen für eine gute Pflege. "Hochleistungskuh gleich kranke Kuh - das wäre zu einfach. Es kommen viele Faktoren zusammen, eine Vielzahl von Risiken kann aber durch eine ordentliche Fütterung und eine gute Bestallung aufgefangen werden", sagt Aschenbach. Zumindest in einer Sache scheinen sich Deutschlands Milchbauern einig zu sein: Immer mehr Landwirte setzen anstatt auf Milchleistung auf Lebensleistung. Das heißt statt auf viel Milch pro Jahr auf ein insgesamt gesundes und leistungsstarkes Leben ihrer Vierbeiner.