Bulle und Bär vor der Frankfurter Wertpapierbörse.

Brexit-Folgen Frankfurt wird Finanzplatz Nummer Eins

Stand: 24.09.2018 12:37 Uhr

Bislang war London der größte Finanzplatz Europas - das ändert sich mit dem Brexit. Laut einer aktuellen Studie darf sich Frankfurt Hoffnung machen, künftig die erste Adresse zu werden.

Von Oliver Feldforth, HR

In einem halben Jahr ist es soweit. Großbritannien verlässt die EU mit oder ohne Ausstiegsregelung. Der dominierende Bankenstandort in Europa ist London mit 407.000 Mitarbeitern in der Finanzbranche, doch die würden dann alle außerhalb der EU arbeiten. Da das einige Bankgeschäfte unmöglich machen würde, planen immer mehr Banken Arbeitsplätze aus London zu verlagern. Lange galt der Finanzstandort Frankfurt zwar als Mitspieler in der großen Rochade, aber nicht unbedingt als Gewinner.

Die Überraschung: Frankfurt ist die Nummer Eins geworden, sagt eine aktuelle Studie der Helaba. Bis jetzt haben 25 Brexit-Banken den Finanzplatz am Main auserkoren, Paris kommt zur Zeit auf sieben, Dublin und Luxemburg auf sechs und Amsterdam nur auf fünf.

Das ist bemerkenswert, weil Frankfurt unter Europas Bankern bis jetzt als langweilig galt. Die Stimmung habe sich geändert, so die Chefvolkswirtin der Helaba Gertrud Traud. Auch in der Presse Großbritanniens würde Frankfurt nicht mehr belächelt.

Die Verkehrsdrehscheibe

Die Banker schätzen mehrere Vorteile Frankfurts. Frankfurt liegt mitten in Europa, der große Flughafen gut angebunden und auch der zentrale Bahnhof für die mobile Branche interessant.

Frankfurt ist eine kleine Großstadt. "In 15 Minuten ist man mit der S-Bahn von der Innenstadt am Flughafen, auch ins Grüne benötigt man nicht viel länger", so Traud. Die kurzen Distanzen seien ein Vorteil. In Frankfurts Finanzviertel sind alles und alle in Laufweite zu erreichen. Vergleichsweise schnell lernen zugereiste Banker so die Finanz-Community kennen. Auch hier sieht die Helaba Vorteile Frankfurts gegenüber dem Konkurrenten Paris.

Die Immobilienpreise

Was die normalen Bewohner Frankfurts stöhnen lässt, sehen die Geldhäuser, die aus dem sündhaft teuren London kommenden Banken, ein Schnäppchen. Das gilt sowohl für Wohnungen und Wohnhäuser als auch für den reichlich vorhandenen Büroraum. "Die Immobilienkosten sind in Frankfurt signifikant günstiger als beispielsweise in Paris und es gibt ein tolles Angebot", so die Chefvolkswirtin Traud, "günstige Mieten im Vergleich zu London in zentraler Lage sind ein Asset".

Die Skyline Frankfurts mit dem EZB-Gebäude (rechts am Main-Ufer) in der Nacht | Bildquelle: dpa
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2015 wurde der neue Sitz der EZB in Frankfurt eingeweiht.

Die EZB

Mit der Europäischen Zentralbank (EZB) sitzt nicht nur die Hüterin des Euros am Main, sondern auch die Bankenaufsicht für die großen Geldhäuser der Eurozone. Viele Banken siedeln sich gerne dort an, wo die Aufsicht sitzt. "Das bedeutet immer die Möglichkeit für ein schnelles Gespräch", so Traud.

Die Community

Nicht zu unterschätzen sei auch der Herdentrieb, meinen die Herausgeber der Studie: "Dort, wo viele hingehen, wollen auch viele hin". Und dieser Trend spreche zurzeit für Frankfurt, so die Volkswirte der Helaba.

Auch der wirtschaftlich-politische Rahmen, den Deutschland für Frankfurt bietet, spielt nach Ansicht der Verfasser der Studie eine relevante Rolle. Deutschland steht für Verlässlichkeit auch bei der Unternehmensbesteuerung. Wirtschaftswachstum bedeute immer auch Chancen für ein besseres Geschäft.

8000 Jobs für Frankfurt

Die Helaba glaubt, dass ungefähr 8000 Bank-Jobs nach Frankfurt umziehen werden. Das würde allerdings nicht bedeuten, dass auch 8000 Banker mit ihren Familien umziehen werden. Einige Arbeitsplätze würden wohl in Frankfurt neu besetzt werden.

Bei aller Vorfreude Frankfurts, als Bankenstandort in Europa durch den Brexit aufgewertet zu werden, wird es in der Stadt aber auch nach dem Job-Zufluss aus London Ende 2020 knapp 65.000 Arbeitsplätze in der Finanzbranche geben. London verbleibt da in einer anderen Liga: Nach der Helaba Studie bleiben dort ungefähr 390.000 Arbeitsplätze im Finanzsektor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2018 um 17:05 Uhr.

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