Geschlossene Türen an der Messe Hannover

Abgesagte Großveranstaltungen Haben Messen noch eine Zukunft?

Stand: 19.01.2021 10:32 Uhr

Für Messegesellschaften und ihre Zulieferer war 2020 ein verheerendes Jahr. Die meisten Messen wurden abgesagt oder verschoben. Nun hofft die Branche auf ein Comeback - ab dem Frühjahr.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Normalerweise herrscht in den ersten Monaten des Jahres reges Treiben auf dem Messegelände in Hannover. Im Januar trifft sich die Teppich-Branche auf der Domotex, und im April präsentiert sich die deutsche Industrie auf der Hannover-Messe. Doch in diesem Jahr herrscht gespenstische Ruhe, die Hallen und Parkplätze sind wie leergefegt. Einzig am Eingang Nord drängen sich ein paar Menschen. Es sind aber keine typischen Messegäste, sondern betagte Bürger, die ihre möglicherweise lebensrettende Injektion im Impfzentrum in Halle 25 erhalten.

Auf ein Impfmittel gegen die Krise hoffen auch die Messeveranstalter. Denn die Branche ist schwer angeschlagen. Im Corona-Jahr 2020 brach den deutschen Messeorganisatoren 60 bis 80 Prozent ihres üblichen Umsatzes weg, schätzt der Branchenverband AUMA. Ob Hannover-Messe, Leipziger Buchmesse oder Frankfurter Musikmesse: Sie alle wurden abgesagt. Die Frankfurter Buchmesse fand nur als digitale Minimal-Messe statt - mit größtenteils virtuellen Lesungen und Podiumsdiskussionen.

Deutsche Messe AG vor der Insolvenz gerettet

Besonders hart traf es die Deutsche Messe AG, die unter anderem die Hannover Messe organisiert. Sie machte 2020 mehr Verluste als Umsatz. Das Minus betrug 103 Millionen Euro, während die Erlöse bei 95 Millionen Euro lagen. Ein Jahr zuvor hatte die Deutsche Messe AG noch 346 Millionen Euro umgesetzt.

Die Folge: Das Unternehmen stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Deutsche Messe AG musste von den Eigentümern, der Stadt Hannover und dem Land Niedersachsen gerettet werden. Sie gaben ihr einen Kredit von über 122 Millionen Euro und schossen 20 Millionen Euro Eigenkapital ein. Im Gegenzug musste die Deutsche Messe AG ein Sparprogramm auflegen, das unter anderem eine Vier-Tage-Woche vorsieht. Ohne die Hilfe der Eigentümer "wären wir in diesem Jahr zahlungsunfähig", sagte ein Sprecher gegenüber tagesschau.de.

Fahnen der Messe wehen auf dem Messegelände in Hannover. | dpa-Bildfunk

Auch die Hannover Messe wurde abgesagt. Die Veranstalterin Deutsche Messe AG brauchte Staatshilfe. Bild: dpa-Bildfunk

Zwei Drittel weniger Umsatz bei der Messe Frankfurt

Etwas glimpflicher kam die Messe Frankfurt davon. Sie benötigte keine Hilfen von der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen. Die nach Umsatz größte deutsche Messegesellschaft erwirtschaftete 2020 nur noch rund 250 Millionen Euro an Erlösen - knapp ein Drittel vom Niveau vom Vorjahr (736 Millionen Euro). Messechef Wolfgang Marzin kündigte einen dreistelligen Millionenverlust an.

Das wieder anziehende Geschäft in China bewahrte die Frankfurter Messe vor einem noch härteren Einbruch. "Wir haben 2020 in China mehr Messen gehabt als in Frankfurt", sagte kürzlich Messechef Marzin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 40 der 105 Messen fanden in dem asiatischen Land statt. Allerdings sei zu berücksichtigen, dass im Corona-Jahr auch nur etwa ein Drittel aller Veranstaltungen abgehalten werden konnten, so ein Sprecher.

Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung Messe Frankfurt

Verlust in dreistelligem Millionenbereich erwartet: Frankfurts Messe-Chef Marzin.

Rote Zahlen bei den meisten Messeveranstaltern

Einen kräftigen Umsatzschwund und rote Zahlen dürften auch die anderen der 25 deutschen Messeveranstalter verbucht haben. Laut AUMA-Geschäftsführer Jörn Holtmeier machte die Branche 2020 nur etwa ein Viertel der Erlöse des Vorjahrs. Damals erwirtschafteten die Messeveranstalter gut vier Milliarden Euro, davon drei Viertel in Deutschland.

Normalerweise trage die Durchführung von Messen rund 28 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaftsleistung bei, erklärt Holtmeier. Davon seien 2020 nur rund sechs Milliarden Euro übrig geblieben.

Die Messegesellschaften haben bereits den Rotstift angesetzt und Stellenstreichungen verkündet. Die Deutsche Messe AG streicht bis 2027 fast jeden dritten Job. Die Frankfurter Messe will in diesem und im nächsten Jahr etwa zehn Prozent der rund 1000 Stellen abbauen.

Erste Insolvenzen bei privaten Messeveranstaltern

Während die großen Messegesellschaften auf die Hilfen ihrer öffentlichen Eigentümer setzen können, mussten mehrere kleine regionale Veranstalter aufgeben. So meldeten der Mainzer Messeveranstalter RAM-Regio, der Lindauer trend-messe-Veranstalter Kinold und der Heimtier-Messen-Organisator TMS Insolvenz an. Der private Karlsruher Messeveranstalter Hinte-Messe warnte jüngst vor einer "Quasi-Verstaatlichung" der Branche.

Noch düsterer ist die Lage bei den Zulieferern wie Messebauern und Gastronomen. Der Fachverband Messe- und Ausstellungsbau befürchtet einen baldigen Kollaps. Zwar sei bisher die befürchtete Pleitewelle ausgeblieben, aber nur weil die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt war. 2021 drohen mehrere Pleiten.

Vorsichtiger Optimismus für 2021

Die großen Messegesellschaften hoffen auf eine allmähliche Erholung im Laufe des Jahres. "Das erste Halbjahr wird noch mal brutal schlecht", prophezeit Jochen Köckler, Vorstandschef der Deutschen Messe AG. Dann aber werde es allmählich wieder besser werden. 15 Messen und Großveranstaltungen sind bislang für 2021 in Hannover geplant, die Hannover Messe soll diesmal nur online stattfinden.

Andere Messeveranstalter sind optimistischer. Die Leipziger Messe plant Präsenzmessen und größere Veranstaltungen vor Ort bereits ab dem zweiten Quartal. Das erklärte ein Messesprecher gegenüber tagesschau.de. So solle diesmal die Leipziger Buchmesse wieder stattfinden - im Mai statt im März.

Die Frankfurter Messe setzt unter anderem auf die Automechanika Mitte September. Die Musikmesse wird auf Ende Oktober verschoben und soll zeitgleich zur Buchmesse laufen. Die für Ende März geplante Sanitärmesse ISH soll diesmal digital ablaufen. Die Prolight+Sound, die Heimtextil und die Ambiente werden erst wieder 2022 abgehalten.

Keine Veranstaltungen auf der Infotafel an der Messe Frankfurt

Das Frankfurter Messegelände lag im Corona-Jahr 2020 verlassen da.

Präsenz-Messen bleiben unverzichtbar, aber ...

An ein Ende von Präsenz-Messen glauben die Veranstalter nicht. "Das Live-Erlebnis vor Ort lässt sich digital nicht ersetzen“, erklärt ein Sprecher der Messe Leipzig. "Wir bleiben fest davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Geschäftsabschlusses, nämlich Vertrauen schaffen, nur im Rahmen einer Präsenzveranstaltung funktioniert." Und auch bei der Messe Frankfurt sieht man "physische Messen als Begegnungsplattformen als unersetzlich für die heimische Wirtschaft". AUMA-Geschäftsführer Holtmeier verweist darauf, dass 40 Prozent der Firmen durch Messeabsagen bereits wirtschaftliche Verluste erlitten hätten.

Allerdings wird der Online-Anteil bei Messen künftig zunehmen. "Viele Messen werden in Zukunft digitale Ergänzungen haben", meint Holtmeier. Als mögliche digitale Elemente nennt ein Sprecher der Messe Leipzig "die Anmeldung, die Kontaktanbahnung oder die Weiterbearbeitung der Kontakte". Die Messen müssen sich also ein Stück weit wieder neu erfinden.

Mit einer baldigen Rückkehr zur Normalität rechnet kaum einer. Frankfurts Messechef Marzin geht davon aus, dass frühestens 2024 das Niveau vor der Corona-Krise wieder erreicht wird.