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Eurokrise Wie geht es Griechenland wirklich?

Stand: 11.04.2014 15:21 Uhr

Griechenlands Kapitalmarkt-Comeback wird von Wirtschaftsexperten höchst unterschiedlich eingeordnet. Die einen werten den Schritt als "Wendepunkt", andere als "trügerische Beruhigung".

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Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Es wirkt fast so, als gäbe es zwei Griechenlands. Eines, das die Krise abgestreift hat. Und eines, das noch jahrelang in der Krise gefangen sein wird. So unterschiedlich jedenfalls fallen - auf den ersten Blick - die Reaktionen auf Griechenlands Rückkehr an den Kapitalmarkt aus.

"Dies ist ein potenzieller Wendepunkt", sagt der Chef der EU-Task-Force für Griechenland, Horst Reichenbach, im "Spiegel-Online"-Interview. "Die Märkte sehen, dass es in Griechenland politische Unterstützung und Zustimmung für Reformen gibt." Auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia spricht von "extrem guten Nachrichten".

Man müsse sehen, "wie nachhaltig das ist", meint dagegen Bundesbankchef Jens Weidmann, während der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratscher, in der SZ von einer "trügerischen Beruhigung" spricht. Sein Kollege Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut prophezeit den Griechen weiterhin ein "langes Siechtum". Die griechische Anleiheemission nennt er gar einen "Missbrauch".

Wo liegt die Wirklichkeit? Was sagen die Zahlen? tagesschau.de fasst die wichtigsten Fakten zusammen.

Wie geht es den Griechen?

Gemessen an der Arbeitslosenquote weiterhin katastrophal. Diese ist zuletzt zwar minimal zurückgegangen, liegt aber immer noch bei verheerenden 26,7 Prozent. Gerade für die junge Generation sieht es am Arbeitsmarkt düster aus. Die meisten Ökonomen stimmen überein, dass sich daran in den nächsten ein, zwei Jahren wenig ändern wird. Die Einkommen liegen 40 Prozent unter dem Niveau vor der Krise.

Wie geht es der Wirtschaft?

Es gibt Indizien, dass sich die Lage bessert. Die Industrieproduktion zog zuletzt drei Monate in Folge an. Dank Tourismusboom und steigender Exporte soll das BIP 2014 erstmals seit sechs Jahren zulegen - die EU-Kommission prophezeit ein Plus von 0,6 Prozent. Allerdings: Es wäre eine Stabilisierung auf extrem niedrigen Niveau. Denn die Wirtschaftskraft ist in der Krise um ein Viertel zurückgegangen. Dies aufzuholen wird selbst optimistischen Szenarien zufolge viele Jahre dauern.

Wie geht es dem Staat?

Offenbar überraschend gut. Stimmen die offiziellen Angaben der Regierung, dann erzielte das Land 2013 erstmals seit Jahrzehnten einen sogenannten Primärüberschuss. Das heißt, der Staat nahm mehr ein, als er ausgab, wenn man den Schuldendienst außen vor lässt. Die drastischen Sparprogramme zeigen also Wirkung.

Was machen die Schulden?

Die sind trotz des Schuldenschnitts 2012 weiterhin extrem hoch. Rund 320 Milliarden Euro schuldet das Land seinen Gläubigern, das sind etwa 175 Prozent gemessen an der Wirtschaftsleistung. In Deutschland, zum Vergleich, sind es nur rund 80 Prozent.

Braucht das Land ein weiteres Hilfspaket?

Der Internationale Währungsfonds und viele Ökonomen gehen trotz der wirtschaftlichen Stabilisierung davon aus. Allerdings dürften diesmal keine neuen Milliardentransfers verkündet werden (was politisch auch kaum vermittelbar wäre). Stattdessen ist denkbar, dass die Tilgungszeiträume für die schon laufenden Kredite extrem gestreckt werden, zum Beispiel von momentan 20 auf 50 Jahre. Faktisch würde die Schuldenrückzahlung damit in die ferne Zukunft verschoben. Bis dahin geht es den Griechen - hoffentlich - wieder so gut, dass sie die Schuldenlast stemmen können.

Ist Griechenland wieder kreditwürdig?

Nein und ja. Eine Verschuldungsquote von 175 Prozent gilt eigentlich als zu hoch, als dass ein Land die Schulden realistischerweise zurückführen kann. Rund zwei Drittel der Verbindlichkeiten liegen jedoch beim Internationalen Währungsfonds und den übrigen Euroländern - Banken, Fonds und Versicherer (also die sogenannten privaten Gläubiger) halten nur noch den kleineren Teil der Staatsanleihen. Wenn nun die öffentlichen Gläubiger ihre Forderungen strecken, könnten die erhofften Primärüberschüsse der nächsten Jahre erst einmal dazu dienen, Ansprüche der privaten Gläubiger zu bedienen.

Was denn nun: Wendepunkt oder Missbrauch?

Beim Schuldenschnitt 2012 verzichteten die privaten Gläubiger auf 70 Prozent ihrer Forderungen. Das Kalkül jener Fonds, die nun wieder griechische Staatsanleihen zeichnen, geht darum ungefähr so: Kommt ein weiteres Hilfspaket, dann sind diesmal die öffentlichen Gläubiger an der Reihe (indem sie ihre Forderungen strecken) - die privaten bleiben außen vor. Und im Notfall springt vielleicht ja auch die Europäische Zentralbank ein und kauft Anleihen auf. Das ist zweifelsohne eine hochspekulative Wette. Ob es auch ein Missbrauch der Staatshilfen ist? Geschmackssache. Denn klar ist auch: Wenn IWF und Eurozone ihr Geld wiedersehen wollen, dann muss früher oder später wieder ein größerer Teil der griechischen Schuldenlast von privaten Gläubigern getragen werden. Wer mag, kann in der ersten Anleiheemission seit vier Jahren also auch eine Wende sehen.

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