Rentner in Athen

Griechische Fonds Wenn Schuldenschnitt Rentenschnitt bedeutet

Stand: 09.03.2012 17:42 Uhr

Griechenlands Finanzminister Venizelos hat sich bei den privaten Gläubigern für ihren Verzicht bedankt. Doch diese Dankbarkeit können nicht alle Griechen teilen: Denn auch griechische Rentenfonds haben ihr Geld in Staatsanleihen angelegt - und dadurch wird für viele der Schuldenschnitt auch zum Rentenschnitt.

Thomas Bormann ARD-Studio Istanbul

Von Thomas Bormann, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Nicht jeder Grieche ist erleichtert, dass das Land jetzt 107 Milliarden Euro weniger Schulden hat. Denn nicht nur Banken und Hedgefonds haben auf Geld verzichtet, das Griechenland ihnen schuldet, sondern auch griechische Renten- und Pensionsfonds, in die Arbeiter jahrelang Geld eingezahlt hatten. Die Fonds hatten ihr Vermögen in griechischen Staatsanleihen angelegt, und diese Anleihen sind jetzt nur noch weniger als die Hälfte wert.

"Ohne Schuldenschnitt wäre Griechenland jetzt pleite"

Kein Wunder, dass der 62-jährige Müllwerker Spiros nicht gut auf den Schuldenschnitt zu sprechen ist: "Was denn für ein Schuldenschnitt? Wissen Sie, welchen Schuldenschnitt ich bekommen habe? Meine Rente wurde beschnitten. Ich hab seit meinem 12. Lebensjahr gearbeitet, und jetzt machen die einen Schuldenschnitt und nehmen mir die halbe Rente weg."

Finanzminister Evangelos Venizelos sieht das genau anders: "Ohne Schuldenschnitt wäre Griechenland jetzt pleite, dann wären auch alle Rentenfonds pleite und könnten gar keine Renten mehr auszahlen." Venizelos ist vielmehr hoch zufrieden, dass 86 Prozent der Gläubiger dem Schuldenschnitt zugestimmt haben. Das habe alle Erwartungen übertroffen, sagte er im Parlament: "So etwas hat es in der Geschichte noch nie gegeben." Griechenland dürfe jetzt nicht wieder den alten Fehler machen und neue Schulden anhäufen. Ziel sei es, bis zum Jahr 2020 die Verschuldung Griechenlands auf 120 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung zu drücken.

Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos

Griechenlands Finanzminister Venizelos ist mit dem Ergebnis hoch zufrieden.

Kritik der Opposition, Zuversicht bei der Wirtschaft

Alexis Tsipras von der linken Oppositionspartei Siriza warnte dagegen, das würde doch bedeuten, immer weiter auf Kosten der kleinen Leute zu sparen - und wandtet sich dann an den Finanzminister: "Können Sie uns sagen, wie die soziale Wirklichkeit in diesem Land im Jahr 2020 aussehen wird? Wie viele Menschen werden arbeitslos sein? Wie viele werden ihre Existenz verloren haben? Wie wird die soziale Wirklichkeit hier sein?"

Experten von Banken und aus der Wirtschaft sind da zuversichtlicher. Sie hoffen, dass der Schuldenschnitt Vertrauen in die griechische Wirtschaft zurückbringt. Der griechische Staat muss dank des Schuldenschnitts nicht mehr so viel Geld für Zinsen ausgeben. Nun müsse die griechische Regierung für Wirtschaftswachstum sorgen. Investoren müssten nach Griechenland kommen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Schuldenschnitt für Griechenland

Weniger Schulden, neue Hilfen - und dennoch kostet der Schuldenschnitt auch viele Griechen viel Geld.

Der Athener Wirtschaftsprofessor Panagiotos Petrakis meint, die Zeichen dafür stünden nach diesem Schuldenschnitt besser als vorher. Es gebe mehr Planungssicherheit. Und: "Wir sind im Euro", sagt der Professor. "Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft aus diesem Abkommen."

"Wir hoffen das beste - für jeden"

Bei den meisten Griechen aber bleibt tiefe Skepsis. Sie haben in den vergangenen vier Jahren schon oft gehört, ein Ende der Krise sei in Sicht. Und dann wurden doch wieder Löhne gekürzt und Steuern erhöht. Ob der Schuldenschnitt nun die Wende zum Besseren bringt? Eine Ladenbesitzerin in Athen zuckt mit den Schultern: "Wir werden sehen was passiert, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird, wie es mit den Arbeitsplätzen weitergeht. Jetzt sind hier alle verzweifelt. Aber wir hoffen das beste - für jeden."

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KOMMENTARE

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Jon Do 10.03.2012 • 02:23 Uhr

Der erzwungene Schuldenschnitt und seine Konsequenzen....

Erstens wird nun auch den letzten Zockern klar sein, daß es sich LOHNT, auf die Pleite eines europäischen Staates zu spekulieren und Kreditausfallversicherungen (CDS) zu kaufen, die die Zinslast für Wackelstaaten wie Portugal, Spanien, Irland, Belgien, Italien, etc. extrem erhöhen, und diese Staaten in die Pleite treiben. Zweitens wird allen potentiellen Käufer von europäischen Staatsanleihen glasklar mitgeteilt, daß es nicht bei freiwilligen Schuldenschnitten bleibt, sondern unwillige Anleger einfach per (nachträglich eingeführtem) Gesetz zum Forderungsverzicht GEZWUNGEN werden. Beides WIRD dazu führen, daß Staatsanleihen weniger attraktiv werden, und dafür CDS attraktiver werden. Beides BESCHLEUNIGT die Schieflage klammer Eurostaaten! War das etwa so gewollt? Griechenland hatte schon von 86% der Anleger einen FREIWILLGEN Verzicht bekommen. Dann entschied es sich aber, die restlichen auch noch zwangszuenteignen, was die CDS auslöst und die ganzen obigen Konsequenzen hat! Wieso?