Mitglieder der Gewerkschaft UAW protestieren in Flint, Michigan.  | Bildquelle: AFP

Längster Arbeitskampf seit 1970 Historischer Streik bei GM

Stand: 15.10.2019 09:20 Uhr

Gestreikt wird in den USA eher selten - auch, weil die Gewerkschaften an Einfluss verloren haben. Umso bemerkenswerter ist, was derzeit beim Autobauer General Motors passiert.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Es ist der erste Streik bei General Motors seit zwölf Jahren - und er ist jetzt schon der längste Streik in der amerikanischen Autoindustrie seit 1970. Fast 50.000 GM-Arbeiter legen seit Mitte September die Arbeit nieder. Jeden Tag protestieren sie vor den Autofabriken, so wie James Cotton in Detroit.

Auch die Arbeiter müssten endlich von Rekord-Gewinnen bei GM profitieren, sagt Cotton im Sender PBS. "Vor einigen Jahren haben wir viel aufgegeben, um dieses Unternehmen zu retten. Jetzt verdient GM mehr als je zuvor. Jetzt sollten sie etwas für uns tun - auch wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten."

Beschäftigte fordern höhere Löhne

Als General Motors vor zehn Jahren am Boden lag, wurden die Stundenlöhne auf 28 Dollar gekappt. Zehn Jahre später sind es nur zwei Dollar mehr, trotz der Milliarden-Gewinne von GM in den vergangenen Jahren. Doch die Streikenden wollen auch, dass GM mehr Zeitarbeiter übernimmt und ihnen gleiche Löhne für gleiche Arbeit zahlt.

Die wohl wichtigste Forderung ist aber eine neue Perspektive für die vier kürzlich geschlossenen GM-Werke in Michigan, Ohio und Baltimore. GM will nur zwei von ihnen am Leben erhalten: In Detroit soll ein Elektro-Pickup-Truck entstehen, und Lordstown, Ohio soll ein Batterie-Werk bekommen.

Die Autogewerkschaft ist zurecht skeptisch, meint Auto-Expertin Micki Maynard aus Michigan: "GM, Ford und Chrysler sehen die Zukunft in Elektro-Autos und selbstfahrenden Autos. Sein Geld verdient GM aber mit großen SUV und Pickup-Trucks, die sehr profitabel sind."

Mehr als die Hälfte aller Autos in den USA sind mittlerweile SUV oder Pickup-Trucks. Deren Produktion hat GM aus Kostengründen zunehmend nach Mexiko verlagert. Die Autogewerkschaft will - ähnlich wie US-Präsident Donald Trump -, dass auch in US-Werken wieder mehr SUV und Trucks gebaut werden. Denn die bisherigen Elektroautos von GM floppten meist, wie zuletzt der Chevy Volt.

Doch eine Rückverlagerung kommt für die Unternehmensleitung nicht in Frage: GM habe immer noch deutlich höhere Lohnkosten als japanische und deutsche Autohersteller in den USA. In deren Werken im Süden der USA ist die Autogewerkschaft UAW nicht vertreten. Doch auch im Norden der USA sind die Gewerkschaften auf dem Rückzug.

"Die UAW hat heute nur noch ein Zehntel der Mitglieder wie im Rekordjahr 1978", so Maynard. "Damals gab es 550.000 Gewerkschaftsmitglieder, heute sind es nur noch gut 50.000." Auch das erklärt, warum die Autogewerkschaft unbedingt Erfolge braucht.

Ihren Mitgliedern zahlt sie als Entschädigung für entgangene Löhne 250 Dollar pro Woche. Für viele reicht das kaum, um über die Runden zu kommen. Und so wächst der Druck, sich mit der Unternehmensleitung zu einigen. Doch auch General Motors kostet jeder Streik-Tag 80 Millionen Dollar. Die Gesamtkosten des längsten Streiks seit fast 50 Jahren belaufen sich mittlerweile auf umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro.

Vor allem Michigan betroffen

Am stärksten trifft der Streik die Wirtschaft des Bundesstaates Michigan, da hier an jedem Arbeitsplatz in einem Autowerk zehn weitere Jobs bei Zulieferern und im Einzelhandel hängen.

Auto-Experte Patrick Anderson warnt im Sender NPR vor einem Einbruch der Wirtschaft in Michigan: "Wenn man so viele GM-Arbeiter und Zulieferer hat, dann spürt man das", sagt Anderson. Und kein Bundesstaat sei davon so betroffen wie Michigan, sowohl Angestellte als auch Arbeiter. "Ich bin sehr besorgt, dass Michigan in eine Rezession rutscht."

Gut ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl wäre das auch eine schlechte Nachricht für Trump. Vor vier Jahren gewann er in Michigan nur mit einem hauchdünnem Vorsprung von 10.000 Wählerstimmen. Ginge die Wirtschaft in Michigan in die Knie, würden ihn viele Industriearbeiter nicht mehr wiederwählen.

Streik bei General Motors geht in zweiten Monat
Martin Ganslmeier, ARD Washington
15.10.2019 08:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 15. Oktober 2019 um 10:40 Uhr.

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