Getreide wird am Verladeterminal eines ukrainischen Agrarexporteurs in der südukrainischen Stadt Nikolaev maschinell in ein Schiff geschüttet. (Archivbild: 9. Juli 2013) | REUTERS

Angeblicher Deal mit der Türkei Beendet Russland die Getreideblockade?

Stand: 06.06.2022 16:22 Uhr

Die Hilferufe aus Afrika scheinen Wirkung zu zeigen: Russland will laut einem Medienbericht offenbar die Getreidelieferungen aus dem bisher blockierten Hafen Odessa freigeben.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Seit Wochen blockieren russische Streitkräfte die für den Weltmarkt wichtigen Getreidelieferungen aus der Ukraine, die überwiegend über die Schwarzmeerhäfen laufen. Tausende Tonnen Weizen lagern in den Silos von Odessa und verrotten. Nun endlich scheint Russland einzulenken. Laut einem Bericht der kremlnahen Tageszeitung "Iswestija" will Moskau die Getreideblockade beenden.

Türkische Militärs sollen Minen räumen

Russland hat demnach einen Deal mit der Türkei und der Ukraine ausgehandelt. Nach Angaben von "Iswestija" hat Moskau mit Kiew und Ankara ein Konzept zur Freigabe von Getreidelieferungen aus dem blockierten Hafen Odessa abgestimmt. "In den Hoheitsgewässern des Nachbarlands übernehmen türkische Militärs die Minenräumung und werden die Schiffe bis in neutrale Gewässer begleiten", beschreibt die Zeitung den Plan unter Berufung auf Regierungskreise. Später würden russische Kriegsschiffe die Getreidefrachter bis zum Bosporus eskortieren.

Von der ukrainischen Seite wurden die Medienberichte bislang nicht bestätigt. Gemeinsam mit Großbritannien und der Türkei sei die Idee erörtert worden, dass die Marine eines Drittlandes die Durchfahrt der ukrainischen Getreideexporte durch das von Russland beherrschte Schwarze Meer garantiere, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Nachmittag. Kiew benötige aber Anti-Schiffs-Waffen, die die sichere Durchfahrt seiner Exporte gewährleisten könnten.

Die Freigabe der Getreidelieferungen aus der Ukraine könnte beim Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in Ankara verkündet werden. Der russische Chefdiplomat wird am 8. Juni in der Türkei erwartet. Dort soll das Getreidethema weit oben auf der Agenda stehen, erklärte ein Kremlsprecher am Wochenende. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu kündigte in der letzten Woche an, er werde am 8. Juni mit Lawrow über die Einrichtung eines "Sicherheitskorridors" sprechen.

Putin offenbar bereit für Getreideexporte nach Afrika

Am Freitag hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin offen gezeigt, den Export von Getreide aus der Ukraine nach Afrika zu ermöglichen. Nach einem Treffen mit Putin teilte der Präsident der Afrikanischen Union, Macky Sall, nach einem Treffen auf Twitter mit, Russland sei bereit, den Export von Weizen und Düngemitteln auf den afrikanischen Kontinent zu gewährleisten. Putin und Sall hatten sich getroffen, um über eine Freigabe aller Lebensmittelprodukte und eine Aufhebung der russische Ausfuhrblockade von Getreide zu sprechen.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Preise für Getreide und Lebensmittel in die Höhe getrieben. Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure weltweit. In vielen Teilen Afrikas droht eine Hungerkatastrophe. David Beasley, Direktor des UN-Welternährungsprogramms, warnte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor "der schwersten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir werden Hungersnöte haben."

"Am Rande einer globalen Nahrungsmittelkrise"

Die Lage werde sich in den kommenden Wochen und Monaten noch verschlimmern, befürchtet Erik Fyrwald, Chef des Agrarchemieunternehmens Syngenta. "Wir stehen am Rande einer globalen Nahrungsmittelkrise."

Der Ukraine-Krieg hat auch die Aussaat verzögert. Fyrwald rechnet mit einem Drittel weniger Ernte. Um möglichst viel zu retten, verkauft der Pflanzenschutzmittel-Hersteller seine Produkte in der Ukraine zu Selbstkostenpreisen.

Lockerung der Sanktionen keine Bedingung mehr?

Bisher verlangte Russlands Präsident Putin für die Freigabe von Getreidelieferungen aus der Ukraine den Abbau der westlichen Sanktionen. Zudem machte Moskau Kiew für die fehlenden Weizenexporte in ärmere Länder verantwortlich. Die Ukraine müsse die Seeminen in ihren Gewässern entfernen, damit dort wieder Schiffe aus ukrainischen Häfen herausfahren könnten, verlangte Außenminister Lawrow.

Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze wies unlängst die russischen Vorwürfe zurück, dass die westlichen Sanktionen eine globale Hungerkrise provozierten. Lebensmittel seien von den Sanktionen ausgeschlossen, betonte die Ministerin. "Was Putin aber faktisch macht, ist, dass er die Häfen bombardiert und dadurch verhindert, dass Lebensmittel aus der Ukraine überhaupt exportiert werden können." Das müsse aufhören, forderte Schulze.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juni 2022 um 06:15 Uhr.