Röhren an der Anlandestation der Gaspipeline Nord Stream 1 in Lubmin | REUTERS

Gazprom zu Nord Stream 1 Gaslieferungen bleiben ausgesetzt

Stand: 02.09.2022 21:49 Uhr

Entgegen der Ankündigung wird auch morgen kein Gas durch Nord Stream 1 fließen: Laut Gazprom wurde bei Wartungsarbeiten ein Ölleck entdeckt, das repariert werden muss. Deutschland sei dennoch gut gerüstet, betont das Wirtschaftsministerium.

Durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wird von diesem Samstag an anders als angekündigt weiter kein Gas fließen. Die Gaslieferungen wurden nach Angaben des russischen Konzerns Gazprom vollständig gestoppt.

Zur Begründung hieß es, dass bei den seit Mittwoch dauernden Wartungsarbeiten ein Ölleck entdeckt worden sei. Deswegen sei der sichere Betrieb einer Gasturbine nicht möglich. Wie lange die Reparatur dauern wird, teilte Gazprom nicht mit. "Bis zur Reparatur (...) ist die Lieferung von Gas via Nord Stream komplett eingestellt", erklärte Gazprom.

Leck in Kompressorstation Protowaja

Dem Unternehmen zufolge ist das Leck bei den gemeinsam mit Experten von Siemens Energy erledigten Wartungsarbeiten in der Kompressorstation Protowaja festgestellt worden. Das ausgetretene Öl sei an mehreren Stellen gefunden worden. Es sei nicht möglich, den sicheren Betrieb der letzten dort noch verbliebenen Gasturbine zu garantieren.

Schon in der Vergangenheit sei es zu solchen Ölaustritten gekommen, hieß es. Ein Brief über die Beanstandungen am Aggregat Trent 60 mit der Nummer 24 und über die notwendigen Reparaturen sei an den Chef von Siemens Energy, Christian Bruch, gegangen, teilte Gazprom weiter mit.

Im Normalfall kein Grund für Betriebsstopp

Siemens Energy teilte inzwischen zu den von Gazprom gemeldeten Defekten mit: "Als Hersteller der Turbinen können wir lediglich feststellen, dass ein derartiger Befund keinen technischen Grund für eine Einstellung des Betriebs darstellt." Leckagen beinträchtigten im Normalfall den Betrieb einer Turbine nicht. Siemens Energy sei aktuell nicht mit Wartungsarbeiten beauftragt. "Unabhängig davon, haben wir bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass in der Verdichterstation Portowaja genügend weitere Turbinen für einen Betrieb von Nord Stream 1 zur Verfügung stehen", erklärte das Unternehmen.

Ursprünglich war damit gerechnet worden, dass nach Abschluss der angekündigten dreitägigen Wartungsarbeiten ab Samstagmorgen wieder Gas durch die Leitung fließt. Das ging aus vorläufigen Daten der Website der Nord Stream AG hervor. Demnach waren ab Samstagmorgen 2.00 Uhr wieder Lieferungen vorgemerkt. Der Umfang sollte zunächst dem Niveau vor der Unterbrechung entsprechen, also etwa 20 Prozent der maximal möglichen Menge und damit täglich 33 Millionen Kubikmeter Erdgas.

EU-Kommission: Stilllegung "unter falschen Vorwänden"

Die EU-Kommission nimmt dem russischen Staatskonzern Gazprom die Begründung für den Gaslieferstopp nicht ab. "Die Ankündigung von Gazprom von heute Nachmittag, Nord Stream 1 erneut unter falschen Vorwänden stillzulegen, ist ein weiterer Beleg seiner Unzuverlässigkeit als Lieferant", schrieb ein Kommissionssprecher auf Twitter. Es sei auch ein Beweis für den Zynismus Russlands, da es vorziehe, Gas zu verbrennen statt Verträge zu erfüllen.

"Versorgungssicherheit ist gewährleistet"

Das Bundeswirtschaftsministerium betonte nach der Ankündigung von Gazprom, dass die Gasversorgung in Deutschland gesichert sei. "Die Lage auf dem Gasmarkt ist angespannt, aber die Versorgungssicherheit ist gewährleistet", erklärte eine Sprecherin am Abend.

Die jüngsten Meldungen von Gazprom habe man zur Kenntnis genommen, so die Sprecherin. Russland habe sich in den vergangenen Wochen immer wieder als unzuverlässig gezeigt. Deutschland habe deswegen seine Maßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit von russischen Energieimporten "unbeirrt und konsequent" fortgesetzt. "Dadurch sind wir jetzt wesentlich besser gerüstet als noch vor einigen Monaten."

Die Gasspeicher seien zu 84,3 Prozent gefüllt, führte die Sprecherin aus. "Das Oktober-Speicherziel von 85 Prozent dürfte daher schon in den ersten Septembertagen erreicht sein." Auch bei der Versorgung über andere Lieferwege und neue Anlandekapazitäten für Flüssiggas komme man gut voran.

Ähnlich äußerste sich der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. Angesicht der russischen Entscheidung bekämen LNG-Terminals, Speicherstände und Einsparnotwendigkeiten mehr Bedeutung. Gut sei, dass Deutschland inzwischen besser vorbereitet sei, jetzt komme es aber auf jeden an, schreibt Müller in einem Tweet.

Erdgas aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien

Angaben der Bundesnetzagentur zufolge erhält Deutschland inzwischen das meiste Erdgas aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien - am Donnerstag waren es 2900 Gigawattstunden. Durch die Pipeline Nord Stream 1 kamen am Montag, also vor der Lieferreduktion, 348 Gigawattstunden.

Eingespeichert hat Deutschland zuletzt ein Mehrfaches der Liefermenge aus Russland, am Dienstag waren es etwa 965 Gigawattstunden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. September 2022 um 19:14 Uhr.