Zwei Mitarbeiter stehen auf dem Gelände des Astora Gasspeichers in Jemgum. Der Speicher ist einer der größten Erdgasspeicherbetreiber in Europa. | dpa

Speicherbetreiber optimistisch Gasmangel im Winter unwahrscheinlich

Stand: 18.11.2022 13:07 Uhr

Kommt es in diesem Winter nicht zu extrem niedrigen Temperaturen, wird das Gas reichen: Davon gehen die Betreiber der Gasspeicher in Deutschland aus. In einer Modellrechnung haben sie mehrere Szenarien durchgespielt.

Die Betreiber der Gasspeicher in Deutschland blicken optimistisch auf die kommenden Monate: Das Land werde "gut durch den Winter kommen", erklärten sie in Berlin. Theoretisch könnten Gasmangellagen zwar "noch nicht vollständig ausgeschlossen werden" - angesichts der aktuellen Wetterprognosen seien solche Mangellagen aber "äußerst unwahrscheinlich".

Auch für den kommenden Winter könnten die Speicher wieder "umfangreich" befüllt werden. Abhängig sei dies vor allem von den LNG-Importen nach Europa. Die aktuell 14 Speicherbetreiber sind in der Initiative Energien Speichern (Ines) zusammengeschlossen. Sie repräsentieren nach eigenen Angaben über 90 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten und entwickeln aktuell auch Untergrund-Wasserstoffspeicher.

Szenarien für einen milden, normalen oder strengen Winter

Ines berechnete drei Szenarien für die Gasversorgung in diesem und im kommenden Winter - im ersten Szenario werden "normale" Temperaturen wie im Winter 2016 in Europa zugrunde gelegt, im zweiten "warme" Temperaturen wie 2020 und im dritten "kalte" wie im Winter 2010. Basis sind die Füllstände am 1. November - da waren die Speicher zu 99 Prozent gefüllt.

Aktuell sind es laut europäischem Gasspeicherverband GIE 99,89 Prozent. Auch der größte deutsche Speicher im niedersächsischen Rehden verzeichnete am Donnerstagmorgen einen Füllstand von 94,7 Prozent, Tendenz zuletzt steigend.

Bei warmen Temperaturen - plus 4,5 Grad Celsius im Monatsmittel im Januar - würde der Füllstand im März bei 57 Prozent liegen; bei kalten Temperaturen - minus 4,6 Grad Celsius - läge er schon Ende Januar fast bei null. Das von der Regierung vorgegebene Ziel eines Füllstands von 40 Prozent zum Februar sei bei kalten Temperaturen entsprechend "herausfordernd", erklärte Ines.

Flüssigerdgas entlastet im kommenden Jahr

Mit Blick auf den nächsten Winter 2023/2024 trifft die Initiative weitere Annahmen: Flüssigerdgas (LNG) stehe dem EU-Binnenmarkt dann "in großem Umfang" zur Verfügung - die Betreiber verweisen hier auch auf die neuen LNG-Terminals, die in Deutschland gerade gebaut werden und im Januar in Betrieb gehen sollen.

Dazu kommt laut Modellrechnung weiter Gas aus Frankreich und über die Baltic Pipe aus Norwegen - und weiterhin auch welches aus Russland, und zwar über die Ukraine, die Türkei und Litauen. Weitere Annahme ist der in diesem Jahr schon beträchtlich gesunkene Verbrauch, und zwar unabhängig von der Temperatur. Die Befüllung der Speicher vor dem nächsten Winter ist laut Ines vor allem aber von den Füllständen abhängig, die sich nach diesem Winter ergeben. "Eine Erreichung der Befüllungsziele (85 Prozent zu Oktober und 95 Prozent zu November) ist gut möglich."

Wintershall Dea: Gasversorgung eher im Winter 2023/24 ein Problem

Auch Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren ist zuversichtlich. "Wenn es jetzt nicht noch extrem kalt wird und Unternehmen und Haushalte in Europa den Aufforderungen nachkommen, sparsam zu sein, dann können wir sicher durch diesen Winter kommen", sagte der Vorstandsvorsitzende des deutschen Öl- und Gaskonzerns dem "Handelsblatt".

Allerdings blickt er weitaus skeptischer auf den Winter 2023/24 als die Gasspeicherbetreiber: "In diesem Jahr hat Europa bis Juli noch 75 Milliarden Kubikmeter Gas bekommen. Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was Europa aus Russland vor dem Krieg importiert hat". Diese Menge werde Europa im kommenden Jahr möglicherweise nicht zur Verfügung stehen. Zudem rechne er - im Gegensatz zu Ines - damit, dass die Speicher, die derzeit voll sind, dann relativ leer seien.

Wegen Russlandgeschäften in der Kritik

Wintershall Dea steht seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine in der Kritik, weil es an seinem Russlandgeschäft festhält. Neugeschäft gebe es zwar nicht. "Aber die einzige Möglichkeit, uns aus Russland zurückzuziehen, wäre es, dem russischen Staat unsere Aktivitäten zu schenken", sagte Mehren. Die Vermögenswerte in Russland betrügen rund 2,5 Milliarden Euro.

Mehren räumte ein, den russischen Präsidenten Wladimir Putin unterschätzt zu haben. "Rückblickend muss man natürlich sagen, dass wir und ich spätestens 2014/2015, nach der Annexion der Krim, nicht verstanden haben, wie gefährlich Russland und Putin sind." Einen Angriffskrieg mitten in Europa habe er dennoch auch nach der Annexion der Krim nicht für möglich gehalten. "Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Wir haben die Gefahren von Putins Russland stark unterschätzt."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2022 um 12:00 Uhr.