Gasleitung mit Beschriftung | picture alliance / SVEN SIMON
Überblick

Energiekrise So funktionieren die Gas-"Tachometer"

Stand: 25.11.2022 18:34 Uhr

Wie steht es aktuell um die Gasversorgung in Deutschland? Das soll ein neues Messsystem der Bundesnetzagentur zeigen. tagesschau.de erklärt, was sich dahinter verbirgt.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Die Bundesnetzagentur will Politik, Unternehmen und auch privaten Haushalten dabei helfen, auf einen Blick die aktuelle Lage bei der Gasversorgung in Deutschland besser einzuschätzen. Wie bei einem Tachometer soll an das an fünf verschiedenen Zeigern abgelesen werden können. Sie können auf "stabil", "angespannt" und "kritisch" stehen. Was wird dabei gemessen - und was bedeuten die Stufen jeweils?

1. Temperaturprognose

Der Gasverbrauch hängt stark von der Temperatur ab, da der Brennstoff vor allem zum Heizen in Gebäuden verwendet wird, wie die Bundesnetzagentur auf ihrer Homepage schreibt. Der Indikator Temperaturprognose sei daher ein wichtiger Frühindikator dafür, wie hoch der Bedarf in den kommenden Wochen ausfällt. Eine Temperaturänderung von einem Grad Celsius bedeutet etwa einen Mehr- oder Minderverbrauch von rund einer Terrawattstunde (TWh) pro Woche.

Stufe Definition
Stabil prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage liegt über dem Durchschnitt der Jahre 2018-2021
Angespannt prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage liegt 0 bis 2 Grad unter dem Durchschnitt der Jahre 2018-2021
Kritisch prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage liegt 2 Grad unter dem Durchschnitt der Jahre 2018-2021

Eine kritischen Lage - also zwei Prozent unter der Durchschnittstemperatur - führt zu einem Mehrbedarf von zwei TWh Gas in der jeweiligen Woche. Über den gesamten Winter würde der Verbrauch um 44 TWh steigen, das sind rund 18 Prozent der maximalen Speicherkapazität.

2. Gasverbrauch

Der Gasverbrauch in Deutschland ist bereits deutlich gesunken. In der vergangenen Woche lag er rund 21 Prozent unter dem Mittelwert der vorausgegangenen vier Jahre. Trotzdem betont die Behörde weiter die Wichtigkeit des Gassparens von Haushalten und Industrie, um ohne einen Engpass über den Winter zu kommen. Die Grafik zeigt den aktuellen, über 14 Tage gleitenden Durchschnitt des Gesamtgasverbrauchs - im Vergleich zu dem Referenzverbrauch in den Jahren 2018 bis 2021 ohne Einsparungen.

Stufe Definition
Stabil temperaturbereinigte Gaseinsparung von mehr als 25 Prozent
Angespannt temperaturbereinigte Gaseinsparung zwischen 15 und 25 Prozent
Kritisch temperaturbereinigte Gaseinsparung von weniger als 15 Prozent

Eine kritischen Lage - also eine Einsparung von weniger als 15 Prozent - könnte zu einem Engpass in der Gasversorgung führen.

3. Speicherfüllstände

Die Speicher gleichen Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden somit eine Art Puffer für den Markt. In der Regel sind sie mit Beginn der Heizperiode im Herbst gut gefüllt. Bis zum Frühjahr nehmen sie dann nach und nach ab. Zur Bewertung des Speicherfüllstandes orientiert sich die Bundesnetzagentur an den gesetzlichen Zielen von 40 Prozent Füllstand am 1. Februar beziehungsweise 55 Prozent am 1. Februar 2023.

Stufe Definition
Stabil Füllstand über dem Speicherpfad mit dem 55-Prozent-Ziel
Angespannt Füllstand zwischen den beiden Speicherpfaden
Kritisch Füllstand unter dem Speicherpfad mit dem 40-Prozent-Ziel

Eine kritische Lage - also ein Füllstand unter dem Speicherpfad, der auf das 40 Prozent-Niveau führt - erfordert den Angaben zufolge Gegenmaßnahmen. Denn in dem Fall kann eine Gasmangellage bei kälteren Temperaturen im Frühjahr nicht mehr völlig ausgeschlossen werden. Zugleich wird eine Befüllung für den darauffolgenden Winter vermutlich nicht einfach.

4. Nachbarländer

Überall in Europa handeln die Länder gegenseitig mit Gas und sind aufeinander angewiesen. Wenn ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union die Notfallstufe ausruft, muss dieser die EU-Kommission und die zuständigen Behörden der angrenzenden Nachbarn informieren. Außerdem kann es Solidaritätsmaßnahmen anfordern - wie eine Steigerung der Gaslieferungen.

Stufe Definition
Stabil in keinem Nachbarland wurde die Notfallstufe ausgerufen oder Solidaritätsmaßnahmen angefordert
Angespannt ein Nachbarland, in das Deutschland Gas derzeit exportiert/exportieren kann (Dänemark, Luxemburg, Österreich, Polen, Schweiz/Italien und Tschechien), hat die Notfallstufe ausgerufen
Kritisch ein Nachbarland, von dem Deutschland Gas derzeit (eher) importiert (Belgien, Frankreich, Niederlande), hat die Notfallstufe ausgerufen oder Solidaritätsmaßnahmen gefordert

5. Regelenergie

Unter Regelenergie wird das Gas verstanden, das benötigt wird, um unvorhergesehene Differenzen zwischen Entnahme und Einspeisung auszugleichen. Sie wird also eingesetzt, um das Gasnetz stabil zu halten. Für die Beschaffung der Regelenergie ist der sogenannte Markgebietsverantwortliche (MGV) zuständig, der sie normalerweise über die Börse kauft.

Ist dort nicht genügend verfügbar, greift er zusätzlich auf lang- oder kurzfristig öffentlich ausgeschriebene Produkte zurück. Lässt sich nicht genügend Regelenergie zum Ausgleich beschaffen, ist das ein zentraler Indikator für eine Gasmangellage.

Stufe Definition
Stabil es kann ausreichend Regelenergie über die Börse beschafft werden
Angespannt die an der Börse beschaffbaren Mengen reichen nicht aus, aber der Regelenergiebedarf ist durch ausgeschriebene Regelenergieprodukte gedeckt
Kritisch Regelenergie kann weder über die Börse noch über Ausschreibungen gedeckt werden

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. September 2022 um 07:40 Uhr.