Im Schmelzbetrieb einer Gießerei füllt ein Gießereimechaniker geschmolzene Metall in bereitgestellte Formen. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Gasversorgung der Industrie Wer ist systemrelevant - und wer nicht?

Stand: 27.07.2022 16:15 Uhr

Mit den weiter gedrosselten russischen Gaslieferungen rückt auch die höchste Stufe im "Notfallplan Gas" näher. Für Unternehmen stellt sich die Frage, wer dann überhaupt noch Gas bekäme.

Von Marcel Fehr und Christian Kretschmer, SWR

Sollte sich der Gasmangel weiter zuspitzen, kann die Bundesregierung in der Notfallstufe des "Notfallplan Gas" umfangreiche Verordnungen zur Verteilung der Gaslieferungen veranlassen. Konkret würde die Bundesnetzagentur als "Bundeslastverteiler" eingesetzt und das Gas in Deutschland zuweisen. Zwar steht bereits fest, dass Privathaushalte, soziale Einrichtungen und Gaskraftwerke vorrangig beliefert werden. Wie die Priorität bei den Unternehmen konkret aussieht, ist aber noch unklar.

Wie die Netzagentur priorisieren will

Um festzulegen, wie das Gas im Notfall verteilt wird, soll durch die Bundesnetzagentur bis Oktober eine Studie angefertigt und eine Kommunikationsplattform bereitgestellt werden. Die Studie soll die Auswirkungen eines Gasmangels auf Wertschöpfungsketten aufzeigen. Es soll bewertet werden, wie sich Gasreduktionen auf die "Versorgung der Bevölkerung mit kritischen Gütern und Dienstleistungen auswirken könnte", erklärt die Bundesnetzagentur.

Hinzu kommt die sogenannte Sicherheitsplattform Gas. Das Datenportal diene dem Austausch mit den großen industriellen Gasverbrauchern, so die Bundesnetzagentur. Alle relevanten Informationen von Gasverbrauchern und Netzbetreibern sollen hier zusammengeführt und bewertet werden.

Die Bundesnetzagentur plant anhand dieser Daten unter anderem mit folgenden Kriterien die Gaszuteilung zu priorisieren:

  • Dringlichkeit, abhängig von der Ausprägung der Gasmangelsituation
  • Größe der Anlage
  • Vorlaufzeiten für das Herunterfahren von Produktionsanlagen oder die Anpassung von Produktionsketten
  • Erwartbare Wirtschafts- und Umweltschäden und die Bedeutung für die Allgemeinversorgung
  • Kosten und Dauer der Wiederinbetriebnahme
  • Anteil des lebenswichtigen Bedarfs an Gas (bezogen auf den Gesamtverbrauch)

Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält die Datenaufarbeitung der Bundesnetzagentur für sinnvoll: "Da muss es dann immer um Systemrelevanz gehen. Das heißt für die Gesellschaft wichtige Produkte, wie Lebensmittel, Pharmaprodukte und was zum Leben wichtig ist. Luxus- und Sportartikel oder der Tourismus, das sind Dinge, die dann auch mal warten können."

DIHK zweifelt an Studie

Dass die Vulnerabilitätsstudie "ein flächendeckendes Arbeiten der Bundesnetzagentur ermöglicht, daran habe ich erhebliche Zweifel", sagt dagegen der Energiebeauftragte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Sebastian Bolay. Das zentrale Problem sei, dass keiner die kompletten Lieferketten nachvollziehen könne. Die Frage, welche Unternehmen systemrelevant wären, lasse sich gar nicht wirklich beantworten.

Es bestehe immer die Gefahr, ein systemrelevantes Unternehmen zu vergessen, Bolay. Eine einfache Priorisierungsliste für Unternehmen sei allein deshalb nicht möglich, da viele Betriebe sowohl systemrelevante als auch nicht-systemrelevante Produkte herstellten. Die häufig moralische Entscheidung, welche Produktionsbereiche dann weiterlaufen, liege dann beim Unternehmen, erklärt der Energieexperte.

Weitreichende Gas-Lieferketten bei BASF

Einer der größten Gasverbraucher in Deutschland ist die BASF in Ludwigshafen. Konzernchef Martin Brudermüller beneidet die Bundesnetzagentur nicht um ihre Rolle: "Eine sehr undankbare Aufgabe. Bei 45.000 Verkaufsprodukten allein einer BASF können sie das nicht bis ins jede Detail aufdröseln."

Knapp vier Prozent des gesamtdeutschen Gasverbrauchs gehen aufs Konto des Chemieriesen. An den Produkten der BASF hängen nicht nur viele mittelständische Unternehmen, sondern ganze Branchen. Zum Beispiel ist für die Automobilbranche ein Grundstoff wichtig, den die BASF aus Erdgas gewinnt: Acetylen. Das Gas wird für Elektrochemikalien, Kunststoffe und Lacke gebraucht. Fallen die Lieferungen aus, ist mit Engpässen in der Autoindustrie zu rechnen.

Aus dem Grundstoff Ammoniak, ebenfalls aus Erdgas gewonnen, wird Düngemittel für Landwirte produziert. BASF-Chef Brudermüller rechnet dort im nächsten Jahr mit starken Preisanstiegen. Die Landwirte würden dann weniger Dünger einkaufen, schlussfolgert er: "Dann ist auch damit zu rechnen, dass die Ernten geringer ausfallen und wir in eine Mangelsituation kommen. Das trifft vor allem die ärmeren Länder."

Der Chemieriese prüft bereits Einsparpotenziale beim Gasverbrauch. Laut Brudermüller könnte der Konzern vor allem in der Ammoniakproduktion Kapazitäten herunterfahren und sich extern beliefern lassen. Auch wäre es möglich, die Stromerzeugung teilweise von Erdgas auf Heizöl umzustellen. Mit diesen Maßnahmen gibt sich Brudermüller optimistisch, seinen Teil zum Gas-Sparplan der EU beizutragen. Die Mehrkosten durch die hohen Energiepreise werde man an die Kunden weitergeben müssen, so der Vorstandsvorsitzende.

Dominoeffekte durch Gasmangel

Sinken die Gaslieferungen an die BASF jedoch unter 50 Prozent der üblichen Menge, muss der Konzern seine Produktion herunterfahren. Der Dominoeffekt, der über die Lieferketten ausgelöst würde, ist nur schwer abzusehen.

Für das mittelständische Unternehmen Gechem in der Pfalz ist die BASF Kunde und Lieferant zugleich. Pro Tag werden bis zu 80 Tonnen chemische Flüssigkeiten für die Kfz-Branche verarbeitet. Der größte Teil kommt vom Chemiekonzern aus Ludwigshafen. Würden die ihre Produktion wegen Gasmangel einstellen, hätte das einschneidende Konsequenzen, sagt die Geschäftsführerin Martina Nighswonger: "Dann hätte ich schon ein Problem. Dann müsste ich wahrscheinlich auch die Karte Kurzarbeit ziehen, wenn nicht mehr." Obwohl das Unternehmen selbst nicht direkt vom Gas abhängig ist, wäre es in der weiteren Lieferkette betroffen.

Unternehmen bringen sich in Position

Der DIHK-Energiebeauftragte Bolay beobachtet, dass sich immer mehr Unternehmen um eine gute Position bei der Priorisierung um Gaszuteilungen bemühen: "Viele melden sich bei der Bundesnetzagentur oder bei ihren lokalen Netzbetreibern und erklären sich für systemrelevant." Da es keine eindeutige Definition von Systemrelevanz gebe, fände fast jedes Unternehmen Argumente, warum sie priorisiert werden sollen, so Bolay.

Auch DIW-Expertin Kemfert beobachtet eine starke Lobbyarbeit der Unternehmen: "Solange diese Unsicherheit da ist, versuchen die Lobbyisten deutlich zu machen, wo ihre Systemrelevanz liegt." Deshalb sei es wichtig Transparenz zu schaffen und die Daten, die die Bundesnetzagentur sammelt, abzuwarten.

BASF-Chef Brudermüller rechnet für sein Unternehmen bei Gasmangel mit einer Priorisierung. "Wir gehen davon aus, dass natürlich große Teile der Chemieindustrie wirklich systemrelevant sind", so der Topmanager, "und die entsprechende Beachtung finden."

Aus Sicht des DIHK-Experten Bolay wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Vulnerabilitätsstudie der Bundesnetzagentur deutlich früher gekommen wäre. Auch Kemfert bedauert die späte Reaktion: "Wir hätten von Tag eins des Krieges anfangen müssen, Gas einzusparen und die Daten für die Bundesnetzagentur zu sammeln."