Röhren an der Anlandestation des Gaspipeline Nord Stream 1 | REUTERS

Nord Stream 1 Russland drosselt Gasfluss auf 20 Prozent

Stand: 27.07.2022 13:03 Uhr

Russland hat seine Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 reduziert. Für eine andere Pipeline, die durch die Slowakei nach Deutschland führt, buchte Gazprom allerdings für heute deutlich höherere Gasmengen.

Wie angekündigt hat Russland die Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 am Morgen weiter auf 20 Prozent der Kapazität eingeschränkt. Laut Betreibergesellschaft wurden seit 9.00 Uhr gut 14 Millionen Kilowattstunden pro Stunde geliefert. Zwischen 6.00 und 7.00 Uhr waren es noch mehr als 27 Millionen Kilowattstunden gewesen. Das nach 9.00 Uhr erreichte Niveau entspricht der für den weiteren Tag auf der Nord-Stream-1-Website angekündigten Liefermenge.

Parallel zur Drosselung stieg der europäische Gaspreis weiter. Der Preis für eine Megawattstunde niederländischen Erdgases kletterte zur Lieferung im August im Vergleich zum Vortag um etwa 10 Prozent auf 224 Euro. Der Preis bezieht sich auf den Terminkontrakt TTF, der in Europa als Richtschnur angesehen wird.

Netzagenturchef: Gas könnte Teil der Kriegsstrategie sein

Der russische Energiekonzern Gazprom hatte am Montag angekündigt, wegen einer weiteren fehlenden Turbine nur noch 20 Prozent der Gaskapazität von Nord Stream 1 nach Westeuropa zu liefern. Vor und nach einer zehntägigen Wartungspause, in der gar kein Gas geflossen war, hatte Gazprom 40 Prozent der Kapazitäten durchgeleitet.

Russland macht technische Probleme im Zusammenhang mit Sanktionen verantwortlich, die der Westen nach dem Angriff auf die Ukraine gegen Moskau verhängt hatte. Die Bundesregierung hält das für vorgeschoben und sieht politische Gründe. Nach Ansicht von Netzagenturchef Klaus Müller ist Gas inzwischen Teil der russischen Außenpolitik und womöglich auch Teil der Kriegsstrategie. Es sei unrealistisch anzunehmen, dass in den kommenden Wochen durch Nord Stream 1 noch 40 Prozent der möglichen Menge kämen, sagte Müller im Deutschlandfunk.

Der Behördenpräsident äußerte sich zurückhaltend über Berichte, dass Russland mehr Gas über die Ukraine nach Europa liefern könnte. Dies müsse man noch verifizieren. "Da traue ich den ganzen Ankündigungen nicht, bis wir nicht ein paar Stunden in diesen Tag gesehen haben."

Gaspipelines

Die Jamal-Pipeline ist eine von drei Hauptleitungen, die auch Deutschland mit Erdgas aus Russland versorgen. Die mehr als 4000 Kilometer lange Pipeline verläuft von den Jamal-Gasfeldern in Sibirien durch Russland, Belarus und Polen bis zum Oderbruch in Brandenburg. Für die deutsche Gasversorgung hat sie allerdings eine geringere Bedeutung als die Pipelines Nord Stream 1 und Transgas.

Gazprom bucht höhere Kapazität durch Slowakei

Nach Angaben des Pipelinebetreibers Eugas buchte Gazprom deutlich mehr Kapazität bei der Transgas-Leitung durch die Slowakei als in den vergangenen Tagen. Im slowakischen Grenzort Veľké Kapušany, dem Startpunkt des slowakischen Abschnitts, wurde die Durchleitung von 68,6 Millionen Kubikmeter Gas angemeldet. Am Vortag waren es 36,8 Millionen Kubikmeter.

Die Buchung deutet darauf hin, dass Gazprom die bei Nord Stream 1 ausfallenden Gaslieferungen nach Europa über die Route durch die Slowakei ausgleichen könnte. Transgas ist eine Leitung, die von Russland über die Ukraine in die Slowakei und nach Österreich und Deutschland führt.

Wird Gazprom mehr Gas über die Leitung schicken?

Die zusätzlich nominierten Gasmengen entsprechen ungefähr der Drosselung durch die Pipeline Nord Stream 1, die Gazprom mit der Reparatur einer weiteren Turbine begründet hatte. Die Buchung von zusätzlicher Kapazität ist noch kein Beleg dafür, dass Gazprom tatsächlich mehr Gas über die Leitung schicken wird. Allerdings gibt es weitere Indizien dafür.

So hatte sich der Betreiber des ukrainischen Pipelineabschnitts TSOU beschwert, dass der russische Gasriese dort ohne Vorwarnung den Druck in den Leitungen erhöht habe. Das spricht dafür, dass Gazprom mehr Gas durch die Pipeline pumpt.

Dem widersprechen allerdings Daten der Messstation Sudscha am Übergang zwischen Russland und der Ukraine. Die dort nominierten Liefermengen von 42,2 Millionen Kubikmeter liegen praktisch auf dem Niveau der vergangenen Tage.

Über dieses Thema berichtete am 27. Juli 2022 Inforadio um 07:43 Uhr und die tagesschau um 09:00 Uhr.