Eine Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof in Essen | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutter

Warenhauskonzern Kahlschlag bei Galeria Karstadt Kaufhof

Stand: 19.06.2020 17:14 Uhr

Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof schließt mehr als ein Drittel der Filialen. Rund 6000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Die Folgen für die Innenstädte könnten dramatisch sein.

Für zunächst 62 der insgesamt 172 Warenhäuser von Galeria Karstadt Kaufhof sei das Aus besiegelt, teilte der Konzern mit: "Für sie besteht keine wirtschaftliche Fortführungsperspektive." Die Rosskur ist Teil eines Sanierungsplans der in der Corona-Krise um ihr Überleben kämpfenden Kette, die nun mit ihren Vermietern über Miet-Nachlässe sprechen will. Für die 6000 betroffenen Beschäftigten einigten sich der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz und der Sachwalter Frank Kebekus mit den Arbeitnehmern auf einen Sozialplan und einen Interessensausgleich. Weitere Filialschließungen stehen Insidern zufolge auch bei Karstadt Sports ins Haus.

"Bittere Stunde für den Einzelhandel"

"Dies ist eine der bittersten Stunden in der Geschichte des deutschen Einzelhandels", sagte der ver.di-Einzelhandelsexperte Orhan Akman: "Wir reden von mehr als 6000 betroffenen Menschen". Die Mitarbeiter wurden am Nachmittag über die Pläne informiert. Für die Betroffenen soll es der Übereinkunft zufolge Abfindungen geben, zudem können sie für sechs Monate in einer Transfergesellschaft beschäftigt werden. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil forderte, der Konzern müsse auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Zukunftskonzepte für attraktive Innenstädte müssten nun auf den Tisch, forderte Norbert Portz, Experte des Städte- und Gemeindebundes.

Von den Schließungen betroffen sind unter anderem Filialen in Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart. "Letztlich geht es darum, das Unternehmen und damit viele tausend Arbeitsplätze zu sichern", sagte der Generalbevollmächtigte Geiwitz. Allerdings könnte es noch weitere Filialen treffen: Bei Karstadt Sports stehe das Aus für 20 Geschäfte im Raum, letzte Verhandlungen zu den Plänen liefen noch, sagten mehrere Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Damit werde auch die Zahl der von den Schließungsplänen betroffenen Mitarbeiter weiter steigen. "Wir gehen davon aus, dass ein nicht unwesentlicher Teil vor dem Aus steht", sagte Akman mit Blick auf Karstadt Sports.

Konzern im "Schutzschirmverfahren"

Insidern zufolge sind auch in der Zentrale und der Logistik Stellen bedroht. Galeria Karstadt Kaufhof kämpft in der Corona-Krise ums Überleben, die Umsätze brechen weg. Der Konzern rechnet durch die Pandemie und den durch sie ausgelösten Konjunkturabschwung bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro. Zudem leidet der Konzern seit Jahren unter der erbitterten Konkurrenz von Online-Händlern von Amazon bis Zalando. Der fusionierte Warenhaus-Riese hatte Anfang April ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Dieses gilt als Vorstufe der Insolvenz, folgt den gleichen Regeln und mündet oft in ein reguläres Insolvenzverfahren.

Der Konzern gehört ebenso wie zahlreiche seiner Warenhaus-Immobilien der Signa Holding des österreichischen Immobilien-Investors Rene Benko. Dieser hat bei Galeria Karstadt Kaufhof seit Juni 2019 das alleinige Sagen. In der Vergangenheit sparte Signa nicht mit vollmundigen Ankündigungen: Die Fusion von Karstadt und Kaufhof ermögliche "die Umsetzung der Vision vom Marktplatz der Zukunft", erklärte Benkos Holding etwa. Arbeitnehmer kritisierten dagegen, bei Galeria werde nur gespart. Benkos Interesse gelte den Immobilien, kritisierten sie. Ein Paket mit 17 Immobilien hat Signa Insidern zufolge bereits an einen Finanzinvestor verkauft.

Letztlich kam der "Marktplatz der Zukunft" bisher nicht in Schwung. Kebekus und Geiwitz arbeiten nun unter hohem Zeitdruck den Sanierungsplan aus und setzen auch auf Zugeständnisse der Vermieter. Die Lage ist dabei dramatisch: "Galeria Karstadt Kaufhof hat während der Zeit der Komplettschließung mehr als eine halbe Milliarde Euro verloren", hieß es in einem Schreiben der Geschäftsleitung im Mai: "Insgesamt dürfte sich der Umsatzverlust auf bis zu eine Milliarde Euro erhöhen."

Dramtische Folgen für die Innenstädte befürchtet

Immerhin fallen die Schließungspläne jetzt weniger drastisch aus als ursprünglich befürchtet: Bei dem Warenhaus-Riesen waren nach den ersten Plänen von Kebekus bis zu 80 Kaufhäuser vom Ende bedroht. Ver.di hofft sogar, die Zahl der Schließungen noch weiter senken zu können. "Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte das Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Hier sei auch die Politik gefordert.

Geiwitz und Kebekus wollen nun am 22. Juni den Gläubigern einen Insolvenzplan präsentieren. Für die betroffenen Kommunen bedeuten die Pläne zur Schließung der Warenhäuser in besten Innenstadtlagen einen herben Rückschlag. "Stirbt der Handel, stirbt die Stadt", warnte der Einzelhandelsverband HDE. Er hält es für möglich, dass durch die aktuelle Krise rund 50.000 Handelsstandorte in Deutschland verloren gehen.

"Das ist ein weiterer Kahlschlag. Seit 2010 sind bereits 39.000 Einzelhandelsgeschäfte verschwunden", sagte Experte Portz vom Städte- und Gemeindebund. Es komme nun darauf an, die Auswirkungen dieser Kaufhaus-Schließungen in Grenzen zu halten, mahnte der Städtetag. Der HDE forderte einen Innenstadtfonds, um die Stadtzentren aufzuwerten. Die Politik müsse an dieser Stelle eingreifen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juni 2020 um 17:00 Uhr.